"Heimat ist..." - Ein Gespräch mit türkischen Jugendlichen über Kurden, Graue Wölfe, Islam und Deutschland
3.12.2007
Jugendliche Demonstranten halten während einer Protestkundgebung gegen die türkische Militaerinterventionen im Nord-Irak eine kurdische Flagge in den Händen. (© AP)Ende Oktober kam es in mehreren Städten in Deutschland zu Auseinandersetzungen zwischen türkischen und kurdischen Jugendlichen, die sich am Konflikt zwischen der Türkei und der PKK entzündeten. Im Anschluss an eine türkische Demonstration, die am 28. Oktober 2007 in Berlin-Neukölln gegen die PKK stattfand, versuchten einige Jugendliche, kurdische Einrichtungen anzugreifen.
Newsletter Jugendkultur, Islam und Demokratie
Dieser Beitrag erschien ursprünglich im Newsletter "Jugendkultur, Islam und Demokratie",
Ausgabe Nr. 3/Dezember 2007. Der Newsletter wird im Auftrag der bpb erstellt durch ufuq.de - Jugendkultur, Medien und politische Bildung in der Einwanderungsgesellschaft e.V.
In einem Gespräch haben wir fünf Berliner
Jugendliche türkischer Herkunft nach ihrer
Sicht der Dinge befragt. (Eine ausführliche
Fassung des von Aycan Demirel moderierten
Gesprächs finden Sie »hier«.)
Die 16-19-jährigen jungen Männer sind politisch
interessiert, informiert, differenziert –
und selbstbewusst. Von Benachteiligungen
in Deutschland ist nur am Rande die Rede.
Sehr deutlich ist bei ihnen der Einfluss des
türkischen Nationalismus. Der aktuelle Konflikt
mobilisiert auch unter ihnen nationalistische
Stimmungen. So wurde bei den Protesten
in Berlin von vielen Teilnehmern das
Handzeichen der radikal-nationalistischen
Organisation der Grauen Wölfe gezeigt. Bei
den jungen Männern, die wir zu diesem Gespräche
eingeladen haben, stehen auf der
einen Seite Ressentiments gegenüber den
"PKK-Terroristen", die "auch kleine Kinder
töten" und "unser Vaterland" spalten wollen.
Auf der anderen Seite äußern sie auf
Nachfrage auch Verständnis für kurdische
Interessen: "Jedes Volk will ein Land haben,
damit man seine eigene Kultur leben kann.
Ich kann die schon verstehen. Ich find es
auch scheiße, dass Saddam Hussein so viele
Kurden vergast hat." Und: "Wenn wir den
Osten aufbauen würden, so wie die West-Türkei, würde die PKK keine Unterstützer
bekommen. So aber haben die Kurden kein
Geld, sind bildungslos, die haben gar
nichts."
Ihren Nationalismus wollen die jungen Männer
aber von Rassismus und Faschismus
unterschieden wissen. Ahmed: "Die Grauen
Wölfe sind nicht rechts. Rechts sein heißt ja
rassistisch, aber die Grauen Wölfe sind nicht
gegen Ausländer, sondern sind eigentlich
gegen den Terror. Okay, es kann sein, dass
manche zwischen Kurden und PKK nicht unterscheiden
können. Das finde ich auch
schlecht, die meisten unterscheiden das aber." Und Murat ergänzt: "Graue Wölfe
sind keine Faschisten. Ich bin auch von den
Grauen Wölfen, aber ich sag nie: Scheiß-
Kurden."
Türkischer Nationalismus und Islam schließen
sich für die Jugendlichen nicht aus.
Zwar gilt Mustafa Kemal Atatürk, der Gründer
der modernen Türkei, auch unter ihnen
als Held, der die Gesellschaft modernisierte,
die Rolle der Frau stärkte und die Religion
aus dem öffentlichen Leben drängte. Dennoch
kritisieren sie die Vorbehalte gegenüber
dem Islam in der deutschen Gesellschaft.
Diesem müsse in der deutschen Gesellschaft
mehr Raum gegeben werden. Hakan
meint dazu: "Jeder Mensch hat doch ein
Recht, sich so anzuziehen, wie er will. Und
wenn eine ein Kopftuch tragen will, dann
darf sie das doch. Meinungsfreiheit. Wenn
sie das tragen will, dann muss man sie lassen."
Trotzdem findet Hakan angesichts von
Solarienbräune und Augenschminke: "Die,
die kein Kopftuch
tragen, sind oft
sauberer, viel reiner."
Der Islam gehört
für die Jugendlichen
ganz selbstverständlich
in
den Zusammenhang
von Identität
und Heimat.
Sie sehen keine
Notwendigkeit,
zwischen "Deutschland",
"Türkei"
und dem "Islam"
zu wählen: "Natürlich"
sei die
Türkei "ihr" Land,
sagt Hakan,
schließlich seien
sie mit dem Herzen
in der Türkei.
Dennoch würden
sie sich auch als
Deutsche bezeichnen.
Schließlich sei
Deutschland "sehr gut", findet Murat:
"Deutschland ist das demokratischste Land
in Europa. Deutschland ist perfekt." Und
Dogan ergänzt: "Heimat ist dort, wo man
sich wohlfühlt. In unseren Heimatstädten
fühlen wir uns wohl, und hier fühlen wir uns
auch wohl. Hier haben wir unser Zuhause,
unsere Arbeit, die Leute, die wir mögen.
Weil wir uns hier wohlfühlen, ist das Zuhause."
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