Islamische Bademode

"Demokratie ist eine (falsche) Religion"

Antidemokratische Positionen radikaler Islamisten


19.10.2009
Radikale Islamisten wie die Hizb ut-Tahrir lehnen demokratische Wahlen ab, auch ein Engagement in den etablierten politischen Parteien verstoße gegen den Islam. Unter islamischen Jugendlichen findet Fundamentalkritik an der "Religion der Demokratie" Anhänger.

Angela Merkel in der Mitte von Jugendlichen mit Migrationshintergrund beim Jugendintegrationsgipfel 2007.Angela Merkel in der Mitte von Jugendlichen mit Migrationshintergrund beim Jugendintegrationsgipfel 2007. Demokratisches Engagement gilt unter einigen islamistischen Splittergruppen als "islamrechtlich nicht erlaubt". (© AP)

Im Vorfeld der Bundestagswahl 2009 warben zahlreiche religiöse Verbände und Organisationen um ein verstärktes Engagement der deutschen Muslime im politischen Leben. Unter radikalen Islamisten gilt eine solche Beteiligung an politischen Entscheidungsprozessen jedoch als verwerflich. Es sei Gott allein, so glauben sie, der ewig gültige Gesetze erlassen habe. Die Menschen müssten sich lediglich an diese halten, statt sich über die Wahl von Repräsentanten und Interessenvertretungen selbst neue Gesetze zu geben. Dies stelle eine Anmaßung gegenüber Gott dar.

Zwar vertritt lediglich eine kleine Randströmung des Islam diese Haltung, sie findet aber über ihre unmittelbare Anhängerschaft hinaus Gehör: "Jetzt wollen sie uns zu ihrem Din [Religion] zwingen" vermutete etwa eine Teilnehmerin eines vornehmlich von jungen Erwachsenen genutzten deutschsprachigen salafitischen Internetforums anlässlich der nach der Europa-Wahl diskutierten Idee, eine Wahlpflicht einzuführen.

Wer im Internet nach Informationen über den Islam sucht, stößt schnell auf eine der zahlreichen Seiten, mit denen vor allem salafitische Gruppierungen nicht zuletzt unter jungen Muslimen für solche Positionen werben. Ein Beispiel dafür ist die deutschsprachige Seite al-azr.com. Ihre Betreiber betonen, jede "gesetzgebende oder dem Unglauben loyale Institution" abzulehnen - das heißt, sie sind aufgrund ihres Religionsverständnisses grundsätzlich gegen eine demokratische Staatsordnung. Neben den Übersetzungen von Klassikern islamistischer Ideologie wie Ibn Taimiyya oder Sayyid Qutb findet sich auf al-azr.com auch eine deutsche Fassung des Buches "Die Religion der Demokratie". Dessen Autor, der Jordanier Abu Muhammad al-Maqdisi, wurde als geistiger Vater des irakischen Jihadisten-Führers Abu Musab al-Zarqawi bekannt und zählt zu den international einflussreichsten Theoretikern des Jihadismus, der Ideologie vom Krieg gegen die - muslimischen wie nicht-muslimischen - "Ungläubigen".

Maqdisi schreibt: "Wir haben, gezeigt, dass die Demokratie eine Religion ist. Jedoch ist sie nicht die Religion Allahs. (...) Wir müssen jene, die der Demokratie folgen, zerstören und wir müssen ihre Anhänger als Feinde betrachten - sie hassen und einen großen Jihad gegen sie ausführen". Der Jihad gegen die "Anhänger und Helfer" der Demokratie diene laut Maqdisi dazu, "dieses menschengemachte System zu zerstören und zu versuchen, die Menschen dazu zu bringen, sich von der Anbetung (an dieses System) abzuwenden und zur Anbetung an Allah allein zurückzukehren." Mehrheitsentscheidungen, Parlamente und Verfassungen lehnen diese radikalen Islamisten ab, weil in einer Demokratie die Verse des Koran und die Überlieferungen des Propheten nicht berücksichtigt würden. Maqdisi bezeichnet die Repräsentanten des Volkes als "angebetete Götzen" und Parlamente als "heidnische Heiligtümer".

Ähnlich argumentiert auch die islamistische Gruppierung Hizb ut-Tahrir, die "Partei der Befreiung". Die in Deutschland verbotene aber weiterhin aktive Organisation hat es sich zum Ziel gesetzt, mit der Wiedereinrichtung des Kalifats eine islamische Ordnung durchzusetzen. Daher kämpft sie gegen die Integration von Muslimen in die deutsche Gesellschaft. Auch wer sich in einer der etablierten politischen Parteien engagiere begehe eine Sünde, so die Hizb ut-Tahrir: Weil diese Parteien nicht auf der Grundlage des Islams agierten, verstieße ihre Wahl gegen die Prinzipien des Islam. Demnach sei die Beteiligung an der Wahl von Parlamentsabgeordneten, Parteilisten, Bürgermeistern und Gemeinderatsmitgliedern "im westlichen System des Unglaubens" einer "sündhaften Handlung" gleichzusetzen. Weil "die Arbeit der Gewählten eine verbotene Tätigkeit darstellt, da sie nicht auf dem Islam basiert, ist folglich die Wahl und Akzeptanz einer Person, die sündhaft handelt, ebenfalls islamrechtlich nicht erlaubt", heißt es in einer Erklärung auf einer Webseite dieser islamistischen Splittergruppe.

Politisch betätigen sollen sich Muslime allerdings dennoch: Sie sollen nach "erlaubten Alternativen" suchen, um Einfluss auf die "falschen Systeme" zu nehmen und sie zu verändern. Schließlich gehe es darum, "die Unwahrheit durch die Wahrheit auf der Welt" zu ersetzen. Gerade unter Jugendlichen und jungen Erwachsenen stoßen diese Gruppierungen mit ihrer radikalen Kritik an der bestehenden Ordnung und ihrem in Gut und Böse unterteilten Weltbild auf Interesse. Statt gleicher Rechte für Muslime und Schutz vor Diskriminierungen fordern sie eine Umwälzung der Verhältnisse: die Errichtung einer neuen Ordnung auf der Grundlage ihres eigenen Islamverständnisses.



 

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