Islamische Bademode

"Heimat ist..." - Ein Gespräch mit türkischen Jugendlichen über Kurden, Graue Wölfe, Islam und Deutschland


3.12.2007
Auch in Deutschland kam es infolge des Konflikts zwischen der Türkei und der PKK zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen türkischen und kurdischen Jugendlichen. In einem Gespräch berichten fünf Berliner Jugendliche türkischer Herkunft, wie sie die Situation bewerten.

Jugendliche Demonstranten halten am 26. Januar 2008 während einer Demonstration in Berlin eine kurdische Flagge in den Händen. Verschiedene Organisationen riefen zu einer Protestkundgebung gegen die türkische Militaerinterventionen im Nord-Irak auf.Jugendliche Demonstranten halten während einer Protestkundgebung gegen die türkische Militaerinterventionen im Nord-Irak eine kurdische Flagge in den Händen. (© AP)

Ende Oktober kam es in mehreren Städten in Deutschland zu Auseinandersetzungen zwischen türkischen und kurdischen Jugendlichen, die sich am Konflikt zwischen der Türkei und der PKK entzündeten. Im Anschluss an eine türkische Demonstration, die am 28. Oktober 2007 in Berlin-Neukölln gegen die PKK stattfand, versuchten einige Jugendliche, kurdische Einrichtungen anzugreifen.

Newsletter Jugendkultur, Islam und Demokratie

Dieser Beitrag erschien ursprünglich im Newsletter "Jugendkultur, Islam und Demokratie", PDF-Icon Ausgabe Nr. 3/Dezember 2007. Der Newsletter wird im Auftrag der bpb erstellt durch ufuq.de - Jugendkultur, Medien und politische Bildung in der Einwanderungsgesellschaft e.V.



In einem Gespräch haben wir fünf Berliner Jugendliche türkischer Herkunft nach ihrer Sicht der Dinge befragt. (Eine ausführliche Fassung des von Aycan Demirel moderierten Gesprächs finden Sie hier.)

Die 16-19-jährigen jungen Männer sind politisch interessiert, informiert, differenziert – und selbstbewusst. Von Benachteiligungen in Deutschland ist nur am Rande die Rede.

Sehr deutlich ist bei ihnen der Einfluss des türkischen Nationalismus. Der aktuelle Konflikt mobilisiert auch unter ihnen nationalistische Stimmungen. So wurde bei den Protesten in Berlin von vielen Teilnehmern das Handzeichen der radikal-nationalistischen Organisation der Grauen Wölfe gezeigt. Bei den jungen Männern, die wir zu diesem Gespräche eingeladen haben, stehen auf der einen Seite Ressentiments gegenüber den "PKK-Terroristen", die "auch kleine Kinder töten" und "unser Vaterland" spalten wollen. Auf der anderen Seite äußern sie auf Nachfrage auch Verständnis für kurdische Interessen: "Jedes Volk will ein Land haben, damit man seine eigene Kultur leben kann. Ich kann die schon verstehen. Ich find es auch scheiße, dass Saddam Hussein so viele Kurden vergast hat." Und: "Wenn wir den Osten aufbauen würden, so wie die West-Türkei, würde die PKK keine Unterstützer bekommen. So aber haben die Kurden kein Geld, sind bildungslos, die haben gar nichts."

Ihren Nationalismus wollen die jungen Männer aber von Rassismus und Faschismus unterschieden wissen. Ahmed: "Die Grauen Wölfe sind nicht rechts. Rechts sein heißt ja rassistisch, aber die Grauen Wölfe sind nicht gegen Ausländer, sondern sind eigentlich gegen den Terror. Okay, es kann sein, dass manche zwischen Kurden und PKK nicht unterscheiden können. Das finde ich auch schlecht, die meisten unterscheiden das aber." Und Murat ergänzt: "Graue Wölfe sind keine Faschisten. Ich bin auch von den Grauen Wölfen, aber ich sag nie: Scheiß- Kurden."

Türkischer Nationalismus und Islam schließen sich für die Jugendlichen nicht aus. Zwar gilt Mustafa Kemal Atatürk, der Gründer der modernen Türkei, auch unter ihnen als Held, der die Gesellschaft modernisierte, die Rolle der Frau stärkte und die Religion aus dem öffentlichen Leben drängte. Dennoch kritisieren sie die Vorbehalte gegenüber dem Islam in der deutschen Gesellschaft. Diesem müsse in der deutschen Gesellschaft mehr Raum gegeben werden. Hakan meint dazu: "Jeder Mensch hat doch ein Recht, sich so anzuziehen, wie er will. Und wenn eine ein Kopftuch tragen will, dann darf sie das doch. Meinungsfreiheit. Wenn sie das tragen will, dann muss man sie lassen." Trotzdem findet Hakan angesichts von Solarienbräune und Augenschminke: "Die, die kein Kopftuch tragen, sind oft sauberer, viel reiner."

Der Islam gehört für die Jugendlichen ganz selbstverständlich in den Zusammenhang von Identität und Heimat. Sie sehen keine Notwendigkeit, zwischen "Deutschland", "Türkei" und dem "Islam" zu wählen: "Natürlich" sei die Türkei "ihr" Land, sagt Hakan, schließlich seien sie mit dem Herzen in der Türkei. Dennoch würden sie sich auch als Deutsche bezeichnen. Schließlich sei Deutschland "sehr gut", findet Murat: "Deutschland ist das demokratischste Land in Europa. Deutschland ist perfekt." Und Dogan ergänzt: "Heimat ist dort, wo man sich wohlfühlt. In unseren Heimatstädten fühlen wir uns wohl, und hier fühlen wir uns auch wohl. Hier haben wir unser Zuhause, unsere Arbeit, die Leute, die wir mögen. Weil wir uns hier wohlfühlen, ist das Zuhause."




 

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