Islamische Bademode

Selbstbewusstsein stärken – Junge Muslime und die BRAVO

Ein Gespräch mit Marthe Anna Kniep vom Dr. Sommer -Team


29.7.2010
Auch unter Jugendlichen mit Migrationshintergrund zählt die BRAVO zur alltäglichen Lektüre. Etwa ein Drittel der 14- bis 17-Jährigen lesen die BRAVO regelmäßig und jeder Vierte informiert sich in der Zeitschrift über die Themen Sexualität und Partnerschaft*. Mit der Diplom-Pädagogin Marthe Anna Kniep sprachen wir darüber, wie die Redaktion auf diese Zielgruppe eingeht. Kniep leitet das Dr. Sommer-Team der BRAVO.
BRAVO – die größte Jugendzeitschrift im deutschsprachigen Raum. Auch jeder vierte Jugendliche
mit Migrationshintergrund informiert sich hier über die Themen Sexualität und Partnerschaft.BRAVO – die größte Jugendzeitschrift im deutschsprachigen Raum. Auch jeder vierte Jugendliche mit Migrationshintergrund informiert sich hier über die Themen Sexualität und Partnerschaft. (© AP)

Die Leserschaft der BRAVO hat sich in den letzten Jahrzehnten verändert. Heute zählen auch viele junge Muslime und Migranten zu den Lesern. Spielt dies in Ihrer redaktionellen Arbeit eine Rolle?

Im Dr.-Sommer-Team erreichen uns zunehmend auch Fragen von Jugendlichen mit Migrationshintergrund. Natürlich gehen wir auf diese Fragen in der BRAVO ein, wenn wir glauben, dass die Antworten für viele unserer Leser wichtig sind. Viele Anliegen werden aber auch in der Einzelberatung geklärt. Für diese Jugendliche ist es besonders schwierig, die Kultur der Eltern und die eigene Lebenswelt in Deutschland miteinander zu vereinbaren. Für sie ist es oft eine große Herausforderung, in einer westlichen Gesellschaft zu den familiären Wurzeln zu stehen. Wir versuchen, das Selbstbewusstsein von Jungen und Mädchen so zu stärken, dass sie selbst entscheiden, nach welchen kulturellen Regeln sie leben wollen und nach welchen nicht. Wenn Jugendliche danach fragen oder wenn wir es für sinnvoll halten, informieren wir auch darüber, welche Rechte man als Jugendlicher in Deutschland hat. Solange das seelische und körperliche Wohl von Jugendlichen nicht gefährdet ist, tolerieren wir jede Lebensweise. Religion und Kultur haben schließlich auch ganz viele stärkende Elemente, die mit zur Identitätsbildung beitragen. Die Tipps des Dr.-Sommer- Teams für ein gutes Miteinander basieren letztlich auch auf christlichen Werten und einer humanistischen Grundhaltung.

Newsletter Jugendkultur, Islam und Demokratie

Dieser Beitrag erschien ursprünglich im Newsletter "Jugendkultur, Islam und Demokratie", PDF-Icon Ausgabe Nr. 18/August 2010. Der Newsletter wird im Auftrag der bpb erstellt durch ufuq.de - Jugendkultur, Medien und politische Bildung in der Einwanderungsgesellschaft e.V.


"Wir wollen Vorurteile nicht noch bedienen"

Gibt es denn besondere Sensibilitäten, auf die Sie Rücksicht nehmen müssen?

Besondere Sensibilität ist bei kulturellen Themen nötig. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Wir schreiben über die Angst eines muslimischen Mädchens vor der Hochzeit, weil es nicht mehr Jungfrau ist. Dabei müssen wir für alle Leser erklären, warum das überhaupt ein Problem sein kann. In einem weiteren Schritt ist es wichtig zu betonen, dass das nicht in allen muslimischen Familien so ist. Denn wir wollen diese Vorurteile in den Köpfen vieler Menschen nicht noch bedienen. Und dann geht es um die notwendige Entscheidungshilfe für das Mädchen – diese muss vor allem umsetzbar sein. Auch wenn wir dem Mädchen wünschen, dass es sein Leben auf seine eigene Art gestalten kann – es hilft ihr nicht, wenn sie aus einer sehr religiösen Familie kommt und erst 15 Jahre alt ist, wenn wir sagen: "Erzähl deiner Familie die Wahrheit, denn es ist nicht schlimm, unverheiratet Sex gehabt zu haben. Sicher werden sie es akzeptieren, wenn du ihnen das erklärst." Wer sich der kulturellen Unterschiede nicht bewusst ist, würde vielleicht zu so einer Antwort neigen. Aber dieser Rat wäre unbrauchbar, weil das Mädchen ihn nicht umsetzen kann. Man muss hier eine individuelle Lösung finden, damit das Mädchen mit seinen eigenen Möglichkeiten und angesichts seines eigenen Familienhintergrunds etwas unternehmen kann. Das ist nicht immer leicht, weil der Spielraum für Veränderungen teilweise sehr klein ist. Deshalb sind einige Themen für redaktionelle Beiträge fast zu facettenreich, um ihnen wirklich gerecht zu werden. Aber diese Herausforderung nehmen wir immer öfter an, weil es täglich mehr Leser werden, denen wir damit helfen können.

Problem Sex vor der Ehe

Wie entscheiden Sie denn, welche Themen Sie aufgreifen? Gibt es Anfragen, die religiöse Probleme thematisieren?

In den vergangen Jahren haben wir Themen, die sich mit kulturellen oder religiösen Aspekten befassten, unterschiedlich intensiv bearbeitet. Das waren zum Beispiel Fragen zur Hymen-Rekonstruktion. Oder zum Verbot von Eltern, einen Freund oder Freundin mit Migrationshintergrund zu haben. Wir sind auch auf das Thema Genitalverstümmelung eingegangen. Das ist ein Problem aus dem afrikanischen Kulturkreis, das auch in Deutschland mehr Aufmerksamkeit verdient. In einem Dr.-Sommer-Spezial haben wir auch die Themen Zwangsheirat und "Ehrenmord" behandelt. Der Schwerpunkt lag auch hier auf der Botschaft, dass jeder Mensch das Recht auf ein selbstbestimmtes Leben hat. Ein wichtiges Element dieser Artikel ist immer der Hinweis auf weiterführende, professionelle Beratungsangebote für Jugendliche in besonderen Lebenslagen. Deswegen ist uns auch das Angebot einer E-Mail-Beratung als Ergänzung zur Zeitschrift wichtig. Hier geht es auch oft um das "Problem", Sex vor der Ehe gehabt zu haben – immer verbunden mit der Sorge, dass es "rauskommt". Dies ist oft auch verbunden mit Fragen zum Analsex, weil diese Jugendlichen nach Wegen suchen, die vaginale Jungfräulichkeit nicht zu gefährden. Solche Fragen kommen allerdings nicht nur von Jugendlichen aus muslimischen Familien. Auch Kinder aus anderen religiös lebenden Familien fühlen sich manchmal durch den Glauben ihrer Eltern eingeengt – zum Beispiel in sehr christlichen Familien. Dauerthema in der Einzelberatung sind aber auch Konflikte zwischen Eltern und Kindern, wenn muslimische Kinder im Jugendalter nicht die traditionelle Lebensweise der Eltern fortführen wollen oder bestimmte Elemente ablehnen. Das Spektrum ist dabei groß und setzt eine breite interkulturelle Bildung voraus, um hier so zu beraten, dass die Jugendlichen die Ratschläge auch umsetzen können.




 

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