Islamische Bademode

Wider den Materialismus

Harun Yahya und der islamische Kreationismus


16.2.2009
Eine umfangreiche PR-Kampagne rückte im Jahr 2007 den bekanntesten Vertreter des islamischen Kreationismus, den türkischen Publizisten Harun Yahya, ins Blickfeld einer breiten Öffentlichkeit. Martin Riexinger erläutert die religiösen und politischen Motivationen für das Bestreiten der modernen Evolutionstheorie.

Ein Schädel eines "Homo Heidelbergensis", links, und eine Rekonstruktion seines Gesichtes sind als Teil der "Atapuerca and Human Evolution"-Ausstellung im Archäologischen Nationalmuseum in Madrid am 16. Dezember 2005. Der etwa 400.000 Jahre alte Schädel, der von seinen Entdeckern "Manolon" genannt wurde, gilt als einer der komplettesten fossilen Schädel dieser Epoche, die jemals gefunden worden.Islamische Kreationisten führen sowohl religiöse als auch politische Gründe gegen die Evolutionstheorie an. Im Bild ein Schädel des Homo heidelbergensis. (© AP)

Sechs Kilo schwere Büchersendungen gingen vor anderthalb Jahren an unterschiedliche Adressaten in Europa, darunter Naturkundemuseen in Deutschland, Schulen in Frankreich und lutherische Pastoren in Dänemark. Das unerwartete Buchpräsent entpuppte sich als Atlas der Schöpfung. Auf 800 Kunstdruckseiten wird darin verkündet, dass es sich bei der Evolutionstheorie um eine Lüge handele, die an allem Übel der modernen Welt schuld sei. Verfasst wurde dieses Werk jedoch nicht von christlichen Fundamentalisten im amerikanischen Bible Belt, sondern von der Stiftung für Wissenschaftsforschung in Istanbul. Die PR-Kampagne rückte den prominentesten Vertreter des islamischen Kreationismus, den türkischen Publizisten Harun Yahya, ins Blickfeld einer breiteren Öffentlichkeit. Bereits in den voangegangenen Jahren berichteten Lehrer über muslimische Schüler, die sich im Unterricht gegen eine Behandlung der Evolutionstheorie wehrten.

Aufmerksamen Beobachtern war auch nicht entgangen, dass Yahyas Schriften schon seit den späten 90er Jahren in islamischen Buchhandlungen in Europa vertrieben wurden und dass Websites von Moscheevereinen und islamischen Studentenverbindungen auf Yahyas Internetangebote verwiesen.

Newsletter Jugendkultur, Islam und Demokratie

Dieser Beitrag erschien ursprünglich im Newsletter "Jugendkultur, Islam und Demokratie", PDF-Icon Ausgabe Nr. 10/Februar 2009. Der Newsletter wird im Auftrag der bpb erstellt durch ufuq.de - Jugendkultur, Medien und politische Bildung in der Einwanderungsgesellschaft e.V.



Dabei hatte sich der Kreationismus in der Türkei erst im Kontext eines sich intensivierenden islamischen Diskurses der 70er und 80er Jahre zu einem zentralen Element im Selbstverständnis vieler konservativer Muslime entwickelt.

Die Gegner der Evolutionstheorie führen sowohl religiöse als auch politische Gründe an: Auf religiöser Ebene stehe die Evolutionstheorie in ausdrücklichem Widerspruch zu Aussagen des Koran. Zwar enthält der Koran keinen detaillierten Schöpfungsbericht, der den Darstellungen der Genesis vergleichbar wäre. Die koranischen Aussagen über die Erschaffung Adams sind aber eindeutig: Ihnen zufolge wurde Adam von Gott in einem besonderen Schöpfungsakt aus Lehm geformt. (6:2, 15:26-33, 23:12, 37:11, 32:7-9, 55:14) Hinzu kommt, dass die Evolutionstheorie den Menschen ins Tierreich einordnet und seine Entstehung als Resultat zufälliger Mutationen und Selektionsprozesse erklärt. Damit negiere diese Lehre die Sonderstellung des Menschen als Krone der Schöpfung.

Zudem gilt vielen Muslimen gerade die Regelmäßigkeit von Naturerscheinungen und die Nützlichkeit von Pflanzen und Tieren für den Menschen als Beweis für einen weisen und bewusst handelnden Schöpfer. Die Evolutionstheorie nimmt der Schöpfung diesen göttlichen Charakter.

Die weltanschauliche Brisanz der Frage nach dem Ursprung des Menschen steht in einem weiteren politischen Zusammenhang: Die Evolutionstheorie stieß im späten Osmanischen Reich vor allem unter Kritikern der Herrschaft von Sultan Abdülhamit II. auf breitere Aufmerksamkeit. Sie sahen in der Lehre von der Entwicklung der Schöpfung eine Waffe gegen die islamisch legitimierte Autokratie. Unter Kemal Atatürk, der in den 20er Jahren eine autoritäre Modernisierung der Gesellschaft vorantrieb, wurde die Evolutionstheorie schließlich in den Biologie- und Geschichtsunterricht eingeführt. Für das religiöse Lager geriet sie so zu einem Symbol einer von Materialismus und Säkularismus geprägten Gesellschaft.

In Abgrenzung dazu fand die Lehre vom Kreationismus ab Mitte der 60er Jahre zunehmend Verbreitung. Die Kritik an der Evolutionslehre wurde nun erneut zu einem Feld der Auseinandersetzung zwischen Anhängern säkularer politischer Strömungen und konservativen Muslimen.

Eine wichtige Rolle spielten dabei die Nurcus, eine von dem Prediger Said Nursi (gest. 1960) gegründete religiös-konservative Gruppierung. Einige Wortführer dieser Bewegung – darunter der heute sehr populäre Prediger Fethullah Gülen – bemühten sich, die Grundlagen der, wie sie sagen, materialistischen Weltanschauung ihrer politischen und ideologischen Gegner zu widerlegen. Sympathien gewannen die Nurcus dabei auch, weil sie sich von den gewalttätigen Auseinandersetzungen dieser Jahre zwischen linkskemalistischen und marxistischen Strömungen auf der einen Seite und rechtsnationalen auf der anderen fern hielten.

In den 70er Jahren begannen die Nurcus schließlich eine Kampagne gegen die Evolutionstheorie, der sich auch Autoren anderer religiöser Strömungen anschlossen. Trotz ihrer religiösen und politischen Motivation erhoben die Nurcus dabei den Anspruch, wissenschaftlich zu argumentieren und bedienten sich der Argumente englischsprachiger protestantischer Kreationisten. Folgende Argumente wurden gegen die Evolutionstheorie angeführt:

1. Die Komplexität des Lebens, von der einzelnen Zelle bis zum Menschen, könne nicht durch Zufall entstanden sein.

2. Weil die Arten vollkommen seien, sei die Vorstellung eines Artwandels durch Mutationen ausgeschlossen, da ein solcher immer zu einer Verschlechterung der Art führen würde.

3. Auch der Sachverhalt, dass heute immer noch einfache Lebensformen existieren, widerspreche dem Gesetz der schrittweisen Vervollkommnung der Arten. Das Vorkommen schwacher Tiere stehe zudem im Widerspruch zum Gesetz vom Überleben des Stärkeren.

4. Die Evolutionslehre stehe wissenschaftlich zunehmend in der Kritik. Um dies zu belegen, werden Äußerungen zu Streitfragen über Details der Evolution aus dem Kontext gerissen und als Beleg für die Unhaltbarkeit der Evolutionslehre ausgegeben.

Neben diesen vermeintlich wissenschaftlichen Einwänden wird oft auch moralisch-politisch argumentiert: Die Evolutionstheorie wird nicht nur einer vermeintlichen Nähe zum Marxismus geziehen, sondern auch mit Kapitalismus und Rassismus als Ausdruck eines westlichen, materialistischen Denkens in Verbindung gebracht.

Mitte der 80er Jahre gewannen die islamischen Kreationisten schließlich Einfluss auf die türkische Bildungspolitik. Die Evolutionstheorie wurde zwar nicht gänzlich aus den Lehrplänen gestrichen, wohl aber um zwei zentrale, besonders anstößige Aspekte verkürzt: die Lehre von der natürlichen Zuchtwahl und von der Abstammung des Menschen. In den 90er Jahren verlor das Thema schließlich zunächst an Brisanz, die gegenwärtige türkische Regierung protegiert die Verbreitung des Kreationismus jedoch wieder.

Harun Yahya (eigentlicher Name: Adnan Oktar, geb. 1956 und von Beruf Innenarchitekt) spielte eine maßgebliche Rolle bei der internationalen Verbreitung des islamischen Kreationismus. Er publizierte seit den 80er Jahren dutzende kreationistische Traktate, aber auch Schriften über vermeintlich jüdisch-freimaurerische Weltverschwörungen und das baldige Erscheinen des Mahdi.

Erst Ende der 90er Jahre gelang es Yahya allerdings, über Veröffentlichungen im Internet eine breitere islamische Öffentlichkeit zu erreichen. Er ließ online-Versionen seiner Bücher erstellen und legte bald Übersetzungen ins Englische und zahlreiche andere Sprachen nach. Viele seine Schriften sind mittlerweile auch auf deutsch erhältlich und werden im Internet oder über Moscheevereine vertrieben. So wurde er auch in Deutschland unter Muslimen unterschiedlicher Herkunft und Orientierung populär.

Dabei beschränkt Yahya seine Propaganda nicht allein auf Veröffentlichungen. Vertreter seiner Stiftung für Wissenschaftsforschung sind als Referenten weltweit unterwegs und suchen vor allem in den USA und Europa die Zusammenarbeit mit christlichen Kreationisten.

Yahyas Thesen basieren auf klassischen Vorbehalten gegenüber der Evolutionstheorie, wobei es ihm gelingt, auf aktuelle Entwicklungen einzugehen und damit ein breites Publikum anzusprechen. So berief er sich auf die Anschläge vom 11. September, um in dem Buch Der Islam verurteilt den Terrorismus erneut vor den Gefahren des "materialistischen Denkens" zu warnen.

Denn auch für das Phänomen des modernen Terrorismus macht er den "Darwinismus" verantwortlich, schließlich propagiere dieser die Vorstellung, "das Leben ist Konflikt".

Problematisch sind Yahyas Thesen dabei weniger wegen seines Glaubens an eine göttliche

Schöpfung der Arten. Der von ihm verfochtene Kreationismus propagiert vielmehr eine dichotome Weltsicht, nach welcher sich gottesfürchtige Muslime auf der einen und materialistische, dem "Darwinismus" verfallene Nicht-Muslime auf der anderen Seite gegenüber stehen. Als solche befördert diese Ideologie Feindbilder und die Abgrenzung von der nicht-islamischen Gesellschaft.

Für die pädagogische Arbeit mit Jugendlichen gibt es indes kein einfaches Rezept zum Umgang mit dem islamischen Kreationismus. Debatten über die "richtige" Auslegung des Koran können Außenstehende ohnehin kaum glaubhaft führen. Dennoch lässt sich dem Kreationismus in einer sachlichen Auseinandersetzung begegnen. Hier hilft ein Blick in neuere Veröffentlichungen, welche die Argumente von islamischen und christlichen Kreationisten aufgreifen und deren Widersprüche und Unstimmigkeiten aufzeigen.




 

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