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"Fluchterfahrungen sind immer schwer belastend" – Zum Umgang mit traumatisierten Kindern und Jugendlichen im Schulalltag


21.4.2016
Die Kultusministerkonferenz geht davon aus, dass allein 2014 und 2015 rund 325.000 Flüchtlinge im schulpflichtigen Alter nach Deutschland gekommen sind. Sie bringen ihre lebensgeschichtlichen Belastungen in den Schulalltag ein. Dadurch ergeben sich besondere Herausforderungen für die Organisation Schule und dort arbeitenden Pädagoginnen und Pädagogen. Ein wichtiger Anlass, um den Themenkomplex Zwangsmigration, Trauma und schulischer Alltag einmal genauer zu betrachten.

David Zimmermann © privatDavid Zimmermann © privat
Herr Zimmermann, was ist eigentlich aus medizinisch-psychiatrischer bzw. psychoanalytischer Sicht ein Trauma?

Ich wäre sehr dankbar, wenn es eine einheitliche Trauma-Konzeption gäbe und es relativ leicht zu erklären wäre, was ein Trauma ist. Es gibt aber unterschiedliche Gründe, warum das in dieser Form nicht möglich ist. Schon in der psychiatrischen Sichtweise gibt es zwei grundlegend verschiedene Zugänge. Das eine ist die relativ bekannte Posttraumatische Belastungsstörung. Sie folgt grundlegend – und das ist im Kontext psychiatrischer Störungsvorstellung das Traumaspezifische – der Idee, dass es immer ein auslösendes Ereignis für eine Traumatisierung gibt und daraus resultierende typische Symptommuster: Übererregung, Wiedererleben und Vermeidung. In der fünften Auflage des Diagnostischen und statistischen Manuals psychischer Störungen (DSM-5) der Amerikanischen Psychiatrischen Gesellschaft gibt es einen neueren Symptomkatalog, der diesen Symptombereich auch noch einmal für kleinere Kinder spezifiziert. Das Kernspezifikum dabei ist das posttraumatische Spiel, das heißt, dass Kinder wiederholt traumatische Erfahrungen durchspielen und es kommt immer zu einem schrecklichen Ende. Dennoch erfassen wir mit dieser psychiatrischen Kategorie die Haupterfahrung bzw. Lebenswelt von zwangsmigrierten Kindern und Jugendlichen nicht in vollem Umfang, weil ihr Verhaltens- und Erlebensspektrum zu breit aufgefächert ist. Zudem haben die meisten der geflüchteten Kinder und Jugendlichen keine einmaligen traumatischen Erfahrungen, sondern langfristige Erfahrungen aus sehr verschiedenen Lebensbereichen.

Psychiatrisch kommt man dem schon näher mit der Kategorie der Traumaentwicklungsstörung von Bessel A. van der Kolk, die sich aber in einschlägigen Manualen (DSM-5; ICD-10) nicht wiederfindet. In dieser Konzeption ist die langfristige oder mehrfache Verlusterfahrung ein Kernbedingungsfeld. Da sind wir dann schon ziemlich nah am Bereich Flucht. Für die Schule ist dabei vor allem wichtig, dass der Bereich Aufmerksamkeit und Verhalten, aber noch wichtiger vielleicht der Bereich Beziehungsgestaltung bei langfristig traumatisierten Kindern nachhaltig gestört ist.

Psychoanalytisch ist das Wichtigste, dass die Erfahrung, die zur Traumatisierung führt, überflutend ist, d.h. sie kann psychisch nicht integriert werden in sonstige Identitäts- und Verarbeitungsschemata. Deshalb wird sie im Verhalten reinszeniert. Das ist das, was Fachkräfte in der Schule dann immer wieder merken: Traumatisierte Kinder mit oder ohne Zwangsmigrationshintergrund zeigen sehr auffällige – teilweise sehr zurückgezogene, teilweise sehr aggressive, manchmal auch hochangepasste – Verhaltensweisen, die sich Lehrerinnen und Lehrer nur schwer erklären können, die manchmal auch plötzlich wechseln können und die vor allem immer mit einer hohen emotionalen Last für alle – für die Kinder und Jugendlichen selbst, aber auch für die Klasse und für die Fachkräfte – verbunden sind.

Wenn wir jetzt noch einmal ein bisschen genauer auf die Kinder und Jugendlichen mit Fluchtgeschichte schauen, dann ist die psychoanalytische, gleichwohl soziale Umstände betonende Konzeption der sequentiellen Traumatisierung entscheidend. Sie verweist nämlich darauf, dass es unterschiedliche hochbelastende Erfahrungen gibt, die noch dazu sehr unterschiedlichen sozialen Situationen entstammen. So haben wir es bei Kindern und Jugendlichen mit Fluchterfahrung natürlich mit Menschen zu tun, die in ihrem Herkunftsland oft traumatische Erfahrungen, z.B. im Kontext von Krieg, gemacht haben. Gleichzeitig aber sind die Erfahrungen während der Flucht oft hochgradig belastend, mit viel Abhängigkeit und Ausbeutung verbunden und die Lebenssituation im Aufnahmeland ist häufig auch nicht durch Sicherheit geprägt, sondern durch hoch unsichere Bedingungen – wie die Angst vor Abschiebung oder traumatische Erfahrungen mit Rassismus. Diese Erfahrungen verdichten sich innerlich für die Kinder und Jugendlichen zu einem Gesamtgeschehen, das man manchmal leicht übersetzen kann in Sätze wie: "Ich bin nirgendwo gewollt" oder: "Meine Anwesenheit ist überall bedroht". Und das ist dann das Grunderleben, welches diese Kinder und Jugendlichen auch mit in die Schule bringen. Ein solches Erleben lässt sich aber nur rekonstruieren, wenn man die Gesamterfahrung im Blick hat, also die verschiedenen Sequenzen – daher kommt ja auch die Bezeichnung des Konzepts der sequentiellen Traumatisierung – und die in diesen Sequenzen auftretenden Erfahrungen und Erlebensmuster.

Die Kategorie der sequentiellen Traumatisierung wurde ursprünglich von Hans Keilson aus der Arbeit mit Überlebenden des Holocaust in den Niederlanden entwickelt und später von David Becker modifiziert, der vor allem in Chile mit ehemaligen politischen Gefangenen und deren Familien gearbeitet hat. Ich habe dann selber daran weitergearbeitet und das Konzept der sequentiellen Traumatisierung im Hinblick auf die Erfahrungen und Erlebenssituation von jungen Flüchtlingen modifiziert. Ich habe ein Schaubild mitgebracht, das diesen Zusammenhang verdeutlicht (siehe Abbildung 1).
Sequentielle Traumatisierung

Das Konzept der sequentiellen Traumatisierung geht über die psychoanalytische Theorie hinaus, weil zum Beispiel auch die politischen Rahmenbedingungen mit in den Blick genommen werden, ebenso wie die größere soziale Situation.

Das macht natürlich gerade auch im Hinblick auf eine unsichere Aufenthaltssituation Sinn, denn für eine Behandlung von Traumata benötigt man ja stabile äußere Rahmenbedingungen, auf die sich die Patienten verlassen können und diese ist in einem noch nicht abgeschlossenen Asylverfahren nicht gegeben.

So sehe ich das auch. Das macht zwar pädagogische oder auch therapeutische Arbeit nicht sinnlos, aber die Überlegungen zur unsicheren Aufenthaltssituation müssen integriert werden. Ein wesentlicher traumabezogener Zugriff in Therapie und Pädagogik fokussiert auf die Schaffung äußerer und innerer sicherer Orte: An welche guten und sicheren Dinge kann ich denken, wenn mich gerade einmal wieder alles überflutet? Das ist aber natürlich hochgradig schwierig zu erreichen, wenn die äußere Situation durch sehr viel Unsicherheit geprägt ist. So kommen dann sowohl pädagogische als auch therapeutische Konzepte an ihre Grenzen.

Wenn die Lebensgeschichte schon über einen sehr langen Zeitraum durch Instabilität gekennzeichnet ist, wird es sicherlich schwierig, sich einen sicheren Ort vorstellen zu können. Das leitet zu der Frage über, wie man traumatisierte Menschen behandelt. Welche Therapieansätze gibt es?

Einerseits gibt es die sogenannten evidenzbasierten Therapieformen. Allen ist dabei gemeinsam, dass es sich um kognitiv orientierte Therapieformen handelt, die einen traumakonfrontierenden Anteil haben. Menschen werden zwar innerhalb der Therapie auch stabilisiert, aber es geht immer auch darum, die traumatische Erfahrung durchzuarbeiten und dadurch neue Möglichkeiten des Umgangs mit ihr zu schaffen. Andererseits gibt es einen Bereich, der sich zum Beispiel in der Gestalttherapie findet, bei dem der Aspekt der Stabilisierung Priorität hat. Ähnlich ist es bei der psycho-imaginativen Traumatherapie nach Luise Reddemann. Dabei ist der Traumakonfrontationsteil zwar nicht ausgeschlossen, aber im Vordergrund steht ganz klar die Stabilisierung. Und das halte ich im Kontext von Flucht und Traumatisierung für das Allerwichtigste. Man kann unterschiedlich zu der Möglichkeit von Durcharbeitung und Traumakonfrontation stehen, aber bei so langfristigen traumatischen Erfahrungen, die bis in das Hier und Jetzt reichen, kann eine Traumakonfrontation auch sehr kontraproduktiv sein oder sogar Formen von Retraumatisierung auslösen. Das wäre der therapeutische Aspekt.

Und dann gibt es einen pädagogischen Aspekt, der einerseits ein bisschen mit dem therapeutischen Aspekt verwandt ist, sich andererseits aber auch etwas davon unterscheidet. Es geht im Kern um die Frage, was Pädagoginnen und Pädagogen machen können, um traumatisierte Kinder und Jugendliche zu stabilisieren. Dabei ist der Konfrontationsaspekt ausgeschlossen, weil es kein pädagogisches Arbeitsfeld ist, Kinder und Jugendliche mit den traumatischen Erfahrungen zu konfrontieren. Aber man kann die Kinder und Jugendlichen durchaus stabilisieren, zum Beispiel durch sichere äußere Orte in der Schule, durch Abläufe, die durch viel Transparenz, Klarheit und stabile Beziehungen gekennzeichnet sind. Allerdings wird die traumatische Erfahrung dabei nicht tabuisiert. Man arbeitet sie zwar nicht durch, aber die Kinder und Jugendlichen mit Fluchterfahrung sollen spüren, dass die Erwachsenen, mit denen sie es im Kontext Schule zu tun haben, potenziell ihre Geschichte aushalten können, wenn sie sie erzählen wollen. Eine der sehr negativen Erfahrungen ist, wenn Kinder und Jugendliche merken, dass sie ihre Geschichte nicht teilen können, weil die Erwachsenen, denen sie begegnen, ihre Geschichte als äußerst bedrohlich empfinden. Das bedeutet nicht, dass man Kinder und Jugendliche dazu auffordert, zu erzählen, was sie alles Schlimmes erlebt haben. Aber in der Haltung sollte man ausdrücken, dass man ihre Geschichte aushalten kann. Es ist pädagogisch bedeutsam, einen solchen Rahmen zu schaffen.

Kinder und Jugendliche machen ihre Erfahrungen wahrscheinlich sonst oft mit sich selbst aus, wenn sie das Gefühl haben, dass sie Erwachsenen nicht einen Teil ihrer Last abgeben können, was ja eigentlich auch zur Rolle von Erwachsenen gehört. Ich vermute, dass sich dieses Problem auch sehr stark in den Familien widerspiegelt. Denn wenn die Eltern selbst mit eigenen traumatischen Erfahrungen zu kämpfen haben, fällt es ihnen vermutlich schwer, den eigenen Kindern etwas von deren Belastungen abzunehmen.

Dem stimme ich absolut zu. Das ist auch ein Ergebnis meiner eigenen Untersuchungen. Viele der geflüchteten Kinder und Jugendlichen übernehmen auch im familiären Kontext übermäßig viel Verantwortung. Rein praktisch bedeutet das, dass große Geschwister anstelle der Eltern an Elternabenden teilnehmen, zu Ämtern gehen usw. Das ist im Prinzip nichts Neues. Aber sie übernehmen eben auch emotional Verantwortung. Sie haben große Angst davor, ihren Eltern von ihrem eigenen Leid zu erzählen, einfach auch einmal jugendlich und wild zu sein, auch einmal über die Stränge zu schlagen, weil sie ihre Eltern als so belastet erleben, dass sie das Gefühl haben, sie permanent schützen zu müssen. Und das ist ausdrücklich kein Verweis darauf, dass wir es mit unfähigen Eltern zu tun hätten, sondern es ist ein Verweis darauf, dass es Eltern gibt, die ihrerseits so hoch emotional belastet sind, dass ihre Kapazität, auf Nöte und emotionale Herausforderungen auf der Seite ihrer Kinder einzugehen, einfach begrenzt ist. Wir kennen auch aus anderen Kontexten Eltern, die so psychisch belastet sind, dass ihre emotionale Kapazität für die Kinder eingeschränkt ist. Bei Eltern mit Fluchterfahrung kommt aber noch hinzu, dass es sich eben nicht nur um vergangene Erlebnisse handelt, sondern auch um die Unsicherheit im Hier und Jetzt, wenn zum Beispiel die Abschiebung droht oder es schwer fällt, seine Vaterrolle einzunehmen, weil man nicht arbeiten darf.

Mir stellt sich dabei die Frage, ob es dann nicht sinnvoll wäre, in die Traumatherapie von Kindern und Jugendlichen mit Fluchterfahrung die Eltern einzubeziehen, um das familiäre Umfeld mit zu stabilisieren? Strukturell ist so eine Familientherapie natürlich sehr herausfordernd, weil man Sprachmittler und entsprechende Settings benötigt. Dennoch kann, wenn die entsprechenden Rahmenbedingungen gegeben sind, so eine Auseinandersetzung mit traumatischen Erfahrungen in der Familie hoch wertvoll sein. Sie muss aber eine sichere Fundierung haben in Form eines sicheren Ortes, wo Menschen sich auch öffnen und ihre Erfahrungen thematisieren können. Ich werde aber schlecht Menschen durch gesprächsterapeutische Ansätze unterstützen können, wenn sie anschließend in ihre Erstaufnahmeeinrichtung zurückkehren und sich zu sechst ein Zimmer teilen. Da ist dann alles, was Richtung Offenheit und Auseinandersetzung geht, eher bedrohlich. Daher muss so ein familientherapeutischer Ansatz auch immer reflektieren, was Stabilisierung in einem politischen Sinne bedeutet.


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Autor: David Zimmermann für bpb.de
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