Sind Nicht-Muslime "Ungläubige"?
Diskussionen um den Begriff des "kufr"
21.8.2009
"Sie sind eine Ungläubige und wir sind gläubige Muslime. (…) Ihr bewegt euch in einer totalen Dunkelheit durch diese Welt, und ihr wisst gar nichts." Harry Harun Behr zitiert diese Worte aus dem Brief eines muslimischen Vaters, dessen Sohn von seiner Lehrerin zum Nachsitzen verdonnert wurde. Nichts ahnend hatte sie den Schüler an einem Tag einbestellt, an dem das Ende des Ramadan begangen wird. ("Wer sind denn die Ungläubigen?", Zeitschrift für die Religionslehre des Islam, Juli 2008)
Newsletter Jugendkultur, Islam und Demokratie
Dieser Beitrag erschien ursprünglich im Newsletter "Jugendkultur, Islam und Demokratie",
Ausgabe Nr. 13-14/August 2009. Der Newsletter wird im Auftrag der bpb erstellt durch ufuq.de - Jugendkultur, Medien und politische Bildung in der Einwanderungsgesellschaft e.V.
Als Professor für Islamische Religionslehre,
Lehrer und als Muslim wendet sich Behr
gegen eine solche Lesart der islamischen
Quellen, in der der Begriff des "kufr" benutzt
wird, um sich von Nicht-Muslimen
abzugrenzen und diese als "Ungläubige"
zu denunzieren. Eine Kritik dieser Lesart
sei nicht zuletzt auch deshalb notwendig,
schreibt Behr, weil man den Islam "vor
denen (schützen müsse), die sich auf ihn
berufen."
Tatsächlich lassen sich das Wort "kufr" und
die davon abgeleiteten Bezeichnungen
"kafir"/"kuffar" für die Personen, die "kufr"
begehen, nur ungenau mit "Unglauben"
und "Ungläubiger" wiedergeben. Im Koran
beschreibt der Begriff nicht nur diejenigen,
die gar nicht glauben, sondern alle, die die
Glaubensinhalte des Islam nicht uneingeschränkt
teilen oder einzelne Facetten
anders auslegen und leben. Dazu gehören
neben Juden und Christen daher auch
solche Muslime, die in einzelnen Punkten
von jeweils vorherrschenden Deutungen
des Islam abweichen.
Plädoyer für Vielfalt
In einem Beitrag zum "Islamischen
Wort" im SWR sprach der Dialogbeauftragte
der DITIB, Bekir Alboga, kürzlich
über das Prinzip der Vielfalt im Islam: "Gott wollte, dass es Unterschiede
gibt. Im Koran heißt es dazu sinngemäß: 'Lass den gläubig werden, der will
und lass jenen den Unglauben bevorzugen,
der will' (Sure 18:19)." Dies, so
Alboga weiter, sei "ein deutlicher Ausdruck
dessen, dass der freie Wille der
Menschen essentiell ist – auch, und vor
allem, in Glaubenssachen." (Das Islamische
Wort, 10. Juni 2009, www.swr.de)
Dieses Plädoyer für die individuelle Freiheit
im Glauben ist aus Sicht konservativer
islamischer Verbände nicht selbstverständlich.
Der Begriff des "kufr" dient ihnen zur Beschreibung von Abweichungen
vom Glauben, wie er nach
ihrer Lesart in den islamischen Quellen
festgeschrieben ist.
Gerade in salafitischen Kreisen, die durch
äußerst rigide Auslegungen des Koran und
der Hadithe geprägt sind, wird die Ablehnung
des "kufr" genutzt, um die eigene
Rechtschaffenheit zu betonen. "Takfir",
"jemanden zum kafir erklären", heißt diese
Methode, für welche die salafitische Strömung
auch unter Muslimen scharf kritisiert
wird. Nicht zuletzt, weil sie von einigen
radikalen Salafiten als Aufruf zur Tötung
derjenigen verstanden wird, die vom vermeintlich
wahren Glauben abgefallen sind.
Die Denunziation als "kafir" wird in der innerislamischen
Auseinandersetzung von
dieser Seite eingesetzt, um den eigenen
Anspruch auf die Deutungshoheit über
"den Islam" durchzusetzen. Indem man
andere als "kuffar" abwertet, erscheint
man selbst als Anhänger der wahren und
unverfälschten Lehre.
Oft beinhaltet dies auch den Vorwurf des
Verrats an der Gemeinschaft der Muslime.
Dies wird in einem Video deutlich, das seit
einigen Wochen auf Youtube kursiert. Anlass
des Videos war ein Eintrag, den ein
junger Muslim auf seinem Weblog verfasst
hatte. Darin kritisierte der Blogger
den salafitischen Prediger Pierre Vogel,
der gerade unter Jugendlichen populär
ist. Vogel, so hieß es in dem Blogeintrag,
verkürze den Islam auf populistische Art
und mache ihn anschlussfähig für extremistisches
Denken. Auf Youtube wird der
Betreiber des Weblogs nun aufs Schärfste
angegangen. Die Kritik an Vogel, so heißt
es in dem Video, liefere den "kuffar" Argumente,
mit denen sie gegen den Islam
vorgehen können. Es handele sich daher
um einen Verrat an der Umma, der islamischen
Gemeinschaft (»youtube.com«). Die
Botschaft der wüsten Beschimpfungen ist
eindeutig: "Pass auf, was Du sagst – oder
wir erklären Dich zum Feind des Islam!"
Weil die Denunziation des Anderen ein Mittel
ist, um die eigene Identität zu betonen,
ist sie gerade für Jugendliche und junge
Erwachsene verlockend, die ihren Platz in
der Gesellschaft suchen. Vielfach bringen
sie auch durch äußerliche Merkmale ihre
Abgrenzung von der nicht-islamischen
Gesellschaft zum Ausdruck. So ist es
Muslimen nach einer Fatwa eines in Saudi
Arabien lehrenden Scheichs, die vom IslamischenZentrum Münster verbreitet wird,
verboten, sich ähnlich wie Nicht-Muslime
zu rasieren. In der Fatwa heißt es: "Das
Rasieren des Bartes ist verboten (haraam) aufgrund der zahlreichen authentischen
Hadithe, die dies klar ausdrücken, und
wegen der allgemeinen Aussagen, die
das Imitieren der Kuffar verbieten. Eine
davon ist der von Ibn Umar überlieferte
Hadith, dass der Gesandte Allahs sagte:
'Unterscheidet Euch von den Muschrikin
(die, die nicht an den einen Gott glauben).
Lasst euren Bart wachsen und kürzt den
Schnurrbart.'" ("Über das Rasieren des
Bartes", »fataawa.de«) Der lange Bart, den
junge Muslime aus diesem islamischen
Spektrum häufig tragen, enthält also auch
eine Botschaft an die Umwelt.
Diese Darstellung ist keine Ausnahme.
Die Abgrenzung von Nicht-Muslimen ist
ein immer wiederkehrendes Motiv in den
Texten und Videos, die von dem salafitischen
Netzwerk, dem auch die Seite
fatawwa.de angehört, verbreitet werden
(siehe dazu auch
Newsletter Nr. 4/Januar 2008).
Dabei geht es nicht nur um eine äußerliche
Unterscheidung, sondern auch um das
Meiden nicht-islamischer Gesellschaft.
So werden die Muslime in einer anderen
Fatwa dazu aufgefordert, sich aus religiösen
Gründen von Festen der Nicht-
Muslime fernzuhalten. Eine Begegnung
mit Nicht-Muslimen bedeute danach, sich
mit den Feinden Gottes gemeinzumachen:
"Es ist für den Muslim nicht erlaubt,
die Nicht-Muslime (Kuffar) bei ihren Festen
zu besuchen und Freude sowie Vergnügen
zu diesen Anlässen auszudrücken,
oder anlässlich dieses Festes an diesem
Tag von der Arbeit frei zu nehmen, sei der
Anlass religiös oder weltlich, da dies eine
Art Imitation der Feinde Allahs – welches
verboten ist – und eine Art der Kooperation
in Falschem mit ihnen ist", heißt es in
der Fatwa. Schließlich sei vom Propheten
Muhammad der Ausspruch überliefert:
"Wer auch immer ein Volk nachahmt, ist
einer von ihnen." ("Verbot des Feierns
der Feste der Nicht-Muslime (Kuffar)",
»fataawa.de«)
Unter Muslimen ist diese Haltung sehr umstritten.
So betont die Islamische GemeinschaftMilli Görüs (IGMG), die in ihrer Arbeit
selbst viel Wert auf die Stärkung einer
nach außen getragenen islamischen Identität
legt, dass die Bezeichnung als "kufr"
nicht gleichbedeutend sei mit dem Vorwurf
der Gottlosigkeit. Zwar seien Christen
und Juden nach islamischem Verständnis
"kuffar", aber dennoch gottgläubig – auch
wenn sich ihr Glauben vom Islam unterscheide.
Im Unterschied zur salafitischen
Argumentation werden die monotheistischen
Religionen hier durchaus anerkannt.
("Zur Verwendung des Begriffs 'Kufr'",
»igmg.de«)
Harry Harun Behr geht in seiner Auseinandersetzung
mit dem Begriff des "kufr"
noch weiter. Er wendet sich letztlich gegen
ein Verständnis des Begriffes, das zur Abgrenzung
von den "kuffar" geeignet wäre.
So sei ein Bittgebet des Korans, in dem
Gott um Beistand gegen diejenigen gebeten
wird, "die kafir sind", keineswegs als
Schlachtruf gegen Nicht-Muslime zu verstehen.
Vielmehr lasse sich das Gebet als
Bitte lesen, Gott möge dem Gläubigen in
der Auseinandersetzung mit dem "kufr"
in seinem eigenen Leben beistehen. Bei
dem Gebet handele es sich aus seiner
Sicht "um die arabische Variante der altschwäbischen
Tugend (…), erst mal vor
der eigenen Türe zu kehren." ("Wer sind
denn die Ungläubigen?", Zeitschrift für die Religionslehre des Islam, Juli 2008)
Als Nicht-Muslim ist es kaum möglich, sich
an innerislamischen Diskussionen darüber
zu beteiligen, wie ein bestimmtes religiöses
Konzept zu verstehen sei. Trotzdem
kann es hilfreich sein, auf unterschiedliche
Sichtweisen unter Muslimen hinzuweisen
– zum Beispiel, um jungen Muslimen, die
nach Zugehörigkeit und Identität suchen,
die Möglichkeit anderer Lesarten aufzuzeigen.
Zudem muss man natürlich selbst
kein Muslim sein, um zu widersprechen,
wenn junge Muslime den Begriff "kufr" verwenden,
um andere – Muslime wie Nicht-
Muslime – zu diffamieren.
Zum Weiterlesen
Wer sind die "Ungläubigen" aus christlicher
Sicht – und wer aus muslimischer
Sicht? Auch im Christentum spielt die
Abgrenzung von Andersgläubigen
schließlich eine wichtige Rolle. Rüdiger
Braun und Harry Harun Behr gehen
dieser Frage in zwei lesenswerten Beiträgen
der Zeitschrift für die Religionslehre
des Islam (Heft 2 und 3/2008)
nach. Die beiden Autoren zeigen die
Entwicklungen auf, von denen das
Verhältnis der Gläubigen zu Andersgläubigen
in der Geschichte geprägt
war. Dabei weisen sie auch auf die Probleme
hin, die mit der Abwertung als
"ungläubig" heute noch einhergehen.
Die Ausgaben der Zeitschrift können
beim Interdisziplinären Zentrum für Islamische
Religionslehre der Universität
Erlangen-Nürnberg kostenlos bestellt
werden: hb@ewf.uni-erlangen.de
Dossier
Islamismus
Seit 9/11 hat ein Wort Hochkonjunktur: Islamismus. Wer sind seine Wortführer? Welche Ziele verfolgen sie? Das Dossier führt ein in Vergangenheit und Gegenwart der extremistischen Herrschaftstheorie, die die Welt des 21. Jahrhunderts vor große Herausforderungen stellt. Weiter...
DebatteKonfliktstoff Kopftuch
Darf eine muslimische Lehrerin in deutschen Schulen ein Kopftuch tragen? Die Debatte um das Kopftuch zeigt eine Gesellschaft auf der Suche nach ihrer Identität. Weiter...

