Koffer

4.12.2012 | Von:
Bettina Gransow

Migrationsmuster: Land-Stadt-Wanderung und Arbeitsmigration dominieren

Die Binnenmigration in China ist vor allem Land-Stadt-Migration und geht mit einem raschen Urbanisierungsprozess einher.

Landkarte der Volksrepublik China und TaiwanLandkarte der Volksrepublik China und Taiwan (© Central Intelligence Agency (US))

Zahl der Binnenmigranten

Im Jahre 2011 lebte – zum ersten Mal in der chinesischen Geschichte – mehr als die Hälfte der chinesischen Bevölkerung in Städten. Nach Projektionen des Zentrums für Entwicklungsforschung, das dem chinesischen Staatsrat untersteht, wird die Urbanisierungsrate bereits bis zum Jahr 2020 auf 60% angestiegen sein.[1] Bei einer Gesamtbevölkerung von 1,34 Milliarden gab es nach der letzten Volkszählung von 2010 666 Millionen (bzw. 49,7%) städtische Einwohner und 674 Millionen (oder 50,3%) ländliche Einwohner. Die Gesamtzahl der Binnenmigrant/innen, also derjenigen, die sich länger als 6 Monate an einem anderen als ihrem dauerhaften Wohnort aufhielten, betrug 2010 221 Millionen. Im Vergleich zur vorhergehenden Volkszählung im Jahr 2000 (117 Millionen) war dies fast schon eine Verdoppelung der Anzahl der Binnenmigrant/innen.[2]

Etwa drei Viertel der chinesischen Binnenmigration ist Arbeitsmigration.[3] Für 2011 nennt das Statistische Amt eine Gesamtzahl von 253 Millionen Arbeitsmigranten (nongmingong), abzüglich der lokalen Pendler waren dies 159 Millionen Arbeitsmigrant/innen, die langfristig außerhalb ihres ständigen Wohnsitzes leben und arbeiten. Von letzteren waren 126 Millionen allein unterwegs und 33 Millionen (21%) im Familienverband. Die überwiegende Mehrheit der Arbeitsmigrant/innen (95%) war in abhängigen Beschäftigungsverhältnissen tätig.

Zielorte der Arbeitsmigration

Die Metropolen und urbanen Zentren des Landes sind die Hauptanziehungspunkte für die ländlichen Arbeitsmigrant/innen. 2009 waren 63% von ihnen in großen und mittelgroßen Städten beschäftigt, davon 9% in regierungsunmittelbaren Städten[4], 20% in Provinzhauptstädten und 34% in Städten auf Präfekturebene.[5] Die Richtung der Migrationsströme ist seit den 1990er Jahren im Kern unverändert geblieben: Zielorte sind die megaurbanen Regionen im Perlflussdelta, Shanghai und das Yangzi-Delta sowie die Peking/Tianjin-Region. Hauptzuwanderungsprovinzen sind Guangdong, Zhejiang, Jiangsu und Shandong. Es gibt kleinere gegenläufige Migrationsströme, z.B. nach Lhasa oder zur Baumwollernte nach Xinjiang. Einen gewissen Einfluss auf die Richtung der Migrationsströme hat auch die chinesische Politik, stärker in die Westregionen Chinas zu investieren. So werden gegenwärtig Produktionsstätten von der Küste ins Inland verlagert. Als Folge könnten zentralchinesische Provinzen wie Hunan, Hubei und Sichuan, d.h. klassische Abwanderungsprovinzen, mehr Arbeitskräfte binden. Auch könnten die schnell wachsenden Megastädte im Inland Chinas an Attraktivität gewinnen. Städte wie Xi’an, Kunming, Urumqi und Harbin gelten als nächste Anwärter für den Ausbau zu Megastädten.

Trotz der vielen ländlichen Arbeitskräfte ist es seit etwa 2004 in den Zielregionen der Binnenmigration zu einer Arbeitskräfteknappheit gekommen. Dies hat unter Experten zu einer Debatte darüber geführt, ob in China bereits das Reservoir billiger ländlicher Arbeitskräfte erschöpft ist und eine Phase steigender Löhne beginnt oder ob hierfür andere Ursachen (z.B. nicht ausbezahlte oder zu niedrige Löhne, die Furcht vor Arbeitsunfällen sowie verbesserte Lebensbedingungen auf dem Lande selbst) maßgeblich sind.

Dieser Text ist Teil des Kurzdossiers "Binnenmigration in China - Chance oder Falle?".

Fußnoten

1.
Zhou/Li (2010), S. 68.
2.
Major Figures (2011), S. 59-61.
3.
Vgl. hierzu auch Gongan (2008), S. 2.
4.
Regierungsunmittelbare Städte haben im chinesischen Verwaltungssystem den höchsten Rang, d.h. den Rang einer Provinz. Hiervon gibt es nur vier Städte, nämlich Peking, Shanghai, Tianjin und Chongqing.
5.
Zhongguo (2010), S. 26.
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Autor: Bettina Gransow für bpb.de
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