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Migration und Pflege – eine Einführung


18.8.2015
In Zukunft wird es aufgrund der Zunahme an älteren Menschen mehr Pflegebedürftige geben. Bei gegebener demografischer Entwicklung sind dann auch vermehrt Migrantinnen und Migranten von Pflegebedürftigkeit im Alter betroffen. Mit einer Zunahme des Pflegebedarfs ist bereits in der gegenwärtigen Dekade zu rechnen, wenn verstärkt mehr Arbeitsmigranten der ersten Generation 70 Jahre und älter werden. Gleichzeitig schrumpft die Zahl der Erwerbspersonen, sodass sich die Frage nach einer adäquaten Versorgung von Pflegebedürftigen stellt. Personen mit Migrationshintergrund könnten Personalengpässe schließen sowie zu einer verstärkten interkulturellen Sensibilität im Gesundheits- und Pflegewesen beitragen.

Zwei Krankenschwestern in der kulturspezifischen Einrichtung für Tagespflege Detamed bei der Essensausgabe mit einem fahrbaren Tablettwagen, aufgenommen am Montag (09.05.2011) in Berlin.Zwei Krankenschwestern in einer Berliner kulturspezifischen Tagespflege bei der Essensausgabe. (© picture-alliance/dpa)

Migration und Pflege – wie hängt das zusammen?



Die Sozial- und Gesundheitsforschung beschäftigt sich schon seit langem mit Migrantinnen und Migranten[1]. Gleichwohl wird diese Bevölkerungsgruppe immer noch nicht in der Gesundheits- und Pflegeberichterstattung umfassend und differenziert erfasst. Als Folge davon liegt ein Mangel an belastbaren Daten zur Gesundheit und Pflege von Menschen mit Migrationshintergrund vor.

Aufgrund anderer Lebensumstände[2] kann angenommen werden, dass sich ein Migrationshintergrund auf die gesundheitliche Lage und langfristig auf die Pflegebedürftigkeit auswirkt. Auf der einen Seite kann ein Migrationshintergrund die tatsächliche Erkrankungs- bzw. Pflegewahrscheinlichkeit beeinflussen. Auf der anderen Seite können die Möglichkeiten beeinträchtigt sein, eine adäquate Behandlung bzw. pflegerische Betreuung zu erhalten.

Aus den Ergebnissen zahlreicher Studien zur Pflege von Migrantinnen und Migranten lassen sich keine eindeutigen Schlussfolgerungen mit Blick auf ihre Pflegebedürftigkeit ableiten. So gibt es durchaus Hinweise in der einschlägigen Forschungsliteratur für eine im Vergleich zu Nicht-Migranten eher geringere Pflegebedürftigkeit bei Migranten, die durch "schützende" Migrationsfaktoren (Healthy-Migrant-Effect[3], siehe auch den Beitrag "Altern in der Migrationsgesellschaft" in diesem Dossier) und der zumeist beibehaltenen gesünderen Ernährung begründet werden. Daneben wird die bisher eher verhaltene Inanspruchnahme von gesetzlichen Pflegeleistungen mit den vorhandenen hohen familialen Solidarpotenzialen begründet. So besteht bei vielen Migrantengruppen der ausgeprägte Wunsch, innerhalb der Familie gepflegt zu werden. Damit korrespondiert eine überdurchschnittlich hohe Pflegebereitschaft der Angehörigen, insbesondere der Frauen. Verstärkt wird sie dadurch, dass die Einkommenssituation von Migranten schlechter als die der deutschen Bevölkerung ist. Dies trägt dazu bei, dass pflegebedürftige Migranten Geldleistungen der Pflegeversicherung den Vorzug vor Sachleistungen, also der ambulanten Pflege bzw. der Pflege in einer Pflegeeinrichtung, geben und auf familiale Unterstützung gesetzt wird.

Auf der anderen Seite gibt es eine Vielzahl von Risikofaktoren, die eine erhöhte Pflegebedürftigkeit bei Migranten verursachen können. So verrichteten viele Migranten, vor allem die "Gastarbeiter" der 1950er bis 1970er Jahre, über lange Zeiträume schwere, körperlich belastende Tätigkeiten, die mit einem höheren Risiko der vorzeitigen Erwerbsminderung und Pflegebedürftigkeit im Alter einhergehen. Gegenüber der Bevölkerung ohne Migrationshintergrund sind vor allem gering ausgebildete Migranten häufig in sozioökonomischer Hinsicht (z.B. im Hinblick auf Beruf, Einkommen und Wohnsituation) benachteiligt, was das Risiko, pflegebedürftig zu werden, ebenfalls erhöht. Berichte aus der Pflegepraxis dokumentieren darüber hinaus auch fehlende Ressourcen im häuslichen Pflegealltag, die u.a. aus den wohnräumlichen Bedingungen, einer Überforderung der Angehörigen und der Tabuisierung von Themenfeldern, die für die Pflege wichtig sind, resultieren.

Die verschiedenen Migrantengruppen nehmen Leistungen aus der Pflegeversicherung unterschiedlich stark in Anspruch. Insbesondere unter Migranten türkischer Herkunft ist die Nachfrage nach stationären bzw. professionellen Pflegeleistungen gering. Des Weiteren muss beachtet werden, dass im Falle einer (weniger schwerwiegenden) Pflegebedürftigkeit diese in vielen Fällen innerhalb der Familie aufgefangen wird (informelle Pflege), die dann in der amtlichen Pflegestatistik nicht enthalten ist, weil keine Leistungen bezogen werden.

Bislang nehmen Migrantinnen und Migranten im Vergleich zur Bevölkerung ohne Migrationshintergrund gesetzliche Pflegeleistungen unterdurchschnittlich in Anspruch. Dies dürfte sich in Zukunft ändern. Das gilt nicht nur aufgrund sich wandelnder demografischer Strukturen, sondern auch, weil die von älteren Migranten bislang gegebenen familialen Solidar- und Unterstützungspotenziale vermutlich nicht mehr im heutigen Umfang zur Verfügung stehen werden. So deutet sich an, dass der Wunsch älterer Migranten nach familialer Unterstützung im Fall von Hilfs- und Pflegebedürftigkeit in den nachfolgenden Generationen bedingt durch veränderte soziale Normen, Lebensstile und Lebensentwürfe an Grenzen stößt. Hier zeigen sich Ähnlichkeiten zu Entwicklungen in der Bevölkerung ohne Migrationshintergrund. Daher ist mit einem Anstieg des Bedarfs an professioneller Hilfe zu rechnen.

Wer gilt eigentlich als pflegebedürftig?



Als pflegebedürftig gelten nach sozialrechtlicher Definition (§ 14 Elftes Buch Sozialgesetzbuch – SGB XI) Personen, die eine bestimmte Vorversicherungszeit erfüllen und aufgrund von Krankheit oder Behinderung bei bestimmten gewöhnlichen und regelmäßig wiederkehrenden Verrichtungen des täglichen Lebens (Körperpflege, Ernährung, Mobilität, hauswirtschaftliche Versorgung) voraussichtlich für mindestens sechs Monate Hilfe in erheblichem oder höherem Maße benötigen.

Entsprechend des Umfangs des Hilfebedarfs werden die Betroffenen in Pflegestufen eingeordnet, wobei in Pflegestufe I erhebliche Pflegebedürftigkeit vorliegen muss, in Pflegestufe II Schwerpflegebedürftigkeit und in Pflegestufe III Schwerstpflegebedürftigkeit. Menschen, die zwar in ihrer Alltagskompetenz erheblich eingeschränkt sind, deren Pflegebedarf aber unterhalb der Pflegestufe I liegt (sogenannte Pflegestufe 0) haben nur einen eingeschränkten Leistungsanspruch (z.B. für Tages- und Nachtpflege, Kurzzeitpflege).

Leistungen aus der gesetzlichen Pflegeversicherung werden einkommens- und vermögensunabhängig gewährt und sollen den Bedarf an Grundpflege und hauswirtschaftlicher Versorgung weitgehend abdecken. Sämtliche Leistungen werden nur auf Antrag gewährt und ruhen bei Auslandsaufenthalt (länger als sechs Wochen im Kalenderjahr) sowie Leistungsbezug aus anderen öffentlichen Versicherungen (z.B. gesetzliche Unfallversicherung).

Die häusliche Pflege soll der stationären Pflege vorangehen, damit Pflegebedürftige möglichst lange in ihrer gewohnten Umgebung bleiben können. In der ambulanten Versorgung unterscheidet man zwischen Pflegesachleistungen und Pflegegeld. Unter Sachleistung ist die Inanspruchnahme professioneller Pflegedienste zu verstehen. Als Sachleistung können Pflegeeinsätze bis zu einem Gesamtwert von 468 Euro monatlich in Pflegestufe I, bis zu 1.144 Euro in Pflegestufe II, bis zu 1.612 Euro in Pflegestufe III, in Härtefällen auch bis zu 1.995 Euro monatlich in Anspruch genommen werden (Stand: 1.1.2015). Sofern Pflegegeld bezogen wird, muss die häusliche Pflege durch Angehörige oder andere Personen gesichert sein (§ 37 SGB XI). Das Pflegegeld soll die Eigenverantwortlichkeit und Selbstbestimmung des Pflegebedürftigen ermöglichen. Ebenso wie die Sachleistungen richtet sich die Höhe des Pflegegeldes nach der Pflegestufe. Das Pflegegeld beträgt seit dem 1. Januar 2015 244 Euro monatlich in Pflegestufe I, in der Pflegestufe II 458 Euro und in der Pflegestufe III 728 Euro (§ 37 Abs.1 SGB XI).

Für Pflegeleistungen liegen verlässliche Angaben zu den tatsächlichen Kosten nur für den stationären Sektor vor. Im Jahr 2011 beliefen sich die durchschnittlichen monatlichen Heimkosten (Kosten für Pflege sowie Unterkunft und Verpflegung) in Pflegestufe I auf 1.998 Euro, in Pflegestufe II auf 2.440 Euro sowie in Pflegestufe III auf 2.907 Euro[4]. Somit deckt die soziale Pflegeversicherung häufig nicht alle Kosten der Pflege ab, den Rest trägt der Pflegebedürftige oder seine Familie selbst. Die Pflegeversicherung wird deshalb auch als "Teilleistungs-Versicherung" oder Kernsicherungssystem bezeichnet.

Aktuelle Zahlen



Wie viele alte Menschen gibt es in Deutschland? Wie viele davon haben einen Migrationshintergrund?

Die Tagespatientin Fati Yilmaz in der kulturspezifischen Einrichtung für Tagespflege Detamed in Berlin beim Flechten eines Weidenkorbes.Eine Tagespatientin in einer kulturspezifischen Tagespflege in Berlin beim Flechten eines Weidenkorbes. (© picture-alliance/dpa)
Am 31.12.2013 waren 21 Prozent der gesamten Bevölkerung Deutschlands (80,8 Millionen) 65 Jahre und älter. Nach aktuellen Vorausberechnungen des Statistischen Bundesamtes[5] wird bis zum Jahr 2060 ein Rückgang der Gesamtbevölkerung auf 67,6 Millionen Einwohner erwartet. Parallel zur Schrumpfung der Bevölkerung setzt sich die demografische Alterung der Bevölkerung weiter fort. Im Jahr 2060 wird voraussichtlich bereits jeder Dritte (33 Prozent) mindestens 65 Jahre alt sein.

Die Kombination aus schrumpfender Bevölkerung und demografischer Alterung hat für den Pflegebereich unterschiedliche Konsequenzen. Zum einen geht das Potenzial an Arbeitskräften und damit auch die Zahl an potenziellen Pflegekräften zurück, da die Zahl der Bevölkerung im Erwerbsalter (20 bis unter 65 Jahre) sinkt. Zum anderen wird die Zahl der Pflegebedürftigen weiter ansteigen, da mehr Ältere und damit potenziell mehr Pflegebedürftige in Deutschland leben. Die Zahl der über 80-Jährigen wird sich kontinuierlich von 4,4 Millionen im Jahr 2013 auf ca. neun Millionen im Jahr 2060 erhöhen. Über 13 Prozent der Bevölkerung werden dann mindestens 80 Jahre alt sein (2013: fünf Prozent).

Von den 16,8 Millionen Älteren mit 65 und mehr Altersjahren hatten am 31.12.2013 697.000 Personen, d.h. 4,1 Prozent, eine ausländische Staatsangehörigkeit. Ihre Zahl hat sich damit seit 1990 (143.000 Ausländer im Alter ab 65 Jahren) bereits verfünffacht. Nach Angaben des Mikrozensus 2013 haben etwa 20 Prozent der in Deutschland lebenden Personen einen "Migrationshintergrund", sie sind also entweder selbst zugewandert oder Nachkommen von zugewanderten Personen. Davon waren 1,5 Millionen 65 Jahre und älter (2005: 1,2 Millionen). Bis 2030 zeigen Modellrechnungen für die Älteren unter den Personen mit Migrationshintergrund eine Zunahme auf 3,6 Millionen Menschen[6]. Diese Bevölkerungsgruppe wird also für Fragen in Bezug auf das Themenfeld Pflege immer bedeutender.


Fußnoten

1.
Als Überblick vgl. Kohls (2012a), Schimany/Rühl/Kohls (2013).
2.
Zu Belastungen und Ressourcen, die aus einer Migrationsbiographie resultieren können, siehe den Beitrag "Altern in der Migrationsgesellschaft: Kultursensible (Alten-)Pflege und Interkulturelle Öffnung" in diesem Dossier.
3.
Für weitere Informationen siehe auch das Kurzdossier "Wie gesund sind Migranten? Erkenntnisse und Zusammenhänge am Beispiel der Zuwanderer in Deutschland", http://www.bpb.de/gesellschaft/migration/kurzdossiers/57300/wie-gesund-sind-migranten (Zugriff: 18.5.2015).
4.
Rothgang et al. (2013), S. 122.
5.
Statistisches Bundesamt (2015b).
6.
Vgl. Kohls (2012b).
Creative Commons License Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/
Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/
Autor: Martin Kohls für bpb.de
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