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Kurz skizziert: Ost-West-Migration nach der EU-Erweiterung


19.2.2013
Die Erweiterung der EU in den Jahren 2004 und 2007 hatte einen großen Einfluss auf die Migrationsbewegungen aus den Mitgliedstaaten in Ostmittel- und Osteuropa.[1]
Deutsche Jugendliche tragen bei den Feierlichkeiten zur EU-Erweiterung am Dreilaenderpunkt in Zittau am Freitag 30. April 2004 eine EU-Fahne auf einer Ponton Bruecke ueber die Neisse. Die Neisse markiert bei Zittau die Grenze mit Tschechien und Polen.Deutsche Jugendliche tragen bei den Feierlichkeiten zur EU-Erweiterung am Dreiländerpunkt in Zittau im April 2004 eine EU-Fahne über die Neisse. (© picture alliance / AP Photo)

Wie aus Abbildung 1 und 2 hervorgeht, stieg die Zahl der Staatsbürger der zehn neuen Mitgliedstaaten in den EU-15-Ländern nach der Erweiterung der EU im Jahre 2004 bedeutend an. Im Gegensatz dazu haben sich die Wanderungsbewegungen aus den alten in die neuen Mitgliedstaaten und die Migrationsbewegungen zwischen den neuen Mitgliedstaaten im selben Zeitraum nicht bedeutend verändert (Fic et al. 2011).

Umfang der Zuwandererbevölkerung aus der EU-8 und der EU-2 in der EU-15Abb. 1: Umfang der Zuwandererbevölkerung aus der EU-8 und der EU-2 in der EU-15 Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)
Umfang der Zuwandererbevölkerung aus der EU-2 in der EU-10, 2004-2009Abb. 2: Umfang der Zuwandererbevölkerung aus der EU-2 in der EU-10, 2004-2009 Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)


Die neuen Mitgliedstaaten unterschieden sich stark hinsichtlich der Zahl der Abwanderer. Während Ungarn und Slowenien in Bezug auf ihre Gesamtbevölkerung die geringste Abwanderung verzeichneten (unter 1%), entsprach die Abwanderung aus Rumänien beinahe 9% der Gesamtbevölkerung. Diese Unterschiede liegen in den verschiedenen wirtschaftlichen Situationen der jeweiligen Länder aber auch in anderen Faktoren wie ihrer geographischen Lage begründet (Fic et al. 2011).

Slowenien



Die Tatsache, dass der wirtschaftliche Entwicklungsstand Sloweniens der höchste unter den neuen Mitgliedstaaten war, verminderte den Anreiz zur Abwanderung. Im Jahr 2010 lag die Arbeitslosenquote bei 7,2% (OECD 2012, S. 270) und damit bedeutend niedriger als in den baltischen Staaten (Estland hatte z.B. im Jahr 2010 eine Arbeitslosenquote von 16,8%) (OECD 2012, S. 227). Die geographische Lage Sloweniens ermöglicht es den Staatsbürgern des Landes außerdem, nach Italien zu pendeln, sie müssen nicht zwangsläufig dorthin abwandern (Fic et al. 2011).

Ungarn



Ungarn, das ebenfalls eine geringe Abwanderung verzeichnete, hatte 2003 die niedrigste Arbeitslosenquote von allen neuen Mitgliedstaaten. Jedoch verschlechterte sich die wirtschaftliche Situation in den folgenden Jahren, was eine steigende Arbeitslosigkeit zur Folge hatte (11,2% im Jahr 2010) (OECD 2012, S. 237). Dennoch blieb die Abwanderung aus Ungarn gering. Ein Grund dafür könnten steigende Löhne und ein stabiles Sozialsystem sein, das auch Wohneigentum unterstützt. Folglich ist die Mehrheit der Bevölkerung Ungarns Hauseigentümer, eine Tatsache, die die Abwanderungsneigung vermindern könnte (Galgóczi et al. 2011, S. 20).

Rumänien



Rumänien verzeichnet seit seinem EU-Beitritt im Jahr 2007 eine starke Abwanderung und steht damit weiterhin in seiner Tradition als Auswanderungsland. Unzuverlässige Migrationsstatistiken machen es schwierig, den Umfang der Abwanderungsbewegungen zu ermitteln, jedoch wird die Zahl der Rumänen, die 2010 im Ausland lebten, auf ca. 3 Millionen geschätzt (OECD 2012, S. 264). Rumänien ist von der jüngsten Wirtschaftsrezession stark betroffen, die Wachstumsrate des Bruttoinlandsprodukts (BIP) fiel von 4,2% im Jahr 2005 auf -6,9% im Jahr 2009. Im Jahr 2010 hatte sich die Wirtschaft des Landes wieder etwas erholt, verzeichnete aber weiterhin ein Negativwachstum (-1,1%) (OECD 2012, S. 265). Die wirtschaftlichen Gründe für eine Abwanderung blieben damit weiterhin bestehen.

Polen



Polen, die größte Volkswirtschaft unter den neuen Mitgliedstaaten, verzeichnete auch während der globalen Wirtschaftskrise weiterhin positive BIP-Wachstumsraten (1,6% im Jahr 2009, 3,9% im Jahr 2010 (OECD 2012, S. 261)). Dennoch erfuhr Polen seit 2004 eine Auswanderung in großem Umfang. Polnische Migranten stellen seit der EU-Erweiterung den Großteil der Zuwanderer in Irland und dem Vereinigten Königreich. 66% aller Zuwanderer aus den neuen Mitgliedstaaten im Vereinigten Königreich kamen aus Polen, die polnische Bevölkerung stieg von 75.000 im Jahr 2003 auf 532.000 im Jahr 2010 (Office for National Statistics 2011, S. 1). Die Zuwanderung verlangsamte sich allerdings während der Wirtschaftskrise, von der sowohl Irland als auch das Vereinigte Königreich stark betroffen waren (vgl. Artikel über Irland und das Vereinigte Königreich).

Rückwanderung



Im Allgemeinen wurde als Auswirkung der Krise ein Anstieg der Rückwanderung in der Annahme erwartet, dass Arbeitsmigranten am stärksten von den sich verschlechternden Bedingungen in den Aufnahmeländern betroffen seien (Barcevičius et al. 2012, S. 5). Den Umfang der Rückwanderung zu beziffern, erweist sich als sehr schwierig, nicht nur aufgrund unvollständiger oder sich unterscheidender Datensätze, sondern auch aufgrund der Tatsache, dass Bewegungen von Unionsbürgern innerhalb der EU sich nicht vollständig erfassen lassen. Die Freizügigkeit erlaubt es ihnen, ihre Migrationspläne kurzfristig zu ändern, um auf wirtschaftliche Veränderungen in den Herkunfts- und Zielländern zu reagieren. Dies kann zu einem Anstieg der zirkulären Wanderungsbewegungen zwischen Ursprungs- und Aufnahmeländern führen (Grabowska-Lusinska 2010, S. 150).

Baltische Staaten



Derartige Veränderungen im Migrationsgeschehen hängen stark von der wirtschaftlichen Situation der jeweiligen Staaten ab, wie die Abwanderung aus und die Zuwanderung in den baltischen Staaten verdeutlicht. Dort folgte der Phase einer verstärkten Abwanderung im Anschluss an den EU-Beitritt im Jahr 2004 eine Phase erhöhter Rückwanderung, da sich die Wirtschaft in den Folgejahren erholte (Barcevičius et al. 2012, S. 9). Alle drei baltischen Staaten verzeichneten im Jahr 2009 jedoch einen drastischen Rückgang des Wirtschaftswachstums. Am stärksten ging dieses in Lettland zurück, von 10,0% im Jahr 2007 auf -18% im Jahr 2009 (World Bank 2012). Der daraus resultierende Anstieg der Arbeitslosigkeit führte zu einer erneuten Phase stärkerer Abwanderung.

Fazit



Insgesamt zeigen diese Beispiele, dass es schwierig ist, die migratorischen Folgen von EU-Osterweiterung und Wirtschaftskrise in Bezug auf alle neuen Mitgliedstaaten zu verallgemeinern. Unterschiede bezüglich der wirtschaftlichen Entwicklung und der geographischen Lage zwischen verschiedenen EU-Mitgliedstaaten wie auch die Existenz spezifischer Migrationstraditionen beeinflussen die EU-Binnenmigration.

Übersetzung ins Deutsche: Maren Mikulla


Fußnoten

1.
Wie in vielen anderen Fällen muss in diesem Kontext betont werden, dass die Analyse der EU-Binnenmigration häufig durch die mangelnde Qualität und fehlende Quantität vorhandener Migrationsdaten erschwert wird. Für weitere Informationen siehe z.B. Fic. et al. (2011). Des Weiteren bieten Fassmann et al. (2009) einen Überblick über Migrationsstatistiken und ihre Defizite in den einzelnen europäischen Staaten.
Creative Commons License Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/
Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/
Autor: Lisa Breford für bpb.de
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