KanakCultures
Migrationshintergrund als Qualifikation
20.5.2010
Projektgruppe JugendArt (© KanakCultures. Kultur und Kreativität junger MigrantInnen, Berlin: Archiv der Jugendkulturen Verlag, 2010, 204 S.)Studenten der Hochschule Esslingen haben diesen Jugendlichen in Interviews das "Sprachrohr gereicht", damit sie ihre Perspektive darlegen: Was bedeutet ihnen die Herkunft der Eltern, wie definieren sie ihren Platz in der Gesellschaft und wie versuchen sie, ihre von der Mehrheit zugeschriebenen Rollen zu verändern?
Newsletter Jugendkultur, Islam und Demokratie
Dieser Beitrag erschien ursprünglich im Newsletter "Jugendkultur, Islam und Demokratie",
Ausgabe Nr. 17/Mai 2010. Der Newsletter wird im Auftrag der bpb erstellt durch ufuq.de - Jugendkultur, Medien und politische Bildung in der Einwanderungsgesellschaft e.V.
Es ist das Schubladendenken - hier Migrant, da Deutscher -, gegen das sich das Netzwerk Kanak Attak wendet: Das Denken in Kategorien und die damit verbundene Bevormundung. "Wir haben es satt, auf irgendwelchen Straßenfesten für das Kulinarische zu sorgen. Wir haben auch inhaltlich was zu melden und unsere Wünsche können wir besser formulieren als ihr. Warum soll ich da zur AWO?", fragt Cevat. Selbst das Wort ergreifen, eigene Foren schaffen - im Alltag, in der Politik oder der Kultur - das sind einige Ziele, für die sich Kanak Attak einsetzt.
"Ich bin stolz, ´ne Kanake zu sein", betont Adalla, eine 13-jährige Schülerin und Hauptdarstellerin eines Musicals. Sie sehe vielleicht deutsch aus, fühle sich aber "eher arabisch". Die Schauspielerei und der Tanz auf der Bühne sind für sie Möglichkeiten, um sich gegenüber anderen zu beweisen. Für Hakan ist es hingegen keine Frage, dass er sich als Deutscher sieht.
Die Autoren treffen den 29-Jährigen auf dem Jahrestreffen der Muslimischen Jugend in Deutschland (siehe Interview zur MJD). Als Mitorganisator der Veranstaltung erklärt der Politikwissenschaftler, was es mit islamischer Jugendkultur auf sich hat - wobei ihm der Begriff "islamische Jugendkultur" nicht behagt. Schließlich gehe es ja um deutsche Jugendliche, die zwar muslimisch, aber auch deutsch sind. Dennoch gibt es Besonderheiten, die für ihn das Islamische ausmachen. Beispielsweise, dass er statt eines Hemdes von Nike ein T-Shirt von Style-Islam trägt - einem islamischen Modelabel, das Kleidung mit islamischen Botschaften anbietet: "I love Mekka" statt "I love New York". Ein solches T-Shirt trägt er am Freitag in der Moschee: "Weil das passt einfach."
Religion steht allerdings für die meisten der im Buch dargestellten Jugendlichen nicht im Mittelpunkt ihres Alltags. Die Herkunft der Eltern schon eher. So ärgert sich Elif, die sich als Fußballspielerin einen Ruf als "weiblicher Ronaldinho" erworben hat, immer wieder über die selektive Wahrnehmung ihrer Person. Ihre deutschen Freundinnen betonten, dass sie ja wie "eine Deutsche sei", beklagt sie. Für sie ist das kein Kompliment, denn sie versteht dies vor allem als Kritik an "den Türken". "Ich bin einfach eine Türkin und nicht alle Türken sind Scheiße", antwortet sie ihren Freundinnen in Situationen, wenn diese wieder einmal versuchen, ihren Erfolg einzudeutschen.
Diese Erfahrungen sind typisch für viele der Gesprächspartner, die in dem Buch zu Wort kommen. Selma, die Architektin, oder Büsra, die Jugendrätin aus Stuttgart-Degerloch: Sie alle erzählen von ihrem Alltag in Deutschland und von dem, was sie bewegt. Die Autoren des Buches versuchen dabei, das "Normale" ihrer Gesprächspartner herauszustellen. Damit vermeiden sie Fehler, die man mit einem solchen Projekt leicht begehen kann: Denn nicht alles was Migranten tun, lässt sich eben mit dem Migrant-Sein erklären. Oder, wie es Razi, die Lehramtsstudentin und Fotografin, formuliert: Sie glaube nicht, dass ihr Interesse an der Fotografie mit ihrem Migrationshintergrund zu tun habe. "Ich fotografiere einfach, weil es mir Spaß macht."
weitere Inhalte:
- "Mit den Jugendlichen ins Gespräch kommen"
- Armutsgefährdungsquoten von Migranten
- "Bei uns ist Dialog alles"
- "Dawa" gegen anti-islamische Hetze
- "Den Kids ein Stück weit Vorbild sein"
- Der Streit um das Gebet
- Deutsche Übersetzungen von Schriften und Predigten saudischer Gelehrter (II)
- "Die wollen den Islam schlecht machen"
- "Eine Art Hobby"
- Kollektive Suche nach der Identität
- Pädagogik mit dem Teufel
- Pop, Politik und Boulevard
- Religion als Chance
- Selbstbewusstsein stärken – Junge Muslime und die BRAVO
- "Was guckst Du?" Teil I
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