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4.12.2012 | Von:
Bettina Gransow

Eine zweite Generation von Migrant/innen: Neue Ansprüche

Inzwischen ist bereits eine zweite Generation von Migrant/innen herangewachsen, die in den 1980er und 1990er Jahren geboren wurde. Diese Generation hat nicht nur weniger Bindungen an die Herkunftsorte als die erste Generation (sei es, weil sie als Kinder aus Migrantenfamilien schon in Städten aufgewachsen sind, sei es, weil sie zwar auf dem Lande aufgewachsen sind, selbst aber keinerlei landwirtschaftliche Erfahrungen mehr haben). Sie ist auch (durch den Zugang zu neuen Medien und die Erzählungen anderer Migrant/innen) in ihrem ganzen Lebensstil viel stärker auf die Stadt ausgerichtet.

Im Jahre 2011 lebte – zum ersten Mal in der chinesischen Geschichte – mehr als die Hälfte der chinesischen Bevölkerung in Städten.Im Jahre 2011 lebte – zum ersten Mal in der chinesischen Geschichte – mehr als die Hälfte der chinesischen Bevölkerung in Städten. (© Bettina Gransow )

Allerdings fehlen den jungen Migrant/innen oft die finanziellen Mittel und wegen des ländlichen hukous weitere Voraussetzungen (wie z.B. die Einbindung in städtische Systeme der sozialen Sicherung), um dauerhaft in den Städten leben und hier eine eigene Familie gründen zu können. Gerade die urbanen Zentren, die Arbeitsplätze für die Migrant/innen bieten, haben sehr hohe Immobilienpreise. Für diese zweite Generation droht die Land-Stadt-Migration zu einer Falle zu werden, die weder eine Rückkehr-Perspektive noch Aussicht auf eine langfristige städtische Integration bietet. Immer mehr Dörfer sind nur noch von älteren oder nicht erwerbsfähigen Personen bewohnt bzw. von Kindern, deren Eltern in den Städten Geld verdienen.

Einerseits gibt es aus der Sicht der jungen Migrant/innen keine reale Alternative mehr zu einem städtischen Leben, andererseits finden sie in den Städten nur "Anerkennung" als billige Arbeitskräfte, nicht als junge Menschen, die sich eine Existenz aufbauen wollen und müssen. Verkompliziert wird diese Situation durch die Heirat, die in China, gerade auf dem Lande, noch immer eine Angelegenheit zwischen Familien ist. Zahlreiche ungeschriebene Gesetze setzen (hohe) Standards für Hochzeitsfeierlichkeiten und -geschenke. Z.B. sollte der Bräutigam ein Haus mit in die Ehe bringen. So kommt es vor, dass Migranten auf dem Lande Häuser bauen, um eine Ehefrau zu finden, die Häuser dann aber leer stehen, weil beide Ehepartner in der Stadt arbeiten. Allerdings kehren schwangere Migrantinnen zumeist zurück, da die Kosten für die Geburt in den Städten zu hoch sind und Mutter und Kind in der familiären Umgebung besser versorgt werden können.

In einer ähnlich ausweglosen oder zumindest problematischen Lage wie die zweite Generation der Migrant/innen befindet sich auch ein anderer Teil der in den 1980er und 1990er Jahren geborenen Generation, nämlich junge Hochschulabsolventen mit einem ländlichen hukou: einerseits möchten sie nach dem Studienabschluss in den großen Städten bleiben, andererseits fehlen ihnen die sozialen Netzwerke vor Ort, um Karriere zu machen und z.B. einen der begehrten Regierungsposten zu erhalten, die - im Unterschied zu Arbeitsplätzen im Privatsektor – attraktive Arbeits- und Gehaltsbedingungen sowie bessere Aufstiegschancen bieten. Ähnlich wie die meisten Migrant/innen bewegen sich diese Hochschulabsolventen in informellen Arbeits- und Lebenszusammenhängen, allerdings verstehen sie sich aufgrund ihres Bildungsgrads eher als Vertreter der Mittelschichten.

Dieser Text ist Teil des Kurzdossiers "Binnenmigration in China - Chance oder Falle?".

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