Koffer

20.12.2017 | Von:
Dr. Herbert Brücker

"Langfristig hängen die Effekte der Fluchtmigration davon ab, wie gut die Arbeitsmarktintegration von Flüchtlingen gelingt"

Interview mit Prof. Dr. Herbert Brücker

Ist die Flüchtlingsaufnahme ein Konjunkturprogramm oder führt sie zu einer dauerhaften Belastung der öffentlichen Haushalte? Gibt es einen Verdrängungskampf im Arbeitsmarkt? Ein Gespräch mit Herbert Brücker.

Mariana Karkoutly aus Syrien berät bei der Berliner Jobbörse für Geflüchtete und Migranten, die Arbeitssuchende mit potenziellen Arbeitgebern zusammenbringen soll, interessierte Besucherinnen. Über 4000 Teilnehmer informierten sich im Januar 2017 bei 189 Ausstellern über Ausbildungs- und Jobangebote sowie Arbeits- und Ausbildungsstrukturen.Mariana Karkoutly aus Syrien berät bei der Berliner Jobbörse für Geflüchtete und Migranten, die Arbeitssuchende mit potenziellen Arbeitgebern zusammenbringen soll, interessierte Besucherinnen. Über 4000 Teilnehmer informierten sich im Januar 2017 bei 189 Ausstellern über Ausbildungs- und Jobangebote sowie Arbeits- und Ausbildungsstrukturen. (© picture-alliance/dpa, Bernd von Jutrczenka)

Die Aufnahme und Integration der 2015 und 2016 nach Deutschland gekommenen Geflüchteten hat Diskussionen über die Frage der damit verbundenen Kosten für die öffentlichen Haushalte und Auswirkungen auf die wirtschaftliche Entwicklung ausgelöst. Prof. Dr. Herbert Brücker beschäftigt sich seit vielen Jahren mit den wirtschaftlichen Auswirkungen von Zuwanderung. Zusammen mit Kolleginnen und Kollegen hat er die fiskalischen und gesamtwirtschaftlichen Effekte der Flüchtlingsaufnahme untersucht.

Herr Brücker, in den Jahren 2015 und 2016 sind insgesamt rund 1,2 Millionen Asylsuchende nach Deutschland gekommen. Welche positiven und negativen gesamtwirtschaftlichen Auswirkungen hat diese Fluchtzuwanderung – aktuell und in langfristiger Perspektive?

Fluchtmigration verursacht zunächst Kosten. Viele Flüchtlinge sind am Anfang nicht in den Arbeitsmarkt integriert. Die Arbeitsmarktintegration von Flüchtlingen dauert zudem erfahrungsgemäß länger als die anderer Migrantengruppen. Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass sie soziale Leistungen beziehen und Gelder aufgewendet werden müssen für Integrationsmaßnahmen wie Sprachkurse, Unterkunft usw. Insofern ergeben sich aus der Fluchtmigration zunächst einmal volkswirtschaftliche Belastungen, also Kosten, die getragen werden müssen über Steuern und Abgaben.

Auf der anderen Seite hat die Fluchtmigration aber auch Nachfrageeffekte ausgelöst, die zumindest kurzfristig eine nicht unerhebliche Konjunkturwirkung haben. Wir schätzen, dass die Beschäftigung von Inländern durch die Fluchtmigration um etwa 50.000 Personen gestiegen ist. Langfristig muss man davon ausgehen, dass die Gelder, die für die Flüchtlingsaufnahme jetzt zusätzlich aufgewendet werden, an anderer Stelle vielleicht auch wieder eingespart oder später über die Schuldentilgung aufgebracht werden müssen, diese Nachfrage also wieder entzogen wird. Man kann daher nicht unbedingt davon ausgehen, dass solche Konjunktureffekte dauerhaft halten, aber zumindest kurzfristig sind sie durchaus sichtbar.

Langfristig hängen die Effekte der Fluchtzuwanderung natürlich davon ab, wie gut die Arbeitsmarktintegration von Flüchtlingen gelingt. Davon hängen dann wiederum ihre Verdienste sowie die Steuern und Beiträge, die sie für den Sozialstaat leisten, ab. Man darf auch gesamtwirtschaftliche Gleichgewichtseffekte nicht vergessen, die zum Beispiel aus der Erhöhung der Kapitaleinkommen resultieren, oder auch aus dem Anstieg der Verdienste von anderen Beschäftigten. Steigenden Verdienste ergeben sich etwa dann, wenn die Nachfrage nach besser bezahlten Arbeitskräften, die in einem komplementären Verhältnis zu den Geflüchteten im Produktionsprozess stehen, zunimmt. Auch kann die zusätzliche Beschäftigung von Flüchtlingen zu sogenannten "Fahrstuhleffekten" führen, also dem Aufstieg und damit steigenden Einkommen einheimischer Arbeitskräfte. Es gibt also eine Reihe von indirekten Effekten, die Steuern und Abgabenzahlungen auslösen.

Was bedeutet komplementäre Arbeitskraft?

Generell führt Migration zu einer Wettbewerbssituation im Arbeitsmarkt. Wenn neue Arbeitskräfte aus dem Ausland kommen, konkurrieren sie mit bestimmten inländischen Arbeitskräftegruppen, was sich negativ auf deren Löhne auswirken kann. Auf der anderen Seite entstehen für viele Arbeitnehmer komplementäre Effekte, das heißt, dass die Nachfrage nach diesen Arbeitskräften steigt. Und wenn die Nachfrage steigt, dann steigen die Beschäftigungschancen und die Löhne. Um das an einem Beispiel zu verdeutlichen: Wenn jetzt lauter ungelernte Arbeiter oder Facharbeiter aus dem Ausland nach Deutschland kommen, dann steigen die Gehälter von Ingenieuren oder Führungskräften in der Wirtschaft. Solche komplementären Effekte sind nicht unerheblich in der Volkswirtschaft und davon profitieren gerade die Besserverdienenden, die wiederum höhere Steuern bezahlen.

Jetzt sprechen Sie davon, dass vor allem Besserverdienende von Zuwanderung profitieren. Wie sieht es denn am anderen Ende des Arbeitsmarktes aus? Findet unter Geringverdienern aufgrund von Zuwanderung ein Verdrängungskampf statt?

Empirisch ist es so, dass Migranten vor allem mit anderen Migranten konkurrieren. Der deutsche Arbeitsmarkt ist sehr stark zwischen Einheimischen und Migranten segmentiert. Steigende Migration führt deshalb vor allem zu steigendem Wettbewerb unter Migranten. Deutsche Arbeitnehmer gewinnen im Durchschnitt – auch wenn die Effekte häufig sehr klein sind, aber das summiert sich dann eben auch.

Interessanterweise gewinnen die deutschen Arbeitnehmer eigentlich über alle Qualifikationsgruppen hinweg. Selbst für deutsche Arbeitnehmer, die keine abgeschlossene Berufsausbildung haben, sind die Effekte der Zuwanderung in der Regel neutral. Das gilt besonders für die Zuwanderung von Flüchtlingen, weil diese schlechtere Arbeitsmarktchancen haben. Die klassischen deutschen Arbeitnehmer, die Facharbeiter oder die Bürokräfte im Dienstleistungsbereich, werden durch die Fluchtmigration also gewinnen.

Gegenwärtig haben wir zudem eine Sondersituation im Arbeitsmarkt, denn aktuell entwickelt sich der Arbeitsmarkt im Bereich der Geringerqualifizierten besonders dynamisch. Die Beschäftigung in Deutschland ist in den letzten fünf Jahren um sechs Prozent gestiegen, aber im Bereich der Helfertätigkeiten – das sind Tätigkeiten, in denen man keine formelle Berufsausbildung benötigt – ist sie um elf Prozent gestiegen, also fast doppelt so stark wie im Durchschnitt der Beschäftigten insgesamt. Das betrifft nicht nur ausländische Staatsangehörige, die nach Deutschland eingewandert sind – zum Beispiel im Rahmen von Fluchtmigration oder aus der Europäischen Union – sondern das betrifft auch die Deutschen. Fast 40 Prozent dieses Beschäftigungswachstums bei den unteren Qualifikationsgruppen entfällt auf deutsche Arbeitnehmer. In diesem Bereich ist auch die Arbeitslosigkeit deutlich zurückgegangen. Das heißt, dass wir gegenwärtig keine Verdrängungseffekte beobachten – zumindest nicht mit bloßem Auge.

Sie sprachen gerade an, dass es für Geflüchtete auch im Vergleich zu anderen Migrantengruppen besonders hohe Hürden bei der Arbeitsmarktintegration gibt. Woran liegt das?

Die Hürden sind eigentlich auf allen Ebenen höher als bei anderen Migranten. Geflüchtete dürfen am Anfang erst einmal gar nicht arbeiten. Solange sie im Asylverfahren sind, haben sie nur einen beschränkten Arbeitsmarktzugang. Vor allem fehlt die Rechtssicherheit für die Unternehmen, denn solange sich Menschen noch im Asylverfahren befinden, wissen Arbeitsgeber nicht, ob sie auch tatsächlich in Deutschland bleiben dürfen. Jede Einstellung verursacht aber Kosten, d.h. jede Einstellung ist eine Investition und im Fall von Geflüchteten fehlt den Unternehmen dafür die nötige Rechtssicherheit. Und das ist dann wie bei anderen Investitionen auch: Wenn die Rechtssicherheit fehlt, dann wird man diese Aktivität nicht ausführen bzw. nicht oder zumindest weniger investieren. Das ist, glaube ich, der wichtigste Faktor, warum die Arbeitsmarktintegration von Geflüchteten schwierig ist.

Darüber hinaus sind Flüchtlinge schlechter auf die Einwanderung vorbereitet als andere Migrantengruppen. So sind zum Beispiel ihre Sprachkenntnisse schlechter. Viele andere Migranten kommen erst nach Deutschland, wenn sie hier bereits einen Job gefunden haben. Beispielsweise wandern Migranten aus der Europäischen Union oft erst dann nach Deutschland ein, wenn sie einen Arbeitsplatz haben. Das gilt für Flüchtlinge nicht. Zudem sind Flüchtlinge in der Regel sehr jung. Im Bereich der Schulbildung sind ihre Voraussetzungen zwar teilweise gar nicht so schlecht, aber im Bereich der beruflichen Bildung oder der Hochschulabschlüsse passen ihre Voraussetzungen zum Teil schlechter als die anderer Migrantengruppen zu den Anforderungen des deutschen Arbeitsmarktes. Flüchtlinge haben also eine Reihe von Nachteilen. Am schwersten wiegen wahrscheinlich die institutionellen und die rechtlichen Nachteile. Das führt dazu, dass Flüchtlinge gewissermaßen in der Schlange am Arbeitsmarkt ganz hinten stehen.

Mit Blick auf Erfahrungen mit Fluchtzuwanderung in der Vergangenheit: Wie lange wird es in etwa dauern, bis die nach Deutschland gekommenen Geflüchteten ähnliche Erwerbstätigenquoten aufweisen wie andere Zuwanderergruppen?

Wir haben historische Daten etwa durch die Befragung von Migranten, die als Flüchtlinge während der Zeit der Jugoslawienkriege nach Deutschland gekommen sind. Diese Daten zeigen, dass nach fünf Jahren etwa 50 Prozent der Flüchtlinge erwerbstätig waren, nach zehn Jahren waren es 60 bis 65 Prozent. Dann sind wir relativ dicht bei den Erwerbstätigenquoten, die andere Migrantengruppen nach zehn Jahren erreichen. Diese sind nur noch geringfügig niedriger als die Erwerbstätigenquoten in der einheimischen Bevölkerung, die bei etwa 67 bis 68 Prozent liegen.

Erwarten Sie, dass die in den letzten Jahren durchgesetzten Arbeitsmarkterleichterungen für Asylbewerberinnen und Asylbewerber dazu beitragen, dass diese Angleichungsprozesse schneller erfolgen?

Wir beobachten, dass die Arbeitsmarktintegration ähnlich wie in der Vergangenheit verläuft oder sogar eine Nuance besser. Von den Menschen, die 2015 im Rahmen der Fluchtmigration nach Deutschland gekommen sind, waren 2016 etwa zehn Prozent beschäftigt. Gegenwärtig gehen wir davon aus, dass es rund 20 Prozent sind. Die Beschäftigung steigt also jedes Jahr um etwa zehn Prozentpunkte oder sogar etwas mehr. Damit liegen wir ein kleines bisschen über den Erfahrungen in der Vergangenheit.

Auf der einen Seite tun wir heute viel mehr für die Integration der Geflüchteten – wir bieten Sprachkurse und arbeitsmarktpolitische Programme an, die Arbeitsmarktentwicklung ist besser geworden. Auf der anderen Seite war der Umfang der aktuellen Fluchtmigration deutlich größer als in der Vergangenheit und dadurch ist auch der Wettbewerb im Arbeitsmarkt in den Segmenten, die für Flüchtlinge infrage kommen, größer. Und diese beiden Effekte gleichen sich in etwa aus. Dennoch: Der Verlauf der Arbeitsmarktintegration liegt im Rahmen der Erwartungen oder sogar ein klein wenig darüber.


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Autor: Dr. Herbert Brücker für bpb.de
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