Anerkennen und Abgrenzen
Überlegungen zur Pädagogik gegen Antisemitismus und Israelhass unter jungen Muslimen
Viele muslimische Jugendliche hegen Vorurteile gegenüber Juden - oft gekoppelt mit einer verzerrten Wahrnehmung des Nahostkonflikts. Dieser dient den Jugendlichen als Projektionsfläche für ihre persönlichen Erfahrungen mit Rassismus. Nur wer diese Hintergründe kennt, kann dem Judenhass in der pädagogischen Arbeit gezielt entgegen treten."Das sind Juden!" war die Antwort eines 17- jährigen Jugendlichen mit libanesischem Familienhintergrund, als ich ihn nach den Gründen fragte, warum er denke, dass seine Lehrer es ihm in der Schule so schwer machen. Über ähnliche Äußerungen ("Du Jude", "schwuler Jude") von Jugendlichen aus muslimischen Milieus berichten Lehrer/innen und Sozialpä-dagog/innen in Jugendeinrichtungen häufig. Auch Verschwörungstheorien kursieren unter Jugendlichen: Danach stünde der israelische Geheimdienst hinter den Anschlägen vom 11.9., der Ku'damm gehöre den Juden und die Medien kontrollierten sie sowieso.
Wenn auch empirisch bisher kaum erfasst, ist das Problem also bekannt. Zuletzt hat Cem Özdemir darauf hingewiesen. (hier) Äußerst schwierig ist hingegen der pädagogische Umgang damit. Dabei treten Israelhass und antisemitische Positionen nur selten in Form einer umfassenden Weltanschauung auf. Meist handelt es sich um spontane Äußerungen und ein Sammelsurium aufgeschnappter Behauptungen, die in bestimmten Situationen abgerufen werden.
Newsletter Jugendkultur, Islam und Demokratie
Dieser Beitrag erschien ursprünglich im Newsletter "Jugendkultur, Islam und Demokratie",
Ausgabe Nr. 9/Dezember 2008. Der Newsletter wird im Auftrag der bpb erstellt durch ufuq.de - Jugendkultur, Medien und politische Bildung in der Einwanderungsgesellschaft e.V.
Trotzdem verweisen sie auf latente Annahmen.
Die Beschimpfung "Du Jude" erfolgt
nicht zufällig. So kann sie dazu dienen, andere
abzuwerten und sich selbst als stark
und mächtig zu imaginieren. Oft spielt auch
das Gefühl eine zentrale Rolle, ungerecht
behandelt zu werden – als Individuum oder
als Teil einer ethnisch, national oder religiös
definierten Gruppe, der man sich zugehörig
fühlt. Verantwortlich für die "Ungerechtigkeiten"
sind "die anderen" – Lehrer, Deutsche,
Politiker, Amerikaner, Israelis oder
eben Juden.
Zur Begründung von Judenhass können aus
islamischen Quellen abgeleitete Motive eine
Rolle spielen, meist sind sie aber zweitrangig.
Häufiger geben die Jugendlichen den
Nahostkonflikt an, wenn sie nach dem
Grund für Israelhass und antisemitische
Sprüche gefragt werden. Pädagogen berichten
denn auch von Konjunkturen entsprechender
Äußerungen vor allem in Krisen und
Kriegszeiten. Und das gilt sowohl für
Jugendliche mit Familienhintergrund in der
Region, die sich oft noch in der zweiten
oder dritten Generation stark mit der ihnen
meist kaum bekannten Geschichte und Herkunftsregion
ihrer Eltern und Großeltern
identifizieren – aber auch für Jugendliche
mit türkischem Hintergrund, die sich nicht
selten als Muslime mit ihren arabischen Mitschüler/
innen solidarisieren.
Sehr deutlich wurde dies etwa im Zusammenhang
mit dem Libanon-Krieg im Sommer
2006. In vielen Internetforen und Musikvideos
setzten sich Jugendliche intensiv
mit dem Krieg auseinander. Die Palette
reichte dabei von einer sachlichen Kritik an
der israelischen Politik über eine einseitige
Wahrnehmung des Konflikts bis hin zu radikalem
Israel- und Judenhass ("Nur Tiere
machen so was!", "Dreckige Judenschweine").
Häufig behaupten Jugendliche dabei,
dass Juden/ Israelis/Zionisten – die Begriffe
werden oft synonym verwendet – die Palästinenser
heute so behandeln würden wie die
Nazis damals die Juden.
Daraus spricht zunächst historische Unkenntnis
über Judenverfolgung und Holocaust. Dahinter
steht aber meist kein geschlossenes
antisemitisches
Weltbild, sondern
eine starke Identifikation
mit den Opfern
des Nahostkonflikts
und – gerade
bei männlichen
Jugendlichen
– die Betonung einer
als bedroht
wahrgenommenen
"kollektiven Ehre"
(als Araber, Muslim
oder "stolzer Libanese").
Auch weil Familien
und Freunde im Libanon
direkt betroffen
waren, rief
der Krieg bei vielen
in Deutschland lebenden
Jugendlichen sehr emotionale Reaktionen
hervor. Dabei zeichneten sie jedoch
meist ein Schwarz-Weiß-Bild, das dem konkreten
Konfliktgeschehen kaum gerecht wird:
ein Bild von Ohnmacht und Übermacht, Opfern
und Tätern, Recht und Unrecht sowie
Unschuld, Schuld und verletzter Ehre.
Sehr deutlich wird in diesen Auseinandersetzungen
zudem, das der Nahostkonflikt vielen
Jugendlichen als Projektionsfläche dient: Wut
und Zorn über das Geschehen im Nahen Osten
verbinden sie oft direkt mit persönlichen
Erfahrungen mit Rassismus, Marginalisierung
und "Ungerechtigkeit" in Deutschland. Sie beklagen,
nicht anerkannt zu sein und diskriminiert
zu werden, und kritisieren, dass die arabische
Perspektive des Nahostkonflikts nicht
genügend wahrgenommen werde.
In Israelhass und antisemitischen Positionen
verbinden sich bei einigen Jugendlichen also
individuelle Empfindungen und reale Erfahrungen
von Leid und Diskriminierung (im Libanon
und in Deutschland) auf der einen Seite
mit der pauschalen und ideologisch geprägten
Interpretation eben solcher Erfahrungen
auf der anderen Seite. Israel und "die
Juden" werden zu einer Projektionsfläche
für Frustrationen, deren Ursachen nur zu einem
Teil im Nahen Osten zu suchen sind.
Zudem stiftet
das Feindbild
Gemeinschaft
und ein Gefühl
von Zugehörigkeit
– und zwar
als Palästinenser,
Libanese,
Araber oder
Muslim.
Aus dieser Skizze
der Funktionen
von Israelhass
und antisemitischen
Positionen
lassen
sich vorläufige
Überlegungen
für eine pädagogische
Arbeit ableiten,
die antisemitischen
Haltungen vorbeugen und begegnen
soll. Dabei geht es um die Abgrenzung
von ideologischen Interpretationen des
Nahostkonflikts; und es geht um Formen der
Anerkennung, die Frustrationen als Folge von
Diskriminierungen und Nichtakzeptanz entgegenwirken
sollen:
1. Nicht jede unverhältnismäßige und emotionale
Kritik an Israel ist Zeichen eines antisemitischen
Weltbildes. Gelassenheit und gezieltes
Nachfragen ist in der Auseinandersetzung mit Jugendlichen hilfreicher als eine
Skandalisierung. Pädagogik sollte sich auf
den Dialog konzentrieren und die Jugendlichen
nicht durch Moralisieren und emotionale
Aufladung überwältigen. Ausgangspunkt sind
die Meinungen, Kenntnisse und Vorurteile der
Jugendlichen selbst.
2. Dazu gehört es, die Schilderung von Unrechtserfahrungen,
Krieg und Flucht anzuerkennen.
Weiterhelfen kann hier biografisches
Nachfragen: Wenn Jugendliche bei Eltern und
Verwandten Konkretes über Heimat, Fluchtund
Migrationsgeschichte in Erfahrung bringen,
kann dies Mythen- und Ideologiebildungen
vorbeugen. Ein reflektierter Blick zurück
erleichtert den Blick nach vorn.
3. Zudem erscheinen
Eltern und
Großeltern dabei
als Akteure, die
nicht bloß ein
Spielball der Weltgeschichte
sind,
sondern mit Flucht
und Migration auch
spezifische Leistungen
erbracht haben.
So können
"Opferperspektiven"
verlassen
werden, in denen
sich viele Jugendliche
einrichten.
4. Pädagog/innen
vollziehen dabei
einen schwierigen
Balanceakt: Sie
müssen zwischen
realen Erfahrungen und solchen verzerrenden
Darstellungen etwa der israelischen Politik
unterscheiden, die Ausgangspunkt von
Feindbildkonstruktion und Ideologiebildung
sein können. Dazu müssen sie Alternativen
zu einseitigen Deutungen von Ereignissen
im Nahen Osten aufzeigen. Das setzt neben
großer Sensibilität historische Kenntnisse
voraus. Schließlich geht es nicht nur um
"Sichtweisen" und Meinungen, sondern auch
um Fakten.
5. Einseitige Sichtweisen können durch multiperspektivische
und kontroverse Darstellungen
durchbrochen werden. Neben die
arabischen müssen israelische Perspektiven
treten: War das Jahr 1948 für die einen
eine Katastrophe (Al-Nakba), bedeutete es
für die anderen Freiheit von Verfolgung und
einen eigenen Staat. Dabei wären auch Vorstellungen
der Homogenität ("wir Araber"
vs. "die Juden") zu hinterfragen und unterschiedliche
Positionen und Interessen auf
allen Seiten herauszustellen.
6. Das Thema Antisemitismus lässt sich im
"globalisierten Klassenzimmer" in die Auseinandersetzung
mit anderen Formen von
Rassismus, Diskriminierung und Verfolgung
einbetten – ohne
dass dabei die Besonderheiten
verschwinden
sollte.
Dieses Vorgehen
könnte einer etwaigen
Blockadehaltung
("Lasst uns
mit Eurem deutschen
Problem in
Ruhe, wir werden
schließlich selbst
diskriminiert.")
entgegen wirken.
7. Medien spielen
bei den Jugendlichen
für die Vermittlung
von Informationen
und
Weltbildern eine
zentrale Rolle. Die
Förderung von kritischer
Medienkompetenz ist daher ein
wichtiger Beitrag zur Begegnung von Propaganda
und Feindbildern. Dazu könnten etwa
Nachrichten auf Al-Jazeera (englisch) mit
Berichten deutscher Medien verglichen werden.
8. Die Ansichten von Jugendlichen sind
meist in der Familie und im Umfeld der
Community verankert. Dies macht es umso
schwerer, sich von ihnen zu lösen. Das
spielt etwa bei der Vorbereitung von Klassenfahrten
zu Gedenkstätten eine Rolle: Die Teilnahme am Besuch eines ehemaligen
Konzentrationslagers erscheint vielen als
"Verrat" an der eigenen Community und
deren Opfern.
9. Hinweise auf religiöse islamisch-jüdische
Gemeinsamkeiten können hilfreich sein.
Wenn die Position aber lautet "Wir haben
doch gar nichts gegen Juden, wir sind nur
gegen den Zionismus" und in diesem Kontext
antisemitische Stereotypen reproduziert
werden (so geht etwa der iranische
Präsident Ahmedinejad in seiner Propaganda
vor), dann hilft der Bezug auf religiöse
Toleranz nicht weiter.
10. Äußerungen von Hass auf Israel und
die Juden dienen nicht zuletzt als gezielte
Provokation der deutschen Mehrheitsgesellschaft
und ihrer Pädagog/innen. Diese sollten
sich daher ihres eigenen Standpunkts
vergewissern und sich vergegenwärtigen,
dass Schüler/innen mit Migrationshintergrund
unterschiedliche Perspektiven auf
den Holocaust und
Israel mitbringen.
Zusammenfassend
lässt sich sagen,
dass eine Pädagogik
gegen Israelhass
und Antisemitismus
die Perspektiven
und Erzählungen
der Jugendlichen
aufgreifen
und ernst nehmen
sollte. Gleichzeitig
gilt es jedoch verzerrten,
einseitigen
und ideologischen
Darstellungen,
deutlich entgegen
zu treten.
Dazu bedarf es neben
allgemeinen
Kenntnissen zum
Antisemitismus
auch Wissen über
den Nahostkonflikt
sowie über die Geschichte
und die
rechtliche und soziale
Situation von Migranten in Deutschland.
Noch mangelt es hier allerdings an spezifischen
Materialien und Fortbildungen für Pädagog/
innen.
Letztlich wird von Pädagog/innen aber noch
mehr verlangt: Sie sollten nämlich nicht nur
Bildung vermitteln, sondern den Jugendlichen
mit Interesse gegenübertreten und sich um
Bindung und ein Vertrauensverhältnis bemühen.
Dabei müssen sie sensibel gegenüber
Antisemitismus sein, aber auch verständnisvoll
für die Situation der Jugendlichen, sie
müssen den Mut zur Konfrontation aufbringen,
aber auch bereit sein, eigene Perspektiven
zu hinterfragen und sich auf unbekanntes
Terrain zu wagen.
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