Koffer

19.2.2013 | Von:
Feline Engling Cardoso

Italien

Die Einwanderung nach Italien hält trotz der Finanzkrise weiter an. Seit Beginn der Krise hat sich die regulär in Italien lebende ausländische Bevölkerung fast verdoppelt, obwohl die jährlichen Zuwachsraten im Vergleich zu den Vorkrisenjahren insgesamt zurückgegangen sind (Pastore 2010, S. 121).

Ein Flüchtling in Rom zeigt den Anhänger seiner Halskette, der den Kontinent Afrika darstellt.Ein Flüchtling im Salaam Palace in Rom, einem Gebäude in dem Migranten aus Äthiopien, Sudan, Somalia und Eritrea leben. (© picture-alliance/dpa)

Laut Daten des italienischen Statistikinstituts ISTAT hat die Zuwanderung nach einem Höchststand 2007 im Zuge der Wirtschaftskrise zwar leicht abgenommen, übersteigt aber nach wie vor deutlich die Abwanderungsbewegungen. So ging die Zuwanderung 2011 im Vergleich zum Vorjahr um -13,8% zurück. Im Laufe des Jahres 2011 wanderten 386.000 Personen (62.000 weniger als im Vorjahr) aus dem Ausland zu, wohingegen 82.000 (+14.000 im Vergleich zu 2010) Personen Italien verließen. Der positive Wanderungssaldo betrug in diesem Zeitraum 304.000 Personen (ISTAT.IT 2013).[1]

Am 1. Januar 2012 verzeichneten die nationalen Bevölkerungsregister 4,9 Millionen ausländische Staatsangehörige, die in Italien lebten (+6,3% bzw. +289.000 Personen im Vergleich zum Vorjahr) (ISTAT.IT 2012g; ISTAT.IT 2012b). Die Zuwanderung nach Italien erfolgt hauptsächlich aus Europa (53,4%), wobei viele Immigranten aus einem Land kommen, das erst kürzlich der EU beigetreten ist (Rumänien, Polen, Bulgarien) (vgl. focus Migration Länderprofil 23: Italien). Die größte in Italien lebende Zuwanderergruppe kommt mit 969.000 Personen aus Rumänien. Die Mehrzahl der Drittstaatsangehörigen (+102.000 von 2011 auf 2012) stammt aus Marokko (506.369) und Albanien (491.495) (ISTAT.IT 2012c).

2011 stieg infolge der Unruhen des Arabischen Frühlings und des Libyschen Konflikts die Zahl der über den Seeweg nach Italien gelangenden irregulären Migranten auf über 60.000 an. Die Flucht tausender Personen aus Nordafrika veranlasste die italienische Regierung im Februar 2011 dazu, den humanitären Notstand zu erklären.[2]

Die skizzierten Entwicklungen zeigen, dass die Wirtschaftskrise Italiens Migrationsverhältnisse bislang nur minimal beeinflusst hat (Limes 2012). Die migrationspolitische Haltung ist von dem Bedarf nach komplementärer ausländischer Arbeitskraft im Niedriglohnsektor geprägt, der Entscheidungsträger dazu bewogen hat, auch in Krisenzeiten die legalen Zuwanderungskanäle relativ offen zu halten (Pastore/Villosio 2011, S. 3f.). Ein Blick auf die Arbeitslosenquote der ausländischen Bevölkerung in Italien zeigt jedoch, dass sich mit der Krise das Vermögen des italienischen Arbeitsmarktes, ausländische Arbeitskraft zu absorbieren, verringert hat (EMN 2012, S.7). Anfang 2009 überstieg die Arbeitslosenquote der ausländischen Erwerbsbevölkerung erstmals in den letzten Jahren die Marke von 10% und erreichte 12,1% 2011 (ISTAT.IT 2012d; Pastore/Villosio 2011, S.5). Inzwischen ist ein Fünftel der Zuwanderer arbeitslos. Dennoch kehrt die Mehrzahl nicht in ihre Herkunftsländer zurück (EMN 2012, S.7).[3] Demzufolge ist die Abwanderung der ausländischen Bevölkerung in den letzten Jahren nur leicht gestiegen. 2011 verließen 32.404 Zuwanderer Italien wieder – 4.448 mehr als im Vorjahr (ISTAT.IT 2012e). Dabei ist unklar, ob es sich um eine Rückkehr in die Heimat oder Weiterwanderung (Sekundärmigration) in ein anderes Land handelt.

Insgesamt lag die allgemeine Arbeitslosenquote in Italien trotz niedrigen Wirtschaftswachstums im letzten Jahrzehnt unter 10% (Limes 2012). Im dritten Quartal 2012 betrug sie 9,8% (ISTAT.IT 2012f). In der Altersgruppe der 15- bis 24-jährigen stieg sie im selben Quartal allerdings auf 35% (ISTAT.IT 2012d). Trotz der gestiegenen Arbeitslosigkeit ist die Abwanderung der nationalen Bevölkerung geringer als in anderen krisengeschüttelten Ländern der Eurozone (vgl. den Beitrag zu Spanien in diesem Kurzdossier). Die Zusammensetzung der Gruppe der Emigranten ist jedoch ähnlich: Sie sind überwiegend jung und haben einen akademischen Abschluss (Limes 2012). Neben traditionellen Auswanderungszielen wie den USA, Großbritannien und Deutschland gewinnen Afrika und Südamerika an Popularität (Johnston 2012).

Fußnoten

1.
Die Nettomigration ist von 5,2/1000 (2010) auf 4,3/1000 (2011) zurückgegangen. ISTAT.IT (2012a); ISTAT.IT (2012e).
2.
Mit dem Dekret vom 6. Oktober 2011 wurde der humanitäre Notstand bis zum 31. Dezember 2012 verlängert. EMN (2012), S. 43 und 49.
3.
Die genaue Zahl der Zuwanderer, die Italien wieder verließen um in ihre Heimat zurückzukehren oder in ein anderes Land zu wandern, ist aufgrund unzuverlässiger Daten nur schwer zu ermitteln. Laut ISTAT wurden in den letzten Jahren jährlich weniger als 1% der ausländischen Bevölkerung aus den italienischen Bevölkerungsregistern gestrichen. Allerdings räumt das Institut ein, dass diese Zahl wohl deutlich zu niedrig liegt. Siehe Pastore/Villosio (2011), S.11f.
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Autor: Feline Engling Cardoso für bpb.de
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