Sonderausgabe März 2011
Dass Thilo Sarrazin ihre Einladung wirklich annehmen würde, damit hat wohl kaum ein Teilnehmer der Dialoggruppe gerechnet, die die Bundeszentrale für politische Bildung/bpb seit September 2009 in der Oberstufe der Otto-Hahn-Schule in Berlin-Neukölln anbietet. Schon im Juni, lange vor Erscheinen seines kontroversen Buches "Deutschland schafft sich ab", hatten die Jugendlichen - alle mit muslimischem Migrationshintergrund - an den ehemaligen Berliner Finanzsenator geschrieben. Seine Zusage kam postwendend.
Im August dann kam das Buch heraus, Sarrazin wurde zum Medienstar und für viele zur Persona non grata, die Debatte schärfer und emotionaler. Dennoch hielten die Jugendlichen an der Idee eines rationalen und dialogischen Gesprächs mit dem umstrittenen Autor fest. Sie wollten ernst genommen werden und nahmen also auch Sarrazin ernst. Sie machten sich an die Lektüre seines Buches. Auch in der Berliner U-Bahn lasen sie es und provozierten erstaunte Nachfragen der Mitreisenden. Zwei Samstage wurden geopfert, um in Workshops das Buch zu diskutieren und Fragen und Argumente vorzubereiten.
Am 2. Dezember war es so weit: In einem über zweistündigen abendlichen Gespräch mit Sarrazin ging es immer wieder hoch her, aber der Austausch blieb sachlich und professionell - man hörte sich gegenseitig zu. Wie im bürgerlichen Salon wurde Sarrazin zum Abschluss ein Blumenstrauß für seine Frau überreicht und das Gespräch bei Couscous und Nudelsalat fortgesetzt. Ein Beispiel gelungener politischer Bildung, die dialogisch und kontrovers arbeitet - gerade auch, wenn es um unsere gemeinsame Zukunft im Einwanderungsland Deutschland geht.







