Koffer

Migranten in Chinas Städten: Informalisierung von Arbeits- und Lebensbedingungen


4.12.2012
Mit dem Status ländlicher Herkunft müssen Migrant/innen daher in den Städten ohne eine Vielzahl von Privilegien und Vorteilen auskommen, die für die städtischen Einwohner selbstverständlich sind.

Mietanzeigen im urban village GuangzhouMietanzeigen im urban village Guangzhou (© Bettina Gransow )

So wurden sie in den Städten zu einer Gruppe, die durch die lokalen Behörden eingeschränkt, reguliert und kontrolliert wird[1]. Sie sehen sich konfrontiert mit Vorurteilen der städtischen Bürger, die auf sie herabsehen und sie als potentielle Kriminelle fürchten, gleichzeitig aber ihre Dienstleistungen auf vielfältige Weise in Anspruch nehmen. Die Selbstrepräsentation städtischer Einwohner als moderne Bürger, mit einem höheren Lebensstandard und einem urbanen life style, wird teilweise erst durch die negative Spiegelung mit der Migrantenbevölkerung erreicht. Als Folge dieser Situation ist das Leben der Migrant/innen in den Städten durch informelle Arrangements gekennzeichnet, die ebenso kreativ wie prekär sind. Dies soll am Beispiel von Beschäftigung, Wohnsituation, Bildung und Gesundheitsversorgung verdeutlicht werden.

Beschäftigung und Einkommen



Die Mehrheit der ländlichen Migranten ist informell beschäftigt, entweder im informellen Sektor oder in informellen Beschäftigungsverhältnissen im formellen (staatlichen oder privaten) Wirtschaftssektor.[2] Ihre häufig vertragslosen Beschäftigungsverhältnisse machen es Migrant/innen sehr schwer, ihre Rechte einzuklagen, z.B. wenn ihnen ihre Löhne nicht ausbezahlt werden oder wenn sie eine Entschädigung im Falle von Arbeitsunfällen und Berufserkrankungen verlangen wollen. Darüber hinaus sind sie weitgehend von Versicherungsleistungen bei Krankheit, Unfall und Alter ausgeschlossen.

Die durchschnittlichen Monatseinkünfte der Migrant/innen sind über viele Jahre nicht gestiegen und lagen z.T. weit unter 1.000 Yuan[3] im Monat. Die Durchschnittslöhne der städtischen Beschäftigten waren deutlich höher. Erst in den vergangenen Jahren ist es vor dem Hintergrund von lokaler Arbeitskräfteknappheit und vermehrten, z.T. unkonventionellen Protestaktionen[4] von Arbeitsmigrant/innen zu deutlichen Lohnsteigerungen gekommen. Diese reichen aber nicht aus, um eine dauerhafte Perspektive in den Städten zu eröffnen.

 
Monatseinkommen von ländlichen Arbeitsmigranten in chinesischen Städten (in Yuan), 2010 und 2011
 
Monatslohnim Durchschnittöstliche Regionenzentralchin. Regionen westliche Regionen
20101.6901.6961.6321.643
20112.0492.0532.0061.990
Quelle: http://www.stats.gov.cn/tjfx/fxbg/t20120427_402801903.htm, aufgerufen am 24.6.2012

Abhängig beschäftigte Migrant/innen verdienten 2011 mit 2.015 Yuan im Monat deutlich weniger als selbständige Migranten, deren Einkommen im Schnitt bei 2.684 Yuan im Monat lagen. In den Bereichen Transport und Verkehr sowie im Baugewerbe sind die Monatslöhne mit 2.485 Yuan und 2.382 Yuan überdurchschnittlich hoch; relativ gering sind sie dagegen im Hotel- und Gaststättengewerbe (1.807 Yuan), im Dienstleistungsbereich (1.826 Yuan) und im produzierenden Gewerbe (1.920 Yuan).[5] D.h., die besser bezahlten Bereiche sind diejenigen, in denen überwiegend Männer arbeiten, während Migrantinnen im Niedriglohnsektor konzentriert sind.[6]

Wohnsituation



Die Art der Unterkunft von Migranten in den Städten richtet sich zunächst nach ihrem Job. Bauarbeiter übernachten in Wohncontainern direkt auf der Baustelle, Fabrikarbeitskräfte sind überwiegend in firmeneigenen Wohnheimen untergebracht, nach Geschlechtern getrennt. Hauspersonal und Kindermädchen leben (teilweise) in Privathaushalten. Inhaber kleiner Geschäfte übernachten in ihren Lager-, Produktions- oder Geschäftsräumen. Eine wachsende Zahl von Migrant/innen aber mietet privaten Wohnraum an, besonders Ehepaare oder Familien mit Kindern. Bezahlbaren privaten Wohnraum finden die Arbeitsmigrant/innen in den ländlichen Außenbezirken großer Städte oder in den sog. urban villages.[7] Dabei handelt es sich um Dörfer, die im Zuge der Urbanisierung von der sich ausdehnenden Stadt eingeschlossen wurden. Während die ehemals ländlichen Haushalte in diesen urban villages einen städtischen hukou erhalten haben, bleiben die Migrant/innen, die in den urban villages zur Miete wohnen, weiterhin mit ihrem ländlichen hukou registriert.

In den Innenstadtbezirken gibt es für Migrant/innen wegen großflächiger Sanierungsprojekte kaum noch bezahlbaren Wohnraum. Auch fehlt es an Möglichkeiten für besser gestellte Migrant/innen, Wohneigentum in der Stadt zu erwerben.

Schulbildung für Migrantenkinder



Mit einer wachsenden Tendenz zur Migration ganzer Familien hat auch die Nachfrage nach Schulen für die etwa 35 Millionen Migrantenkinder (2005) in den Städten zugenommen. Trotzdem bleibt mit 58 Millionen der größere Teil der Migrantenkinder auf dem Lande zurück, zumeist bei den Großeltern.[8] Dies ist zunehmend als ein gesellschaftliches Problem erkannt worden. Da es Migrantenkindern bis 2005 offiziell nicht erlaubt war, die öffentlichen städtischen Schulen zu besuchen oder dies mit sehr hohen Kosten verbunden war, haben Migrant/innen seit den 1990er Jahren informelle Schulen, besonders Grundschulen, für ihren Nachwuchs selbst organisiert. Lehrer und Lehrmaterialien entstammten dabei überwiegend den Herkunftsregionen der Migrant/innen. Diese Schulen und Kindergärten wurden aber vom chinesischen Erziehungsministerium nicht anerkannt und operierten in einer Grauzone der Duldung. 2005 revidierte der Nationale Volkskongress das Gesetz zur Pflichtschulbildung[9] und schuf damit die rechtlichen Möglichkeiten zur Integration der Migrantenkinder in das städtische Schulsystem. Trotz dieser verbesserten rechtlichen Voraussetzungen erheben öffentliche Schulen Gebühren und errichten andere Hürden, da sie befürchten, durch die Aufnahme von Migrantenkindern im Niveau und im ranking ihrer Schule zurückzufallen. Auch gibt es deutlich mehr Grundschulen als Mittelschulen für Migrantenkinder, so dass die Kinder teilweise in ihre Herkunftsregionen zurückkehren müssen, um die Mittelschule besuchen zu können. All dies schränkt von vornherein ihre Zukunftschancen ein.

Gesundheitsversorgung



Eine weitere Quelle der Ausgrenzung von ländlichen Migrant/innen bildet das duale Gesundheitssystem, wobei die Migrant/innen in die seit 2003 eingerichtete kollektive Krankenversicherung auf dem Lande eingebunden sind. Deren Leistungen sind nur gering und für die Migrant/innen sind sie auch nur am ländlichen Herkunftsort gültig, nicht aber in ihren städtischen Arbeitsorten. In städtischen Gebieten mit hohen Konzentrationen von Migrantenpopulationen - wie z.B. in den urban villages – sind kleine Kliniken und Gesundheitszentren entstanden, die diese Lücke in der Krankenversorgung von Migranten ausfüllen sollen. Aber diese zumeist informellen Gesundheitsangebote sind wenig professionell und voller Risiken (wie z.B. die Behandlung durch Ärzte ohne Approbation oder mit gefälschten Medikamenten)[10] und daher auch bei den Migrant/innen nicht sehr beliebt. Werden sie krank, nehmen Migrant/innen oft lieber eine abwartende Haltung ein als die informellen Gesundheitsangebote von Dienstleistern zu nutzen, deren Vertrauenswürdigkeit für sie nur schwer einzuschätzen ist.[11] Hinzu kommt, dass Migrant/innen in solchen Beschäftigungsbereichen konzentriert sind, die eine hohe Unfallquote aufweisen. Abgesehen von Unfällen, die ganz klar als arbeitsbezogen identifiziert und ausreichend entschädigt werden, müssen sie praktisch alle Kosten für Untersuchungen und Behandlungen selbst aufbringen, wozu sie in der Regel nicht in der Lage sind. Nicht selten müssen Migrant/innen nach einem Notfall wegen finanzieller Engpässe notwendige Folgebehandlungen im Krankenhaus abbrechen.[12] Unfälle und schwere Erkrankungen zählen zu den wichtigsten Gründen, weshalb Migrant/innen und ihre Familien in absolute Armut zurückfallen.

Dieser Text ist Teil des Kurzdossiers "Binnenmigration in China - Chance oder Falle?".


Fußnoten

1.
Xu (2009).
2.
Wu (2011), S. 170
3.
2003 entsprachen 1.000 Yuan knapp 103 Euro.
4.
Dies zeigt das folgende Beispiel: "2007 kam der junge Chen mit Hilfe von Landsleuten nach Xiamen, wo er einen Job auf dem Bau antrat. Nach zwei Monaten hatte er immer noch keinen Lohn erhalten. Zusammen mit mehr als 20 anderen Bauarbeitern suchte er seinen Arbeitgeber auf, um ihn zur Rede zur stellen. Dieser wollte die Löhne aber erst nach Beendigung des gesamten Bauprojektes auszahlen. Nach diesem Fehlschlag versammelten Chen und seine Kollegen sich auf einer viel befahrenen Straße und stoppten den Verkehr. Nach 20 Minuten kam die Polizei und forderte die Arbeiter auf, die Straße zu verlassen, damit der Verkehrsstau aufgelöst werden könnte. Aber die Arbeiter waren nicht bereit zu gehen, ohne ihre Löhne erhalten zu haben. Nach einer weiteren halben Stunde kamen Vertreter der Arbeitsbehörden und informierten sich über die Situation. Um 7 Uhr abends zahlte der Arbeitgeber Chen und seinen Kollegen 24.000 Yuan – und der Verkehr konnte wieder fließen." Die Logik dieser Aktion entspricht dem chinesischen Sprichwort: "Laut Krach schlagen führt zu einer schnellen Lösung, ein bisschen Krach schlagen führt zu einer langsamen Lösung, überhaupt nicht Krach schlagen führt zu gar keiner Lösung". Li (2010), S.192/193.
5.
http://www.stats.gov.cn/tjfx/fxbg/t20120427_402801903.htm, aufgerufen am 24.6.2012
6.
Allerdings gilt auch für China, dass es bisher an Untersuchungen zu qualifizierten Migrantinnen mangelt (Kofman/Raghuram 2009).
7.
Gransow (2007).
8.
Nach einer Untersuchung des chinesischen Frauenverbandes (2008) gab es 2005 landesweit 58 Millionen auf dem Land zurückgelassener Kinder (China Daily vom 31.5.2012).
9.
Die neunjährige Schulpflicht umfasst sechs Jahre Grundschule und drei Jahre untere Mittelschule.
10.
Bork, Kraas und Yuan (2010), S. 72-93.
11.
Gransow (2010), S. 24-25.
12.
Xiang (2005), S. 162f.
Creative Commons License Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/
Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/
Autor: Bettina Gransow für bpb.de
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.

 

Kurzdossiers

Inhalt:

Teaserbild Newsletter Migration und Bevölkerung

Kurzdossiers und Länderprofile focus migration abonnieren

Hier können Sie Kurzdossiers und Länderprofile von focus migration abonnieren. Weiter... 

Infografiken

Zahlen zu Asyl in Deutschland

Wie viele Menschen suchen in Deutschland Asyl? Woher kommen sie? Wie viele Asylanträge sind erfolgreich? Und wie viele Menschen werden abgeschoben? Wir stellen die wichtigsten Zahlen zum Thema Asyl und Flucht monatlich aktualisiert in einfachen Infografiken dar. Weiter...