Islamische Bademode

Anerkennen und Abgrenzen

Überlegungen zur Pädagogik gegen Antisemitismus und Israelhass unter jungen Muslimen


9.12.2008
Viele muslimische Jugendliche hegen Vorurteile gegenüber Juden - oft gekoppelt mit einer verzerrten Wahrnehmung des Nahostkonflikts. Dieser dient den Jugendlichen als Projektionsfläche für ihre persönlichen Erfahrungen mit Rassismus. Nur wer diese Hintergründe kennt, kann dem Judenhass in der pädagogischen Arbeit gezielt entgegen treten.

"Das sind Juden!" war die Antwort eines 17- jährigen Jugendlichen mit libanesischem Familienhintergrund, als ich ihn nach den Gründen fragte, warum er denke, dass seine Lehrer es ihm in der Schule so schwer machen. Über ähnliche Äußerungen ("Du Jude", "schwuler Jude") von Jugendlichen aus muslimischen Milieus berichten Lehrer/innen und Sozialpä-dagog/innen in Jugendeinrichtungen häufig. Auch Verschwörungstheorien kursieren unter Jugendlichen: Danach stünde der israelische Geheimdienst hinter den Anschlägen vom 11.9., der Ku'damm gehöre den Juden und die Medien kontrollierten sie sowieso.

Wenn auch empirisch bisher kaum erfasst, ist das Problem also bekannt. Zuletzt hat Cem Özdemir darauf hingewiesen. (hier) Äußerst schwierig ist hingegen der pädagogische Umgang damit. Dabei treten Israelhass und antisemitische Positionen nur selten in Form einer umfassenden Weltanschauung auf. Meist handelt es sich um spontane Äußerungen und ein Sammelsurium aufgeschnappter Behauptungen, die in bestimmten Situationen abgerufen werden.

Newsletter Jugendkultur, Islam und Demokratie

Dieser Beitrag erschien ursprünglich im Newsletter "Jugendkultur, Islam und Demokratie", PDF-Icon Ausgabe Nr. 9/Dezember 2008. Der Newsletter wird im Auftrag der bpb erstellt durch ufuq.de - Jugendkultur, Medien und politische Bildung in der Einwanderungsgesellschaft e.V.



Trotzdem verweisen sie auf latente Annahmen. Die Beschimpfung "Du Jude" erfolgt nicht zufällig. So kann sie dazu dienen, andere abzuwerten und sich selbst als stark und mächtig zu imaginieren. Oft spielt auch das Gefühl eine zentrale Rolle, ungerecht behandelt zu werden – als Individuum oder als Teil einer ethnisch, national oder religiös definierten Gruppe, der man sich zugehörig fühlt. Verantwortlich für die "Ungerechtigkeiten" sind "die anderen" – Lehrer, Deutsche, Politiker, Amerikaner, Israelis oder eben Juden.

Zur Begründung von Judenhass können aus islamischen Quellen abgeleitete Motive eine Rolle spielen, meist sind sie aber zweitrangig. Häufiger geben die Jugendlichen den Nahostkonflikt an, wenn sie nach dem Grund für Israelhass und antisemitische Sprüche gefragt werden. Pädagogen berichten denn auch von Konjunkturen entsprechender Äußerungen vor allem in Krisen und Kriegszeiten. Und das gilt sowohl für Jugendliche mit Familienhintergrund in der Region, die sich oft noch in der zweiten oder dritten Generation stark mit der ihnen meist kaum bekannten Geschichte und Herkunftsregion ihrer Eltern und Großeltern identifizieren – aber auch für Jugendliche mit türkischem Hintergrund, die sich nicht selten als Muslime mit ihren arabischen Mitschüler/ innen solidarisieren.

Sehr deutlich wurde dies etwa im Zusammenhang mit dem Libanon-Krieg im Sommer 2006. In vielen Internetforen und Musikvideos setzten sich Jugendliche intensiv mit dem Krieg auseinander. Die Palette reichte dabei von einer sachlichen Kritik an der israelischen Politik über eine einseitige Wahrnehmung des Konflikts bis hin zu radikalem Israel- und Judenhass ("Nur Tiere machen so was!", "Dreckige Judenschweine"). Häufig behaupten Jugendliche dabei, dass Juden/ Israelis/Zionisten – die Begriffe werden oft synonym verwendet – die Palästinenser heute so behandeln würden wie die Nazis damals die Juden.

Daraus spricht zunächst historische Unkenntnis über Judenverfolgung und Holocaust. Dahinter steht aber meist kein geschlossenes antisemitisches Weltbild, sondern eine starke Identifikation mit den Opfern des Nahostkonflikts und – gerade bei männlichen Jugendlichen – die Betonung einer als bedroht wahrgenommenen "kollektiven Ehre" (als Araber, Muslim oder "stolzer Libanese").

Auch weil Familien und Freunde im Libanon direkt betroffen waren, rief der Krieg bei vielen in Deutschland lebenden Jugendlichen sehr emotionale Reaktionen hervor. Dabei zeichneten sie jedoch meist ein Schwarz-Weiß-Bild, das dem konkreten Konfliktgeschehen kaum gerecht wird: ein Bild von Ohnmacht und Übermacht, Opfern und Tätern, Recht und Unrecht sowie Unschuld, Schuld und verletzter Ehre.

Sehr deutlich wird in diesen Auseinandersetzungen zudem, das der Nahostkonflikt vielen Jugendlichen als Projektionsfläche dient: Wut und Zorn über das Geschehen im Nahen Osten verbinden sie oft direkt mit persönlichen Erfahrungen mit Rassismus, Marginalisierung und "Ungerechtigkeit" in Deutschland. Sie beklagen, nicht anerkannt zu sein und diskriminiert zu werden, und kritisieren, dass die arabische Perspektive des Nahostkonflikts nicht genügend wahrgenommen werde.

In Israelhass und antisemitischen Positionen verbinden sich bei einigen Jugendlichen also individuelle Empfindungen und reale Erfahrungen von Leid und Diskriminierung (im Libanon und in Deutschland) auf der einen Seite mit der pauschalen und ideologisch geprägten Interpretation eben solcher Erfahrungen auf der anderen Seite. Israel und "die Juden" werden zu einer Projektionsfläche für Frustrationen, deren Ursachen nur zu einem Teil im Nahen Osten zu suchen sind. Zudem stiftet das Feindbild Gemeinschaft und ein Gefühl von Zugehörigkeit – und zwar als Palästinenser, Libanese, Araber oder Muslim.

Aus dieser Skizze der Funktionen von Israelhass und antisemitischen Positionen lassen sich vorläufige Überlegungen für eine pädagogische Arbeit ableiten, die antisemitischen Haltungen vorbeugen und begegnen soll. Dabei geht es um die Abgrenzung von ideologischen Interpretationen des Nahostkonflikts; und es geht um Formen der Anerkennung, die Frustrationen als Folge von Diskriminierungen und Nichtakzeptanz entgegenwirken sollen:

1. Nicht jede unverhältnismäßige und emotionale Kritik an Israel ist Zeichen eines antisemitischen Weltbildes. Gelassenheit und gezieltes Nachfragen ist in der Auseinandersetzung mit Jugendlichen hilfreicher als eine Skandalisierung. Pädagogik sollte sich auf den Dialog konzentrieren und die Jugendlichen nicht durch Moralisieren und emotionale Aufladung überwältigen. Ausgangspunkt sind die Meinungen, Kenntnisse und Vorurteile der Jugendlichen selbst.

2. Dazu gehört es, die Schilderung von Unrechtserfahrungen, Krieg und Flucht anzuerkennen. Weiterhelfen kann hier biografisches Nachfragen: Wenn Jugendliche bei Eltern und Verwandten Konkretes über Heimat, Fluchtund Migrationsgeschichte in Erfahrung bringen, kann dies Mythen- und Ideologiebildungen vorbeugen. Ein reflektierter Blick zurück erleichtert den Blick nach vorn.

3. Zudem erscheinen Eltern und Großeltern dabei als Akteure, die nicht bloß ein Spielball der Weltgeschichte sind, sondern mit Flucht und Migration auch spezifische Leistungen erbracht haben. So können "Opferperspektiven" verlassen werden, in denen sich viele Jugendliche einrichten.

4. Pädagog/innen vollziehen dabei einen schwierigen Balanceakt: Sie müssen zwischen realen Erfahrungen und solchen verzerrenden Darstellungen etwa der israelischen Politik unterscheiden, die Ausgangspunkt von Feindbildkonstruktion und Ideologiebildung sein können. Dazu müssen sie Alternativen zu einseitigen Deutungen von Ereignissen im Nahen Osten aufzeigen. Das setzt neben großer Sensibilität historische Kenntnisse voraus. Schließlich geht es nicht nur um "Sichtweisen" und Meinungen, sondern auch um Fakten.

5. Einseitige Sichtweisen können durch multiperspektivische und kontroverse Darstellungen durchbrochen werden. Neben die arabischen müssen israelische Perspektiven treten: War das Jahr 1948 für die einen eine Katastrophe (Al-Nakba), bedeutete es für die anderen Freiheit von Verfolgung und einen eigenen Staat. Dabei wären auch Vorstellungen der Homogenität ("wir Araber" vs. "die Juden") zu hinterfragen und unterschiedliche Positionen und Interessen auf allen Seiten herauszustellen.

6. Das Thema Antisemitismus lässt sich im "globalisierten Klassenzimmer" in die Auseinandersetzung mit anderen Formen von Rassismus, Diskriminierung und Verfolgung einbetten – ohne dass dabei die Besonderheiten verschwinden sollte. Dieses Vorgehen könnte einer etwaigen Blockadehaltung ("Lasst uns mit Eurem deutschen Problem in Ruhe, wir werden schließlich selbst diskriminiert.") entgegen wirken.

7. Medien spielen bei den Jugendlichen für die Vermittlung von Informationen und Weltbildern eine zentrale Rolle. Die Förderung von kritischer Medienkompetenz ist daher ein wichtiger Beitrag zur Begegnung von Propaganda und Feindbildern. Dazu könnten etwa Nachrichten auf Al-Jazeera (englisch) mit Berichten deutscher Medien verglichen werden.

8. Die Ansichten von Jugendlichen sind meist in der Familie und im Umfeld der Community verankert. Dies macht es umso schwerer, sich von ihnen zu lösen. Das spielt etwa bei der Vorbereitung von Klassenfahrten zu Gedenkstätten eine Rolle: Die Teilnahme am Besuch eines ehemaligen Konzentrationslagers erscheint vielen als "Verrat" an der eigenen Community und deren Opfern.

9. Hinweise auf religiöse islamisch-jüdische Gemeinsamkeiten können hilfreich sein. Wenn die Position aber lautet "Wir haben doch gar nichts gegen Juden, wir sind nur gegen den Zionismus" und in diesem Kontext antisemitische Stereotypen reproduziert werden (so geht etwa der iranische Präsident Ahmedinejad in seiner Propaganda vor), dann hilft der Bezug auf religiöse Toleranz nicht weiter.

10. Äußerungen von Hass auf Israel und die Juden dienen nicht zuletzt als gezielte Provokation der deutschen Mehrheitsgesellschaft und ihrer Pädagog/innen. Diese sollten sich daher ihres eigenen Standpunkts vergewissern und sich vergegenwärtigen, dass Schüler/innen mit Migrationshintergrund unterschiedliche Perspektiven auf den Holocaust und Israel mitbringen.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass eine Pädagogik gegen Israelhass und Antisemitismus die Perspektiven und Erzählungen der Jugendlichen aufgreifen und ernst nehmen sollte. Gleichzeitig gilt es jedoch verzerrten, einseitigen und ideologischen Darstellungen, deutlich entgegen zu treten.

Dazu bedarf es neben allgemeinen Kenntnissen zum Antisemitismus auch Wissen über den Nahostkonflikt sowie über die Geschichte und die rechtliche und soziale Situation von Migranten in Deutschland. Noch mangelt es hier allerdings an spezifischen Materialien und Fortbildungen für Pädagog/ innen.

Letztlich wird von Pädagog/innen aber noch mehr verlangt: Sie sollten nämlich nicht nur Bildung vermitteln, sondern den Jugendlichen mit Interesse gegenübertreten und sich um Bindung und ein Vertrauensverhältnis bemühen. Dabei müssen sie sensibel gegenüber Antisemitismus sein, aber auch verständnisvoll für die Situation der Jugendlichen, sie müssen den Mut zur Konfrontation aufbringen, aber auch bereit sein, eigene Perspektiven zu hinterfragen und sich auf unbekanntes Terrain zu wagen.



 

Dossier

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