Islamische Bademode

"Coole Zeltlager" in islamischer Atmosphäre


21.8.2009
Auch in diesem Sommer gab es wieder zahlreiche Ferienangebote für Jugendliche, in denen Freizeitaktivitäten mit religiöser Unterweisung verbunden wurden. Das von islamischen Vereinen organisierte Angebot soll die Integration der Kinder fördern. Die Grundsätze einiger solcher Organisationen lassen jedoch gegenteilige Ziele vermuten.

"Ein Leben ohne Bildung ist kein muslimisches Leben." Mit diesen Worten schickte die Islamische Gemeinschaft Milli Görüs (IGMG) ihre Mitglieder Anfang Juli in den Sommerurlaub. In einer Freitagspredigt des Verbandes hieß es, man möge die Ferien dazu nutzen, um die Kinder mit Sehenswürdigkeiten und historischen Orten vertraut zu machen und um "an gesellschaftlichen Ereignissen wie Hochzeiten, Feierlichkeiten und auch Begräbnissen (teilzunehmen). Auf diese Weise sollte (den Kindern) die Gelegenheit gegeben werden, dazuzulernen und Vergleiche zu ihrer Lebensführung zu ziehen." (Freitagspredigt, 10. Juli 2009, igmg.de)

Newsletter Jugendkultur, Islam und Demokratie

Dieser Beitrag erschien ursprünglich im Newsletter "Jugendkultur, Islam und Demokratie", PDF-Icon Ausgabe Nr. 13-14/August 2009. Der Newsletter wird im Auftrag der bpb erstellt durch ufuq.de - Jugendkultur, Medien und politische Bildung in der Einwanderungsgesellschaft e.V.



Auch in diesem Sommer bieten zahlreiche islamische Vereine Freizeiten an, bei denen Freizeitaktivitäten mit religiöser Unterweisung verbunden werden. So organisiert die IGMG in mehreren Orten Sommerschulen, in denen der Islam Kindern spielerisch näher gebracht werden soll, wie Mehmet Gendik von der Bildungsabteilung der IGMG erklärt. Er sieht darin auch einen "Gewinn für die Gesellschaft", schließlich würden diese Aktivitäten wesentlich zur Identitätsbildung der Kinder beitragen und damit deren Integration erleichtern. (Interview mit Mehmet Gendik, 6. Juli 2009, igmg.de)

Auch die Muslimische Jugend in Deutschland(MJD) lädt in diesem Jahr wieder zu Veranstaltungen ein, die "ein islamisches Spaßhaben" versprechen. Die bundesweit aktive MJD steht für eine Strömung im Islam, die mit dem Begriff des Pop-Islam treffend charakterisiert wird. "Hip", "deutsch", "Muslim" sind einige der Stichwörter, mit denen sich der Verein selbst beschreibt. Die MJD versucht, konservative Religiosität mit dem Alltag in der deutschen Gesellschaft in Einklang zu bringen. Neben Fallschirmspringen und Kegeln geht es daher bei den FunDays des Vereins auch um Poetry Slam und Koran-Lektüre (mjd-net.de). Bei ihren Veranstaltungen legt die MJD Wert darauf, auch aktuelle gesellschaftliche und politische Themen aufzugreifen. Beim MJD-Jahrestreffen im Mai informierte beispielsweise Rolf Verleger vom Zentralrat der Juden über das Judentum, während ein Vertreter der Polizei über das Thema häusliche Gewalt aufklärte.

Ähnlich sieht das Sommerprogramm auch beim Haus des Islam (HDI) in Lützelbach aus. Das HDI ist eine der ältesten islamischen Einrichtungen, die sich der islamischen Jugendarbeit verschrieben haben. Mit Wanderungen und Zeltlagern verspricht das HDI, das mit der MJD zusammenarbeitet, ein "unvergessliches Abenteuer unter Muslimen" (hausdesislam.de). Auch das HDI legt Wert darauf, den Veranstaltungen einen islamischen Rahmen zu geben. Das gemeinsame Beten und das Lesen des Korans gehören selbstverständlich dazu, ebenso wie die Trennung der Geschlechter bei vielen Aktivitäten.

Diese Veranstaltungen ähneln in vielerlei Hinsicht Freizeiten, wie sie von manchen christlichen Vereinen angeboten werden. Hier wie dort spiegelt sich das Spektrum der religiösen Strömungen in der unterschiedlichen Ausrichtung der Programme. Neben Glaubensunterweisungen steht bei vielen Vereinen auch der "Spaßfaktor" ganz oben auf dem Programm. Spirituelle Erfahrungen und religiöse Rituale spielen jedoch auch bei diesen Vereinen eine wichtige Rolle, denn schließlich gelten die Veranstaltungen als Teil der Dawa-Arbeit, dem Werben für den Islam.

Diese Dawa zielt vor allem auf Mitglieder der islamischen Organisationen und Vereine selbst. Sie sollen in ihrer "islamischen Identität" gefestigt werden. So betont die IGMG immer wieder, dass allein eine religiöse Erziehung die Voraussetzung biete, um in der heutigen Welt zu bestehen. "Nur eine religiöse Erziehung, die auf den rechten Grundlagen basiert, kann den Heranwachsenden auf ein Leben in dieser komplizierten Welt vorbereiten", mahnte der Verein zum Beispiel Mitte Juni in einer Predigt über Kindererziehung. "Nicht zuletzt ist eine grundlegende religiöse Erziehung ein Schutz gegen allerlei Schlechtem, von dem es auf dieser Erde leider viel zu viel gibt" (Freitagspredigt, 12. Juni 2009, igmg.de). Erst wenn sich junge Muslime ihrer Identität als Muslime bewusst wären und diese selbstbewusst nach außen vertreten könnten, so ließe sich die Sicht der IGMG zusammenfassen, wären sie auch in der Lage, auf andere zuzugehen und sich auf die nicht-islamische Gesellschaft einzulassen.

Gerade die Behauptung, dass nur die religiöse Erziehung eine Orientierung in der Gesellschaft biete, sollte allerdings Anlass sein, sich die Ziele der jeweiligen Vereine und die Inhalte der Aktivitäten genauer anzuschauen. Das Bestehen auf einer vermeintlich richtigen Lehre, die von Kindern und Jugendlichen verinnerlicht werden müsse, um angesichts der Probleme des Alltags bestehen zu können, wäre jedenfalls mit zeitgemäßer Pädagogik und einer Jugendarbeit, die auf Eindeutigkeitsangebote verzichtet, kaum zu vereinbaren.




 

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