Islamische Bademode

KanakCultures

Migrationshintergrund als Qualifikation


20.5.2010
"Ich bin stolz, ´ne Kanake zu sein": In dem Buch "KanakCultures" kommen jugendliche Migranten unterschiedlicher Jugendkulturen zu Wort. Für sie ist das Attribut "mit Migrationshintergrund" kein Makel, sondern eine Kompetenz, die es zu nutzen gilt.

Projektgruppe JugendArtProjektgruppe JugendArt (© KanakCultures. Kultur und Kreativität junger MigrantInnen, Berlin: Archiv der Jugendkulturen Verlag, 2010, 204 S.)
"Kanak Attak ist eine Haltung und keine Gruppe", erklärt Cevat. Der 33-Jährige ist Geschäftsführer eines IT-Unternehmens und Mitgründer des Tübinger Ablegers von Kanak Attak, einem bereits seit über zehn Jahren bestehenden Netzwerk junger Migranten. Cevat ist einer jener jungen Deutschen "mit Migrationshintergrund", über die man in der Öffentlichkeit wenig hört. Dabei haben sie etwas zu sagen - und zwar nicht nur im Hip-Hop. Das Buch "KanakCultures. Kultur und Kreativität junger MigrantInnen" porträtiert neben Cevat weitere Jugendliche und junge Erwachsene, die in Kultur, Medien, Politik oder Sport aktiv sind.

Studenten der Hochschule Esslingen haben diesen Jugendlichen in Interviews das "Sprachrohr gereicht", damit sie ihre Perspektive darlegen: Was bedeutet ihnen die Herkunft der Eltern, wie definieren sie ihren Platz in der Gesellschaft und wie versuchen sie, ihre von der Mehrheit zugeschriebenen Rollen zu verändern?

Newsletter Jugendkultur, Islam und Demokratie

Dieser Beitrag erschien ursprünglich im Newsletter "Jugendkultur, Islam und Demokratie", PDF-Icon Ausgabe Nr. 17/Mai 2010. Der Newsletter wird im Auftrag der bpb erstellt durch ufuq.de - Jugendkultur, Medien und politische Bildung in der Einwanderungsgesellschaft e.V.



Es ist das Schubladendenken - hier Migrant, da Deutscher -, gegen das sich das Netzwerk Kanak Attak wendet: Das Denken in Kategorien und die damit verbundene Bevormundung. "Wir haben es satt, auf irgendwelchen Straßenfesten für das Kulinarische zu sorgen. Wir haben auch inhaltlich was zu melden und unsere Wünsche können wir besser formulieren als ihr. Warum soll ich da zur AWO?", fragt Cevat. Selbst das Wort ergreifen, eigene Foren schaffen - im Alltag, in der Politik oder der Kultur - das sind einige Ziele, für die sich Kanak Attak einsetzt.

"Ich bin stolz, ´ne Kanake zu sein", betont Adalla, eine 13-jährige Schülerin und Hauptdarstellerin eines Musicals. Sie sehe vielleicht deutsch aus, fühle sich aber "eher arabisch". Die Schauspielerei und der Tanz auf der Bühne sind für sie Möglichkeiten, um sich gegenüber anderen zu beweisen. Für Hakan ist es hingegen keine Frage, dass er sich als Deutscher sieht.

Die Autoren treffen den 29-Jährigen auf dem Jahrestreffen der Muslimischen Jugend in Deutschland (siehe Interview zur MJD). Als Mitorganisator der Veranstaltung erklärt der Politikwissenschaftler, was es mit islamischer Jugendkultur auf sich hat - wobei ihm der Begriff "islamische Jugendkultur" nicht behagt. Schließlich gehe es ja um deutsche Jugendliche, die zwar muslimisch, aber auch deutsch sind. Dennoch gibt es Besonderheiten, die für ihn das Islamische ausmachen. Beispielsweise, dass er statt eines Hemdes von Nike ein T-Shirt von Style-Islam trägt - einem islamischen Modelabel, das Kleidung mit islamischen Botschaften anbietet: "I love Mekka" statt "I love New York". Ein solches T-Shirt trägt er am Freitag in der Moschee: "Weil das passt einfach."

Religion steht allerdings für die meisten der im Buch dargestellten Jugendlichen nicht im Mittelpunkt ihres Alltags. Die Herkunft der Eltern schon eher. So ärgert sich Elif, die sich als Fußballspielerin einen Ruf als "weiblicher Ronaldinho" erworben hat, immer wieder über die selektive Wahrnehmung ihrer Person. Ihre deutschen Freundinnen betonten, dass sie ja wie "eine Deutsche sei", beklagt sie. Für sie ist das kein Kompliment, denn sie versteht dies vor allem als Kritik an "den Türken". "Ich bin einfach eine Türkin und nicht alle Türken sind Scheiße", antwortet sie ihren Freundinnen in Situationen, wenn diese wieder einmal versuchen, ihren Erfolg einzudeutschen.

Diese Erfahrungen sind typisch für viele der Gesprächspartner, die in dem Buch zu Wort kommen. Selma, die Architektin, oder Büsra, die Jugendrätin aus Stuttgart-Degerloch: Sie alle erzählen von ihrem Alltag in Deutschland und von dem, was sie bewegt. Die Autoren des Buches versuchen dabei, das "Normale" ihrer Gesprächspartner herauszustellen. Damit vermeiden sie Fehler, die man mit einem solchen Projekt leicht begehen kann: Denn nicht alles was Migranten tun, lässt sich eben mit dem Migrant-Sein erklären. Oder, wie es Razi, die Lehramtsstudentin und Fotografin, formuliert: Sie glaube nicht, dass ihr Interesse an der Fotografie mit ihrem Migrationshintergrund zu tun habe. "Ich fotografiere einfach, weil es mir Spaß macht."




 

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