Islamische Bademode

Trauben-Tabak und Türsteher

Shisha-Cafés in Berlin


8.10.2010
Wasserpfeifen-Cafés sind in. Für viele deutschtürkische und deutscharabische Jugendliche sind sie eine Alternative zum Club oder zur Kneipe – ohne die Enge der Tradition, aber auch ohne Alkohol.

Wasserpfeife rauchen wird immer beliebter. Allein in Berlin gibt es 90 Shisha-Cafés.Wasserpfeife rauchen wird immer beliebter. Allein in Berlin gibt es 90 Shisha-Cafés. (© Lars Plougmann/flickr.com)

Samstagabend vor dem Anu in der Boxhagener Straße in Berlin-Friedrichshain. Schon der Türsteher verrät: Das hier ist kein durchschnittliches Café. Und tatsächlich scheinen der Raum, die Bedienung und die Gäste Hochglanzmagazinen entsprungen. Funkelnde Kronleuchter werfen goldenes Licht an die dunkelroten Wände. Ein paar Jungen lümmeln lässig in den hellen Ledersesseln. Eine Gruppe sorgfältig geschminkter junger Frauen sitzt auf den orientalisch verzierten Kissen in den Sitzecken. Ein Kopftuch trägt hier niemand. In der Mitte einer jeden Gruppe steht eine hellgrüne bauchige Glaspfeife – die Shisha.

Newsletter Jugendkultur, Islam und Demokratie

Dieser Beitrag erschien ursprünglich im Newsletter "Jugendkultur, Islam und Demokratie", PDF-Icon Ausgabe Nr. 19/Februar 2011. Der Newsletter wird im Auftrag der bpb erstellt durch ufuq.de - Jugendkultur, Medien und politische Bildung in der Einwanderungsgesellschaft e.V.

Unter den Besuchern sind auch die beiden jungen Frauen Esra und Derya. Es blubbert, als Esra das Mundstück der Pfeife an ihre akkurat bemalten Lippen legt und den Rauch aus der Flasche inhaliert. Sie reicht den Schlauch weiter an Derya. "Traube. Übelst lecker!", sagt Derya und lächelt selig. Die beiden 23-Jährigen kommen extra aus Tempelhof und Kreuzberg nach Friedrichshain – wenn möglich, jeden Samstagabend.

Es ist eine alte Tradition, die die beiden jungen Frauen für sich entdeckt haben. Ursprünglich war das Shisha-Rauchen eher Männern vorbehalten. Die Tradition stammt aus Indien und kam im 16. Jahrhundert über den Iran in die Länder an der östlichen und südlichen Mittelmeerküste. Von Teheran bis Kairo ist das Rauchen der Wasserpfeife seither eine Form des geselligen Beisammenseins der Männer.

In Europa findet die Tradition heute vor allem unter Kindern von Einwanderern aus arabischen Ländern und der Türkei Zuspruch. In Deutschland sind Shisha-Cafés seit dem Ende der 1990er Jahre immer beliebter geworden, besonders bei Jugendlichen. Knapp 90 Shisha-Cafés wie das Anu gibt es laut Homepage shisha-guide.info allein in Berlin, über 400 sind es im gesamten Bundesgebiet. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) schätzt, dass rund 14 Prozent der 12- bis 17-Jährigen regelmäßig Wasserpfeifen-Tabak rauchen. Während die Zahl der jugendlichen Zigarettenraucher in den letzten Jahren gesunken ist, steigt die Zahl der Shisha-Raucher kontinuierlich.Dabei handelt es sich nicht nur um junge Deutschtürken und Deutscharaber, auch mancher Jugendlichen ohne Migrationshintergrund verbringt seine Freizeit in Shisha-Cafés.

Raus aus der Schmuddelecke

Ersin Karaca, der Besitzer des Anu, will das Shisha-Rauchen noch populärer machen und es "aus der Schmuddelecke rausholen", sagt er. Einige Läden in Berlin seien nur Männern vorbehalten, vor allem diejenigen, die von arabischstämmigen Besitzern geführt werden. Das Geschäft mit den Shishas sei fest in Einwandererhand, behauptet der 30-Jährige. Am Wochenende seien fast nur Deutschtürken da. Unter der Woche hingegen sei das Publikum gemischter. "Frauen sind die besseren Gäste", sagt der Café-Besitzer und zählt auf, was seiner Meinung nach dazu gehört, diese Gäste zu halten. Sieben Sorten Shisha-Tabak, orientalisches Fingerfood, Cocktails und gehobenes Ambiente. Außerdem habe der Türsteher immer einen Blick auf die Frauengruppen, und bei Belästigungen fliege der Übeltäter – zack! – raus. Deshalb sei das Anu so beliebt bei deutschtürkischen Frauen.

Esra erklärt, sie brauche "ein wenig Glamour" am Wochenende, um ihrem harten Arbeitsalltag als Kioskbesitzerin zu entfliehen. Für die Studentin Derya ist etwas anderes ausschlaggebend. Sie blickt aus dem Fenster und grinst: "Zum Männergucken sind solche Cafés ideal." "Viel besser als in deutschen Cafés", fügt Esra hinzu. Draußen vor dem Fenster stehen zwei Jungs vor einem parkenden Chevrolet und unterhalten sich. Deniz und Ercan sind um die Zwanzig, Tourismus-Studenten. Zum "Vortrinken und Chillen" kommen die beiden hierher und fahren anschließend zum Ku´damm ins Cascado, eine Diskothek. "Hier sind nicht so viele Idioten im Nachtleben unterwegs", sagt Deniz. Viele seiner Freunde aus Kreuzberg würden sich "mit allem Möglichem zudröhnen". Das kommt für ihn nicht in Frage. "Shisha geht noch", sagt er. Auch seine Eltern könnten das akzeptieren, obwohl sie den Kult um die Shisha nicht verstehen. "Im Westen der Türkei, da wo meine Eltern herkommen, gibt es das gar nicht", erzählt Deniz. Ercans Eltern dagegen sind froh, dass es nur beim Shisha-Rauchen bleibt. "Alkohol und Drogen sind für uns tabu, wie bei vielen türkischen Familien", sagt Ercan. Dass in den meisten Shisha-Cafés kein Alkohol ausgeschenkt wird, ist daher kein Manko – für viele Besucher ist dies sogar ein Plus. Aus Sicht einiger religiöser Muslime ist allerdings auch das Rauchen von Shishas problematisch. Ähnlich wie Zigaretten schaden sie der Gesundheit und sind deshalb aus ihrer Sicht "haram", d.h. nach den Regeln des Islam verboten.

Harmlos ist das Shisha-Rauchen tatsächlich nicht. Laut der BZgA ist das Rauchen der Wasserpfeifen wegen der längeren Rauchphase von bis zu einer Stunde und wegen des höheren Nikotingehalts gefährlicher als Zigaretten. Obwohl Shisha-Cafés erst ab 18 Jahren Eintritt gewähren, gibt es in Online-Foren immer wieder die Frage, ob in diesem oder jenem Shisha-Café das Alter kontrolliert werde. Manche minderjährige Shisha-Raucher weichen auf ältere Freunde aus, die eine eigene Shisha zu Hause haben.

Im Shisha-Café Umm Kolthum in der Sonnenallee in Neukölln gibt es gleißendes Neonröhrenlicht statt Kronleuchter. Ein LCD-Fernseher mit arabischem Programm und blinkende Shishas in den Fenstern begrüßen die vorwiegend männlichen Gäste. "Ja, hier sind keine Frauen, das hat aber nichts zu sagen", sagt der 26-jährige Elektroniker Vael. Männerabende gäbe es überall. Sein Freund Raj-Shaheen und er kennen sich aus Kindertagen in Neukölln und genießen es, sich bei einer Wasserpfeife lange zu unterhalten. "Hier kommen Alt und Jung zusammen", erzählt der 27-jährige Schienenfahrzeugelektriker Raj-Shaheen. Dann diskutieren die Shisha-Raucher schon mal über die Tische hinweg über Sport und Politik. Oder spielen Backgammon oder Karten, denn auch das gehört für viele Besucher dazu. "Bodenständig ist es hier", sagt Vael und verzieht das Gesicht, während er über die aufgemotzten Shisha-Cafés in Friedrichshain und Mitte spottet.

Aber in einem sind sich alle einig: Eine Shisha entschleunige den Alltag. "Das ist ein Versprechen an meinen Freund, dass ich Zeit habe. Eben so lange wie die Kohle glüht", lacht Raj-Shaheen. Vael pflichtet ihm bei. "Sonst trifft sich doch jeder auf einen Kaffee, der in zehn Minuten getrunken ist. Was hat man denn in so kurzer Zeit schon ausgetauscht?"




 

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