Konservative Muslime zum Thema "Islam in Europa"
1.6.2008
Dany Cohn-Bendit, EU-Parlament-Mitglied und Vorsitzender der Europäischen Grünen, rechts, und der Philosoph Tariq Ramadan, links, vor einer Debatte über die Rolle des Islam in Europa im EU-Parlament in Brüssel. (© AP)Vor allem unter konservativen Muslimen wird das Verhältnis zur nicht-islamischen Gesellschaft oft kontrovers diskutiert. Im Mittelpunkt steht dabei die Frage, an welchen Werten und Normen sich Muslime in Deutschland orientieren sollen: An jenen der deutschen Mehrheitsgesellschaft oder an solchen, die von religiösen Gelehrten propagiert werden, die zum Teil in den Herkunftsländern der muslimischen Einwanderer wirken? Einige Organisationen wie die Muslimische Jugend in Deutschland (MJD) oder Inssan e.V. aus Berlin suchen in dieser Frage einen Mittelweg: Sie vertreten in Deutschland und als deutsche Muslime einen durchaus konservativen Islam, den sie als Bestandteil der deutschen Gesellschaft integrieren wollen. Hier sehen sie schon lange ihre Zukunft – und nicht in den Herkunftsländern ihrer Eltern oder Großeltern.
Newsletter Jugendkultur, Islam und Demokratie
Dieser Beitrag erschien ursprünglich im Newsletter "Jugendkultur, Islam und Demokratie",
Ausgabe Nr. 6/Juni 2008. Der Newsletter wird im Auftrag der bpb erstellt durch ufuq.de - Jugendkultur, Medien und politische Bildung in der Einwanderungsgesellschaft e.V.
Diese Sichtweise brachte jüngst der Imam
des Islamischen Kulturzentrums für religiöse
Aufklärung (IKRA) in Berlin, Anwar Abd al-
Salam al-Kobti, zum Ausdruck. In einem Gespräch
mit der arabischsprachigen Berliner
Zeitschrift al-Dalil bemängelte Kobti die
fehlende Bereitschaft vieler islamischer Verbände,
ihre Lehren an die Situation der
Muslime in Europa anzupassen. In diesem
Zusammenhang kritisierte er auch Vereine,
deren Selbstverständnis sich vor allem aus
ihrer arabischen oder türkischen Herkunft
ableite. Anstatt sich als türkische oder arabische
Deutsche zu begreifen, sollten sich
die Muslime endlich als muslimische
Deutsche definieren.
Ansonsten mache man sich schwächer, als
man sei, meint Kobti und fügt an: "Ich habe
Angst, dass sich dieses Abkapseln in den folgenden
Generationen der Muslime fortsetzt
und dazu beiträgt, dass Hass entstehen
kann. Schauen sie sich die zweite und dritte
Generation der Türken an: Sie sind weder
Türken noch Deutsche. Für die einheimische
Bevölkerung sind sie Fremde und auch für
die Türken (in der Türkei) kommen sie aus
der Fremde – deshalb beobachtet man in
dieser Generation so viele gesellschaftliche
'Krankheiten'."
Gerade für Kinder und Jugendliche werfe
das Festhalten an der ethnischen Herkunft
der Eltern Probleme auf. Man solle, so Kobti,
der arabischen oder türkischen Herkunft daher
nicht soviel Gewicht beimessen: "Hört
auf, die Kinder zum Arabischlernen zu zwingen.
So sehr wir auch versuchen, den
Kindern Arabisch beizubringen, wird es
ihnen doch fremd bleiben. (...) Die Kinder
sollen die islamische Religion in deutscher
Sprache lernen, denn diese Sprache verstehen
sie besser als die arabische. Ich sage
nicht, dass Arabisch-Schulen nicht auch von
Nutzen sein können, denn Gott würdigt jede
Mühe – ich halte den Nutzen allerdings für
gering."
Islamische Gelehrte wie der Schweizer Tariq
Ramadan und der auch in Deutschland populäre
TV-Prediger Amr Khaled aus Ägypten
teilen diese Kritik. Auch sie plädieren für
eine aktive Teilhabe am politischen und
gesellschaftlichen Leben in Europa jenseits
traditionalistischer Bezüge und machen sich
stark für die Entwicklung eines Selbstverständnisses
als europäische Muslime. Dabei
orientieren sich viele dieser explizit religiösen
Organisationen und Strömungen an
Positionen wie sie der bei jungen Muslimen
populäre Gelehrte Yusuf al-Qaradawi vertritt.
Als Vorsitzender des Europäischen Fatwa-
Rates ist Qaradawi maßgeblich an den
Debatten um das "fiqh al-aqalliyat" beteiligt,
d.h. um die Geltung des islamischen Rechts
dort, wo Muslime in der Minderheiten sind.
Auch Qaradawi plädiert für die gesellschaftliche
Partizipation der Muslime in Europa
und bekennt sich zu einem friedlichen
Zusammenleben
mit Nicht-Muslimen.
Dabei betont
er allerdings
zwei
Dinge: Erstens,
dass es gerade
in nicht-islamischen
Gesellschaften
wichtig
sei, die islamische
Identität zu
pflegen und eine
islamische Erziehung
der Kinder
zu gewährleisten.
Qaradawi geht
soweit, dass er
vor einer Heirat
mit nicht-muslimischen Frauen im Westen
warnt. Zweitens sei es nach Ansicht
Qaradawis die Pflicht eines jeden Muslims im
Westen, sich für die Rechte der islamischen
Gemeinschaft beispielsweise in Palästina,
dem Irak oder in Tschetschenien einzusetzen
und auch in Europa als, wie er es nennt,
"ehrliche Rufer" für den Islam zu werben.
Gemeinsam ist all diesen muslimischen
Stimmen, dass es ihnen um eine Islamisierung
der Gesellschaften geht, in denen
Muslime leben – nicht mit Gewalt und
Zwang, sondern durch Überzeugungsarbeit.
Solche Überzeugungsarbeit auch unter
nicht-muslimischen Nachbarn zu leisten, ist
demnach eine religiöse Pflicht aller Muslime
in nicht-muslimischen Ländern.
Diesem Ziel dienen auch die Schriften des
Deutschen Informationsdienst über den Islam
e.V. (DIDI), die sich ebenfalls auf
Qaradawi berufen. Das Institut mit Sitz in
Karlsruhe bietet viersemestrige Fernkurse,
in denen Muslime zu Da'is ausgebildet werden
– das sind Werber, "die zum Islam einladen".
In den entsprechenden Lehrmaterialien
wird die
Situation der
Muslime in Europa
mit der
"mekkanischen
Phase" im Leben
des Propheten
Muhammads
verglichen, als
dieser die Verbreitung
des Islam
mit den Mitteln
der Erziehung
und des
friedlichen Werbens
vorbereitete:
"Die Zahl der
Muslime wuchs
von Tag zu Tag,
weil einerseits die Religion des Islams in Einklang
mit der natürlichen Veranlagung des
Menschen (fitra) ist und andererseits, weil
jeder der damaligen Muslime richtig den Islam
verkörperte und ein gutes Vorbild
bezüglich Umgang mit anderen Menschen,
Wahrhaftigkeit, des Sich-Haltens an die Anweisungen
des Propheten (s.a.s.) und des
geduldigen Ertragens von Unannehmlichkeiten
auf dem Weg der Dawa [der "Einladung"
zum Islam] war, und dass sie nicht
die Gewalt der Feinde des Islam erwiderten.
Der Prophet (s.a.s.) hielt seine Gefährten
an, von jeglicher Erwiderung der Gewalt Abstand
zu halten, damit nicht ein Kampf
entsteht, dem die damaligen wenigen Muslime
nicht standhalten konnten. Dieses Verhalten
der Muslime und diese Weisheit waren
es im Laufe der Jahrhunderte, welche
die Nichtmuslime zum Islam brachten und
so die Anzahl der Muslime anwachsen
ließen."
Aktive Überzeugungsarbeit und das gelebte
Vorbild der Muslime sind demnach die
Grundlage für die angestrebte Verbreitung
des Islam auch in Europa. Aus dieser Sicht
sind nicht nur das gesellschaftliche Engagement und eine gelungene Integration der
Muslime von besonderer Bedeutung – an erster
Stelle steht vielmehr auch die Islamisierung
der Muslime selbst:
"In Westeuropa leben viele Muslime in einer
sog. Parallelgesellschaft,
haben ein niedrigeres
soziales
Niveau, und
sind gekommen,
um vom Westen
etwas zu haben
(Geld, Wissen,
Sicherheit) und
nicht, um den
Menschen etwas
zu geben. Die
meisten Muslime
halten sich
gar nicht an den
Islam und so
sieht Otto-Normalverbraucher
auch keinen
Grund, warum
er Muslim werden
sollte. Einige
Wenige, die
viel nachdenken und lesen, kommen zum Islam.
Deswegen ist es unbedingt für die
Dawa nötig, die muslimischen Minderheiten
richtig zum Islam zu erziehen, damit sie ein
Vorbild für die Nichtmuslime werden."
(Samir Mourad, Islamische
Geschichte. Eine analytische Einführung,
Karlsruhe, 2007, S. 399-400 – »pdf-Datei«)
Die "grundsätzlichen Pflichten" der Muslime
in Europa werden in den Schriften des DIDI
wie folgt zusammengefasst: "Gutes Zusammenleben,
unter Bewahrung der islamischen
Identität, Übermittlung der Botschaft des Islam".
(Samir Mourad, Thesenpapier: Muslime
im Westen – die rechtlichen Grundsätze des
Islam, Karlsruhe, S. 2)
Wenn sich also Vertreter dieses Spektrums
ausdrücklich zur grundgesetzlichen Ordnung
in Deutschland bekennen und zur Integration
der Muslime in die deutsche Gesellschaft
auffordern, so sind das auf der einen
Seite keine Lippenbekenntnisse. Auf der anderen
Seite bleibt ihre Haltung gewissermaßen
zweckgebunden: Ihr eigenes, konservatives
Islamverständnis und die (friedliche)
Verbreitung des Islam sind für sie die
maßgebenden
Kriterien. An
diese, so das
Credo, müssten
sich letztlich alle
"wahren Muslime"
halten.
(Eine kritische
Analyse, die die
Auswirkungen
dieses Denkens
auf andersdenkende
und
-lebende Muslime
einbezieht,
liefert die Studie
"Aspekte der Demokratiegefährdung
in Berlin-
Mitte und Möglichkeiten
der
Intervention"
unter anderem
am Beispiel des
Berliner Interkulturellen Zentrums für Dialog
und Bildung/IZDB.)
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