Islamische Bademode

Konservative Muslime zum Thema "Islam in Europa"


1.6.2008
Unter konservativen Muslimen herrscht keineswegs ein Konsens über das Verhältnis zur nicht-islamischen Gesellschaft. Die Frage, an welchen Werten und Normen sich in Deutschland lebende Muslime orientieren sollten, wird oft unterschiedlich beantwortet. Die Diskussion erweckt den Eindruck, als wäre ein Mittelweg zwischen Parallelgesellschaften und Integration kaum möglich.

Dany Cohn-Bendit, Mitglied des Europäischen Parlaments und Vorsitzender der Europäischen Grünen, rechts, zusammen mit dem Philosophen Tariq Ramadan, links,  bei einem Fototermin vor einer Debatte über die Rolle des Islam in Europa im Europäischen Parlament in Brüssel am 29. März 2006.Dany Cohn-Bendit, EU-Parlament-Mitglied und Vorsitzender der Europäischen Grünen, rechts, und der Philosoph Tariq Ramadan, links, vor einer Debatte über die Rolle des Islam in Europa im EU-Parlament in Brüssel. (© AP)

Vor allem unter konservativen Muslimen wird das Verhältnis zur nicht-islamischen Gesellschaft oft kontrovers diskutiert. Im Mittelpunkt steht dabei die Frage, an welchen Werten und Normen sich Muslime in Deutschland orientieren sollen: An jenen der deutschen Mehrheitsgesellschaft oder an solchen, die von religiösen Gelehrten propagiert werden, die zum Teil in den Herkunftsländern der muslimischen Einwanderer wirken? Einige Organisationen wie die Muslimische Jugend in Deutschland (MJD) oder Inssan e.V. aus Berlin suchen in dieser Frage einen Mittelweg: Sie vertreten in Deutschland und als deutsche Muslime einen durchaus konservativen Islam, den sie als Bestandteil der deutschen Gesellschaft integrieren wollen. Hier sehen sie schon lange ihre Zukunft – und nicht in den Herkunftsländern ihrer Eltern oder Großeltern.

Newsletter Jugendkultur, Islam und Demokratie

Dieser Beitrag erschien ursprünglich im Newsletter "Jugendkultur, Islam und Demokratie", PDF-Icon Ausgabe Nr. 6/Juni 2008. Der Newsletter wird im Auftrag der bpb erstellt durch ufuq.de - Jugendkultur, Medien und politische Bildung in der Einwanderungsgesellschaft e.V.



Diese Sichtweise brachte jüngst der Imam des Islamischen Kulturzentrums für religiöse Aufklärung (IKRA) in Berlin, Anwar Abd al- Salam al-Kobti, zum Ausdruck. In einem Gespräch mit der arabischsprachigen Berliner Zeitschrift al-Dalil bemängelte Kobti die fehlende Bereitschaft vieler islamischer Verbände, ihre Lehren an die Situation der Muslime in Europa anzupassen. In diesem Zusammenhang kritisierte er auch Vereine, deren Selbstverständnis sich vor allem aus ihrer arabischen oder türkischen Herkunft ableite. Anstatt sich als türkische oder arabische Deutsche zu begreifen, sollten sich die Muslime endlich als muslimische Deutsche definieren.

Ansonsten mache man sich schwächer, als man sei, meint Kobti und fügt an: "Ich habe Angst, dass sich dieses Abkapseln in den folgenden Generationen der Muslime fortsetzt und dazu beiträgt, dass Hass entstehen kann. Schauen sie sich die zweite und dritte Generation der Türken an: Sie sind weder Türken noch Deutsche. Für die einheimische Bevölkerung sind sie Fremde und auch für die Türken (in der Türkei) kommen sie aus der Fremde – deshalb beobachtet man in dieser Generation so viele gesellschaftliche 'Krankheiten'."

Gerade für Kinder und Jugendliche werfe das Festhalten an der ethnischen Herkunft der Eltern Probleme auf. Man solle, so Kobti, der arabischen oder türkischen Herkunft daher nicht soviel Gewicht beimessen: "Hört auf, die Kinder zum Arabischlernen zu zwingen. So sehr wir auch versuchen, den Kindern Arabisch beizubringen, wird es ihnen doch fremd bleiben. (...) Die Kinder sollen die islamische Religion in deutscher Sprache lernen, denn diese Sprache verstehen sie besser als die arabische. Ich sage nicht, dass Arabisch-Schulen nicht auch von Nutzen sein können, denn Gott würdigt jede Mühe – ich halte den Nutzen allerdings für gering."

Islamische Gelehrte wie der Schweizer Tariq Ramadan und der auch in Deutschland populäre TV-Prediger Amr Khaled aus Ägypten teilen diese Kritik. Auch sie plädieren für eine aktive Teilhabe am politischen und gesellschaftlichen Leben in Europa jenseits traditionalistischer Bezüge und machen sich stark für die Entwicklung eines Selbstverständnisses als europäische Muslime. Dabei orientieren sich viele dieser explizit religiösen Organisationen und Strömungen an Positionen wie sie der bei jungen Muslimen populäre Gelehrte Yusuf al-Qaradawi vertritt. Als Vorsitzender des Europäischen Fatwa- Rates ist Qaradawi maßgeblich an den Debatten um das "fiqh al-aqalliyat" beteiligt, d.h. um die Geltung des islamischen Rechts dort, wo Muslime in der Minderheiten sind.

Auch Qaradawi plädiert für die gesellschaftliche Partizipation der Muslime in Europa und bekennt sich zu einem friedlichen Zusammenleben mit Nicht-Muslimen. Dabei betont er allerdings zwei Dinge: Erstens, dass es gerade in nicht-islamischen Gesellschaften wichtig sei, die islamische Identität zu pflegen und eine islamische Erziehung der Kinder zu gewährleisten.

Qaradawi geht soweit, dass er vor einer Heirat mit nicht-muslimischen Frauen im Westen warnt. Zweitens sei es nach Ansicht Qaradawis die Pflicht eines jeden Muslims im Westen, sich für die Rechte der islamischen Gemeinschaft beispielsweise in Palästina, dem Irak oder in Tschetschenien einzusetzen und auch in Europa als, wie er es nennt, "ehrliche Rufer" für den Islam zu werben.

Gemeinsam ist all diesen muslimischen Stimmen, dass es ihnen um eine Islamisierung der Gesellschaften geht, in denen Muslime leben – nicht mit Gewalt und Zwang, sondern durch Überzeugungsarbeit. Solche Überzeugungsarbeit auch unter nicht-muslimischen Nachbarn zu leisten, ist demnach eine religiöse Pflicht aller Muslime in nicht-muslimischen Ländern.

Diesem Ziel dienen auch die Schriften des Deutschen Informationsdienst über den Islam e.V. (DIDI), die sich ebenfalls auf Qaradawi berufen. Das Institut mit Sitz in Karlsruhe bietet viersemestrige Fernkurse, in denen Muslime zu Da'is ausgebildet werden – das sind Werber, "die zum Islam einladen". In den entsprechenden Lehrmaterialien wird die Situation der Muslime in Europa mit der "mekkanischen Phase" im Leben des Propheten Muhammads verglichen, als dieser die Verbreitung des Islam mit den Mitteln der Erziehung und des friedlichen Werbens vorbereitete:

"Die Zahl der Muslime wuchs von Tag zu Tag, weil einerseits die Religion des Islams in Einklang mit der natürlichen Veranlagung des Menschen (fitra) ist und andererseits, weil jeder der damaligen Muslime richtig den Islam verkörperte und ein gutes Vorbild bezüglich Umgang mit anderen Menschen, Wahrhaftigkeit, des Sich-Haltens an die Anweisungen des Propheten (s.a.s.) und des geduldigen Ertragens von Unannehmlichkeiten auf dem Weg der Dawa [der "Einladung" zum Islam] war, und dass sie nicht die Gewalt der Feinde des Islam erwiderten. Der Prophet (s.a.s.) hielt seine Gefährten an, von jeglicher Erwiderung der Gewalt Abstand zu halten, damit nicht ein Kampf entsteht, dem die damaligen wenigen Muslime nicht standhalten konnten. Dieses Verhalten der Muslime und diese Weisheit waren es im Laufe der Jahrhunderte, welche die Nichtmuslime zum Islam brachten und so die Anzahl der Muslime anwachsen ließen."

Aktive Überzeugungsarbeit und das gelebte Vorbild der Muslime sind demnach die Grundlage für die angestrebte Verbreitung des Islam auch in Europa. Aus dieser Sicht sind nicht nur das gesellschaftliche Engagement und eine gelungene Integration der Muslime von besonderer Bedeutung – an erster Stelle steht vielmehr auch die Islamisierung der Muslime selbst:

"In Westeuropa leben viele Muslime in einer sog. Parallelgesellschaft, haben ein niedrigeres soziales Niveau, und sind gekommen, um vom Westen etwas zu haben (Geld, Wissen, Sicherheit) und nicht, um den Menschen etwas zu geben. Die meisten Muslime halten sich gar nicht an den Islam und so sieht Otto-Normalverbraucher auch keinen Grund, warum er Muslim werden sollte. Einige Wenige, die viel nachdenken und lesen, kommen zum Islam. Deswegen ist es unbedingt für die Dawa nötig, die muslimischen Minderheiten richtig zum Islam zu erziehen, damit sie ein Vorbild für die Nichtmuslime werden." (Samir Mourad, Islamische Geschichte. Eine analytische Einführung, Karlsruhe, 2007, S. 399-400 – pdf-Datei)

Die "grundsätzlichen Pflichten" der Muslime in Europa werden in den Schriften des DIDI wie folgt zusammengefasst: "Gutes Zusammenleben, unter Bewahrung der islamischen Identität, Übermittlung der Botschaft des Islam". (Samir Mourad, Thesenpapier: Muslime im Westen – die rechtlichen Grundsätze des Islam, Karlsruhe, S. 2)

Wenn sich also Vertreter dieses Spektrums ausdrücklich zur grundgesetzlichen Ordnung in Deutschland bekennen und zur Integration der Muslime in die deutsche Gesellschaft auffordern, so sind das auf der einen Seite keine Lippenbekenntnisse. Auf der anderen Seite bleibt ihre Haltung gewissermaßen zweckgebunden: Ihr eigenes, konservatives Islamverständnis und die (friedliche) Verbreitung des Islam sind für sie die maßgebenden Kriterien. An diese, so das Credo, müssten sich letztlich alle "wahren Muslime" halten.

(Eine kritische Analyse, die die Auswirkungen dieses Denkens auf andersdenkende und -lebende Muslime einbezieht, liefert die Studie "Aspekte der Demokratiegefährdung in Berlin- Mitte und Möglichkeiten der Intervention" unter anderem am Beispiel des Berliner Interkulturellen Zentrums für Dialog und Bildung/IZDB.)




 

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