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9.11.2017 | Von:
Anett Schmitz

Transnationalismus als Beheimatungsstrategie: Junge, bildungserfolgreiche Russlanddeutsche in Deutschland.

Multiple Identitäten und Beheimatungsstrategien junger, bildungserfolgreicher Russlanddeutscher

Transnationale Migrationsprozesse haben einen starken Einfluss auf Identitäts- und Beheimatungsstrategien von jungen Russlanddeutschen. Während das Konzept der "Heimat" für die ältere Generation noch eine wichtige Rolle spielt und sie Deutschland als ihre "Heimat" bezeichnen, rücken die ethnischen Zugehörigkeitsgrenzen zwischen Deutschland und Russland für die jüngere, bildungserfolgreiche Generation eher in den Hintergrund.[10] Insofern können die gelebte Kultur und die kulturelle Zugehörigkeit der jungen Russlanddeutschen als "multiple Identität" bezeichnet werden. Diese neue soziale Wirklichkeit ermöglicht ihnen, sich sowohl hier als auch dort "zu Hause" zu fühlen und sich individuell im transnationalen Kontext zu beheimaten.

Für die jungen, bildungserfolgreichen Russlanddeutschen der Generation 1.5 stellt "Heimat" keinen geographischen Ort dar, sondern wird sehr individuell und unterschiedlich definiert. Häufig verbinden sie mit dem Begriff "Heimat" die familiären Nahbeziehungen, Kindheitserinnerungen und emotionale Verbindungen. Es wird versucht, Bezüge sowohl zum Herkunftsland als auch zu Deutschland herzustellen, sich von starren Identitätsbegriffen zu lösen und an mehreren Orten beheimatet zu sein. Die Selbstwahrnehmung der jungen, bildungserfolgreichen Russlanddeutschen als "Europäer" oder "Weltbürger" kann als eine solche Positionierung im transnationalen Raum angesehen werden.

Ist Transnationalität junger, bildungserfolgreicher Russlanddeutscher eine Beheimatungsstrategie?

Diese Frage lässt sich nicht für alle jungen Russlanddeutschen eindeutig beantworten. Forschungsergebnisse zu bildungserfolgreichen Russlanddeutschen machen jedoch deutlich, dass die multiple Identität und Beheimatung nicht nur eine beliebige Bezugnahme auf die Herkunfts- und Aufnahmekultur, auf Russland und Deutschland, nicht nur eine vorgefundene Mischung und ein Übergangsmodell zur temporären Positionierung und Verortung darstellt, sondern auch eine individuelle Leistung zur Bewältigung von Identitätskrisen ist.[11] Auch Forschungen zu anderen Bildungsmigranten kommen zum Ergebnis, dass solche multiplen Identitäten der Realisierung von Chancen für Arbeit und Karriere, der Gestaltung transnationaler Lebensentwürfe und transnationaler Netzwerke sowie der Verwirklichung und Kultivierung des eigenen Selbst dienen, gerade in einer mobilen, transnationalen Welt.[12]

Somit wird Transnationalität als Selbstkonzept und Erfolgsgeschichte im eigenen Lebensentwurf erklärt und zum spezifisch modernen Konzept der Individualisierung. Transnationale Beheimatung bedeutet nicht einfach Leben mit Migrationshintergrund, sondern die bewusste und gewollte Bezugnahme auf zwei oder mehrere Kulturen.[13]

Dieser Artikel ist Teil des Kurzdossiers Russlanddeutsche.

Fußnoten

10.
vgl. Schönhuth (2006), S. 368.
11.
vgl. Schmitz (2013a; 2013b, 2015).
12.
vgl. Aits (2008); Badawia (2002).
13.
Diese Aussagen erheben keinen Anspruch auf Repräsentativität. Es sei an dieser Stelle noch einmal erwähnt, dass es sich hier um Menschen mit hohen akademischen Kompetenzen handelt.
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Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Anett Schmitz für bpb.de

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