Islamische Bademode

Wählen ist eine "Muslimpflicht"

Islamische Organisationen rufen zu Mitgestaltung auf


19.10.2009
Vor der Bundestagwahl 2009 riefen islamische Verbände und Autoren zur Stimmabgabe auf. Während die einen dadurch Einfluss nehmen möchten, vor allem in der Islam- und Integrationspolitik, warnen andere vor Klientelpolitik: Politische Ansichten sollten nicht alleine von der Religionszugehörigkeit bestimmt werden.

Die Hand einer nicht im Bild befindlichen Person, die einen Stimmzettel in eine Wahlurne wirft. Im Hintergrund überwachen zwei Wahlhelfer die Stimmabgabe. Das Foto entstand in einem Duisburger Wahllokal während der nordrhein-westfälischen Kommunalwahlen 2004.Islamische Verbände und Autoren riefen vor der Bundestagswahl zur Stimmabgabe auf. (© AP)

"Ich gehe wählen, weil Deutschland meine Heimat ist." Aus Sicht der Muslimischen Jugend in Deutschland e. V. (MJD) war die Beteiligung an der Bundestagswahl eine Selbstverständlichkeit. Die MJD steht für einen konservativen Islam. In der Vergangenheit wurde ihr immer wieder Nähe zur islamistischen Muslimbruderschaft vorgeworfen. Die Organisation selbst betont dagegen ihre Zugehörigkeit zur deutschen Gesellschaft und tritt für mehr soziales und politisches Engagement von Muslimen ein. "Ich bin hier geboren", hieß es in einem Aufruf zur Bundestagswahl auf der Website der MJD, "bin hier aufgewachsen und möchte inschaAllah meine Zukunft hier in Deutschland verbringen. Deswegen möchte ich auch gesellschaftlich und politisch etwas verändern können." Dabei geht es der MJD auch um eine Verantwortung vor Gott: "Ich gehe wählen, weil ich eine Verantwortung vor Allah habe", heißt es weiter. "Der Mensch ist Statthalter Gottes auf Erden. Eine mir als Mensch auferlegte Pflicht ist, die Amana, das anvertraute Gut, zu behüten."

Für viele der religiösen islamischen Organisationen in Deutschland war ein solches Engagement nicht immer selbstverständlich. Erst seit einigen Jahren bemühen sich auch die etablierten Verbände darum, sich aktiv in die deutsche Politik einzubringen. Lange Zeit hatten sie sich auf Aktivitäten im Kreis der Gemeinde beschränkt - was unter anderem auch damit zusammenhing, dass viele Muslime ohne Staatsbürgerschaft vom politischen Mitspracherecht ausgeschlossen waren.

Mittlerweile legen viele Verbände stärkeres Gewicht auf politisches Engagement. So appellierte etwa Aiman Mazyek vom Zentralrat der Muslime in Deutschland (ZMD) im Vorfeld der Bundestageswahlen eindringlich an die Muslime, wählen zu gehen. "Nutzen sollen die deutschen Muslime ihr demokratisches Recht. Es sollte Bürger- und Muslimpflicht sein, am 27. September wählen zu gehen", erklärte er in einem Beitrag für sogesehen.tv auf der Website Islam.de.

Eine ganz ähnliche Sichtweise vertritt auch die Islamische Gemeinschaft Milli Görüs (IGMG). Die IGMG wird vom Verfassungsschutz beobachtet, versucht aber bereits seit Längerem, das Image einer islamistischen Organisation loszuwerden und sich als anerkannter gesellschaftlicher Akteur in Deutschland zu etablieren. "Geht wählen - und in die Politik", forderte der Generalsekretär der IGMG Oguz Üçüncü daher in einem Kommentar auf der Website des Verbandes. Als Teil der Gesellschaft würden schließlich auch Muslime unter den vielfältigen gesellschaftlichen Problemen leiden, mit denen Deutschland zu kämpfen habe. Hinzu kämen allerdings "weitere Problemfelder, bei denen wir aufgrund unserer religiösen Zugehörigkeit oder des zumeist vorliegenden Migrationshintergrunds besonders betroffen sind." Gerade mit Blick auf die Islam- und Integrationspolitik sei es daher wichtig, dass "Muslime mitreden und mitgestalten - auch in der Politik."

Ein solches Engagement von Muslimen und Migranten fordert auch ein Leitartikel der September-Ausgabe des arabischsprachigen Berliner Anzeigenmagazins Al-Dalil: Die Araber in Deutschland mögen sich verstärkt in die Politik einbringen, denn: "Rechte werden nicht gegeben, sondern erstritten!". Schon in der Vergangenheit hatte das Magazin die Passivität kritisiert, mit der die verschiedenen arabischen Vereine die politischen Entwicklungen in Deutschland begleiten würden. Zu oft ginge es in der Vereinsarbeit um persönliche Streitigkeiten und ein Gezerre um Positionen als um eine wirkliche Vertretung der Interessen arabischer Migranten. "Nun ist der Ball in unserer Hälfte", und es sei an der Zeit, dass man sich in Parteien und in zivilgesellschaftlichen Organisationen für eine angemessene Vertretung der arabischen Community einsetze. Dabei gehe es letztlich auch um die Erziehung der Kinder. "Lasst uns unseren Kindern beibringen, wie sie sich in die deutsche Gesellschaft integrieren können, lasst uns eine Generation aufziehen, die in der Gesellschaft verankert ist und die sich für unsere Interessen und Belange einsetzt", wird in dem Leitartikel gefordert.

Doch unumstritten sind solche Forderungen nicht. So wenden sich manche Stimmen ausdrücklich gegen eine reine Klientelpolitik für Muslime oder Migranten. Viele Probleme, mit denen Muslime heute konfrontiert seien, stellten sich ihnen schließlich nicht als Muslime, sondern als Menschen, gibt etwa Hilal Sezgin in ihrem Islamischen Wort im SWR zu bedenken. "Ich denke, wir Muslime müssen die volle Gleichberechtigung des Islams einfordern - doch wir dürfen unsere politische Perspektive nicht auf die Religionszugehörigkeit verengen", rät die deutsch-türkische Publizistin. "Wir sprechen so oft von Gerechtigkeit. Aber viele Ungerechtigkeiten betreffen Menschen, weil sie arm, ungebildet, weiblich oder ‚Ausländer' sind - ob sie nun Muslime sind oder nicht." Auch sie lässt allerdings keinen Zweifel daran, dass ein größeres politisches Engagement von Muslimen als deutsche Staatsbürger überfällig ist.

Quellen:

Muslimische Jugend Deutschland: http://www.mjd-net.de/node/3854

sogesehen.tv http://sogesehen.tv/?s=s31_03_09_09

IGMG: http://www.igmg.de/nachrichten/artikel/2009/08/30/geht-waehlen-und-in-die-politik.html

Al-Dalil: http://www.dalil.org/models/dalil/9-2009/article.pdf

Islamisches Wort im SWR: http://www.swr.de/contra/-/id=5326878/property=download/nid=7612/pxmvuu/
Hilal+Sezgin%2C+September+2009.pdf




 

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