Koffer

20.4.2018 | Von:
Hannah Niedenführ

Kindermigration in Burkina Faso: Die Praxis der "Anvertrauung" (confiage)

In Burkina Faso ist es üblich, dass Kinder nicht durchgängig bei ihren leiblichen Eltern leben, sondern Verwandten anvertraut werden. Ein Einblick in eine in Westafrika weit verbreitete Form der innerstaatlichen Kindermigration.

Junge Frau mit Kleinkind auf dem Rücken und einer Schüssel auf dem Kopf, Burkina FasoIn Burkina Faso ziehen Jugendliche vom Land zu Verwandten in die Stadt, um bei der häuslichen Arbeit zu helfen. (© picture-alliance, Bildagentur-online)
Mado ist 14 Jahre alt. Sie lebt und arbeitet seit zwei Jahren bei ihrer Tante und deren vierköpfiger Familie in Ouagadougou, der Hauptstadt Burkina Fasos. Dort kümmert sie sich um den Haushalt, geht zum Markt, bringt den sechsjährigen Sohn der Familie morgens zur Schule und holt ihn nachmittags wieder ab, sie wäscht die Wäsche, schneidet Gemüse und kümmert sich um das elf Monate alte Baby der Tante. Mehr als eine Art Taschengeld bekommt sie hierfür nicht: Mado ist eins von vielen Kindern und Jugendlichen in Burkina Fasos Hauptstadt, die von ihren leiblichen Eltern zu Verwandten geschickt werden und diese im Alltag unterstützen, in der Regel ohne dem Arbeitsaufwand entsprechend bezahlt zu werden. Während meiner Feldforschung erzählte Mado mir, dass sie das jedoch nicht weiter störe: Sie mache ja schließlich dieselbe Arbeit wie zu Hause, nur dass die Feldarbeit wegfalle, und überhaupt gefalle es ihr bei ihrer Familie in Ouagadougou sehr gut. Zudem spare die Familie, in der sie lebe, nun für ihre Aussteuer.[1]

Wie Mado kommen viele der anvertrauten Kinder und Jugendlichen aus den ländlichen Gebieten Burkina Fasos in die urbanen Zentren, wo ein Teil von ihnen neben der häuslichen Arbeit eine Schule besucht. Sie fügen sich unauffällig in die Ankunftsfamilien ein, was eine Abschätzung des Umfangs des Phänomens schwierig macht. Studien legen jedoch nahe, dass es in zahlreichen Haushalten in Ouagadougou solche anvertrauten Kinder und Jugendlichen gibt: Laut einer 2016 veröffentlichten Untersuchung nehmen 28,4 Prozent der Haushalte in Ouagadougou Kinder von Verwandten und Bekannten auf.[2] Die von mir durchgeführten Interviews legen weit höhere Zahlen nahe.

Normalfall confiage

Die große Zahl von anvertrauten Kindern und die Selbstverständlichkeit, mit der die sogenannte confiage ("Anvertrauung") praktiziert wird, mögen einen Außenstehenden, der mit dieser Praxis nicht vertraut ist, zunächst verwundern. So ist es in weiten Teilen der westlichen Welt nicht nur unüblich, dass ein Kind nicht bei seinen leiblichen Eltern aufwächst. Ein Weggeben der eigenen Kinder und ihr Aufwachsen bei anderen Personen wird darüber hinaus vielmehr als Zeichen von Unfähigkeit und Versagen und als Abweichung von der Norm der bürgerlichen Kleinfamilie angesehen.[3] Dennoch ist das Phänomen, seine Kinder zu Verwandten oder Bekannten zu geben, in einigen Teilen der Welt verbreitet und dort sozial und gesellschaftlich nicht nur akzeptiert, sondern wird auch erwartet. Das Weggeben eines Kindes wird nicht als ein Versagen der biologischen Eltern betrachtet, sondern als Normalzustand und Möglichkeit zum sozialen Aufstieg.[4] Die Frage westlicher Forscher_innen, warum Eltern ihre Kinder an Verwandte abgeben, stößt dort aufgrund der Selbstverständlichkeit dieser Praxis auf ebenso viel Unverständnis wie die entsprechende Gegenfrage im westlichen Kulturkreis, warum das Kind bei den leiblichen Eltern aufwachse.[5] Zwar ist die confiage nicht immer absolut freiwillig, sondern auch in subtile gesellschaftliche Zwangsstrukturen eingebunden, die von den Individuen einer Gemeinschaft ein bestimmtes Verhalten fordern. Jedoch erscheint ein Abtun des Phänomens als "kulturelle" oder gar "afrikanische" Gegebenheit oder per se als Ausprägung von Kinderarbeit oder Kindesmissbrauch zu kurz gegriffen. Denn die Ausgestaltung der Praxis der confiage ist sehr vielschichtig und in die komplexen Lebenszusammenhänge in Burkina Faso und anderen subsaharischen Staaten, in denen diese Praxis ebenfalls verbreitet ist, eingebunden.

Translokale Lebensführung

Ein besonderes Merkmal des afrikanischen Kontinents und besonders Subsahara-Afrikas ist die weit verbreitete soziale Verwundbarkeit (Vulnerabilität). Durch ihr Handeln versuchen die betroffenen Menschen, diese Vulnerabilität abzumildern, um alltäglich ihr (Über-)Leben und das ihrer Haushalte zu sichern. Vor diesem Hintergrund hat sich als eine effektive Methode der (Über-)Lebenssicherung die Organisation von Haushalten an verschiedenen Standorten entwickelt und bewährt: So lebt z.B. ein Teil der haushaltenden Gemeinschaft auf dem Land, um dort Ackerbau oder Viehzucht zu betreiben und kleine Kinder, Alte und Kranke zu versorgen. Andere Haushaltsangehörige wohnen in der Stadt, um dort einer bezahlten Lohnarbeit nachzugehen. Zwischen diesen beiden (oder auch mehreren) Haushaltsstandorten werden z.B. Waren und Geld hin- und hergeschickt. So können Ernteausfälle auf dem Land oder Lohnausfälle in der Stadt aufgefangen werden. Die Risiken des einen Standorts werden somit durch die Potenziale des anderen Standorts abgemildert. Die Haushaltsstandorte sind zudem über die räumliche Zirkulation von Erwachsenen und Kindern verbunden. Diese pendeln in Abhängigkeit vom Arbeitskräfte- oder Pflegebedarf im Netzwerk oder Ausbildungs- und Lebenszyklen zwischen den verschiedenen Haushaltsstandorten. Man spricht in diesem Zusammenhang von translokalen Netzwerken.[6]

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Vulnerabilität

Vulnerabilität ist ein Begriff, der unter anderem in der Entwicklungsforschung verwendet wird. Er stellt eine Erweiterung des Armutsbegriffs dar, weil er sich nicht nur auf finanzielle und materielle Ressourcenknappheit bezieht, sondern auf eine generelle Lebensunsicherheit verweist, die die Reaktion auf Schocks und Krisen (wie Einkommensausfälle, Naturkatastrophen, Krankheits- oder Todesfälle) erheblich erschwert.

Welche Funktionen erfüllt die confiage?

Die Anvertrauung von Kindern im translokalen Netzwerk hat mehrere Funktionen – manche sind offen intentional, andere eher unterschwellig und unbewusst. Nicht immer stimmt die alltägliche Lebensrealität in der Anvertrauungssituation mit den ursprünglichen Intentionen der confiage überein. Die confiage hat Funktionen für die Kinder, aber auch für die sendenden und aufnehmenden Familienteile sowie für das gesamte Netzwerk: Werden Kinder von einem Haushaltsteil zum anderen geschickt, können sich hierdurch Verbindungen zwischen den räumlich getrennten Haushaltsteilen etablieren bzw. festigen. Dies geschieht sowohl über eine vermehrte Kommunikation als auch über das Element des Vertrauens: Sein Kind einem anderen Familienmitglied zu überlassen bzw. sich um das Kind eines anderen Familienmitglieds zu kümmern, festigt sowohl das Vertrauen zwischen diesen Haushaltsteilen als auch das Gefühl der Zugehörigkeit zu einer gemeinsamen Einheit. Die Überlassung des Kindes ist das sichtbare Element der Verbindung.

Ökonomische Risikoverteilung

Darüber hinaus ist die confiage für die Chancen- und Risikoverteilung auf die unterschiedlichen Haushaltsstandorte des translokalen Netzwerks bedeutsam. Zum einen wird die Herkunftsfamilie des Kindes entlastet. Ressourcenknappheit stellt oft einen Grund dar, Kinder Verwandten anzuvertrauen. Eine Hoffnung ist, dass ihre Kinder es bei den Verwandten besser haben bzw. dass im aufnehmenden Haushalt zumindest Grundbedürfnisse wie Essen, Trinken und Kleidung gestillt werden. Häufig ist es aber auch schlichtweg die Verringerung der Zahl der zu ernährenden Personen, die die Eltern dazu veranlassen, ihre Kinder zu Verwandten zu geben.

Zum anderen erhält der aufnehmende Familienteil Unterstützung durch eine zusätzliche helfende Hand im Haushalt oder im häuslichen Betrieb. Die Präsenz eines anvertrauten Kindes im Haushalt stößt auch materielle Verbindungen zwischen den Haushaltsteilen an, die ohne dessen Präsenz nicht bestünden: So schickt z.B. der städtische Haushaltsteil Geld[7] oder andere in der Stadt verfügbare Güter wie Stoffe oder industriell hergestellte Hygieneartikel an den ländlichen Familienteil. Im Gegenzug erhalten sie von diesem je nach Saison landwirtschaftliche Erzeugnisse wie Bohnen, Reis, Erdnüsse oder andere Produkte, die in der Stadt teurer sind als auf dem Land.[8]

Erwachsene, vormals anvertraute Kinder unterstützen ihre Eltern auf dem Land, sobald sie ein eigenes Einkommen haben. Diese Unterstützung kann auch durch die Übernahme des Schulgeldes für die jüngeren Geschwister geschehen.[9] Es wird deutlich, wie die Anvertrauung einen Kreislauf in Gang setzt, der nicht nur die Herkunftsfamilie des Kindes entlastet, sondern auch eine Verbesserung der Ausgangslage der gesamten Familie befördert.

Analog zur Erwachsenenmigration in Burkina Faso folgt die confiage in einigen Fällen einem zirkulären Muster im Jahresverlauf. So kommen einige Kinder in den Schulferien bzw. in der Trockenzeit zu Verwandten in die Städte, um dort Geld zu verdienen und auf diese Weise ihre Eltern auf dem Land unterstützen zu können oder einfach nur, um ihren städtischen Verwandten zu helfen. In der Regenzeit kehren diese Kinder dann wieder in ihr Herkunftsdorf und zu ihren Eltern zurück, um in der Landwirtschaft zu arbeiten.

Bildungs- und Erziehungszwecke

Neben der Funktion der confiage für die transnationale Existenzsicherung, kann die confiage auch im Bereich Bildung eine Bedeutung haben. Sie gliedert sich dabei grob in zwei Hauptlinien: die formelle Bildung und die informelle Bildung. Zu Zwecken der formellen Bildung, d.h. in der Regel der schulischen Ausbildung oder der Ausbildung in einem Beruf (wie z.B. Mechaniker oder Friseur), werden Kinder zumeist aus ländlichen Gebieten in städtische Zentren geschickt. Dies geschieht sobald sie ins schulfähige Alter kommen bzw. die Kinder als nächsten Schritt in ihrer schulischen Laufbahn eine weiterführende Schule besuchen müssten, die in ländlichen Gebieten Burkina Fasos nicht immer vorhanden ist.

Oft – und besonders im Falle der confiage von Mädchen – ist der Erwerb formeller Bildung jedoch nur eines der Motive, warum Kinder anvertraut werden. Sie werden auch deshalb zu in der Stadt lebenden Verwandten geschickt, um im Haushalt zu helfen und so den städtischen Haushaltsteil zu entlasten. Nimmt dieses zweite Motiv im Alltag überhand, kann das Lernen für die Schule extrem beeinträchtigt werden. Die Auswirkung der confiage auf die formelle Bildung eines Kindes hängt also immer stark von den tatsächlichen Gegebenheiten der Anvertrauungssituation und den verschiedenen, z.T. miteinander in Konflikt stehenden Motiven, die hinter der confiage stehen, ab.

Die formelle Schulbildung im westlichen Sinne betraf erst spät einen signifikanten Teil der subsaharischen Bevölkerung, daher ist die Tradition der informellen Bildung von Kindern und Jugendlichen nach wie vor von zentraler Bedeutung. Sie sollen nicht nur von den leiblichen Eltern, sondern auch von nahen und entfernten Verwandten lernen. Dahinter steht nicht nur die Idee, dass mehrere "Lehrer" einen breiteren Wissenshorizont vermitteln können. Es geht ebenso um die Vorbereitung auf das Erwachsenenleben durch das Sammeln von Erfahrungen, insbesondere auch durch das Durchleben schwieriger Zeiten. Es dienen also sowohl Bildungs- als auch Erziehungsaspekte als Motiv für die confiage.

Kindererziehung ist in westafrikanischen Gesellschaften nicht nur Aufgabe der biologischen Eltern, sondern vielmehr der gesamten Großfamilie. Ein Kind "gehört" nicht nur seinen leiblichen Eltern, sondern der ganzen Familie und Gemeinschaft. Dies führt zu einer Unterscheidung zwischen "la maman qui allaite", also der Mutter, die stillt, und der "mère de case", also derjenigen, bei der das Kind wohnt und groß wird.[10] Vor diesem Hintergrund erscheint es nur logisch, dass Kinder zu Lern- und Erziehungszwecken zwischen den Familienmitgliedern zirkulieren, anstatt ihre gesamte Kindheit an nur einem Ort und bei nur einem Erzieher oder Elternpaar zu verbringen.

Ein besonderer Aspekt des informellen Lernens und der Sozialisation betrifft die in Westafrika weitverbreitete Vorstellung, dass ein Kind durch Leiden lerne. Ein Aufwachsen bei anderen als den biologischen Eltern stärke den Charakter der Kinder, da die aufnehmenden Erwachsenen in der Regel weniger sanft und rücksichtsvoll mit den ihnen anvertrauten Kindern umgingen. So würden diese besser auf das spätere Leben vorbereitet. Insofern gilt die confiage als Vorbereitung auf das spätere Leben in einer von sozialer und finanzieller Unsicherheit geprägten Umgebung.

Emanzipation und Handlungsmacht

In der Literatur zu confiage werden Kinder und Jugendliche oft als passive Objekte beschrieben, die zwischen den einzelnen Familienteilen hin- und hergereicht werden. Einige wenige neuere Beiträge stellen jedoch verstärkt die Handlungsmacht von Kindern in den Vordergrund und distanzieren sich so von einer einseitigen Opferperspektive.[11] Zu dieser Handlungsmacht gehört nicht nur die Entscheidung zu migrieren, sondern auch die Entscheidung, dies nicht zu tun. Einige meiner Interviews aus Burkina Faso legen nahe, dass die Kinder und Jugendlichen durchaus ein Mitspracherecht dabei haben, ob und zu wem sie geschickt werden. So kann die Migration von Kindern und Jugendlichen Ergebnis einer Aushandlung sein.[12] Kinder sind zwar vulnerabler als Erwachsene, weil sie aufgrund ihrer schwachen sozialen und materiellen Stellung einen limitierten Spielraum an Handlungsmöglichkeiten haben; diesen Spielraum schöpfen sie allerdings aus.

Verbindung zu den Ahnen

Obwohl die Migration von Kindern im Kontext der confiage überwiegend vom Land in die Stadt verläuft, kommt auch die Anvertrauung in die andere Richtung vor. Manche Gründe erfordern die Migration von Kindern von der Stadt auf das Land: Neben der Pflege und Begleitung von alleinstehenden, älteren Frauen auf dem Land ist vermutlich der in Burkina Faso weit verbreitete Ahnenglaube ein wichtiger Grund dafür, dass Kinder aus der Stadt zu auf dem Land lebenden Verwandten geschickt werden.

In Burkina Faso ist der Ausspruch weit verbreitet, man müsse immer jemanden aus seiner Abstammungslinie in der Heimat haben ("Il faut avoir quelqu’un au village"). Die Heimat ist die "terre des ancêtres", der Boden der Ahnen, den in der Regel das ursprüngliche Herkunftsdorf einer Abstammungslinie darstellt. Hierhin muss Kontakt gehalten werden, um den Ahnen und der Großfamilie Wertschätzung zu erweisen – andernfalls, so der Glaube, können Strafen in Form von Krankheiten oder Armut die Folge sein. Diese könnten sogar die Kinder desjenigen betreffen, der den Kontakt zum Herkunftsort seiner Abstammungslinie nicht hält. Die confiage stellt eine Strategie dar, diesen Kontakt aufrecht zu erhalten. Ein Junge gilt in den Ethnien der von mir befragten Personen als Repräsentant des Vaters und kann ihn somit am Herkunftsort vertreten: Es ist so, als ob der Vater selbst dort wäre. Der Kontakt zum Boden der Ahnen bleibt gewahrt, Strafen werden vermieden, der in der Stadt lebende Vater des Kindes gerät im Heimatdorf nicht in Vergessenheit. Darüber hinaus lernt das Kind auf dem Land die traditionellen Gewohnheiten, Bräuche und Werte kennen, sodass diese über die Generationen weitervermittelt werden und nicht verloren gehen. Gleichzeitig erfährt das Kind die Bedeutung der Verbindung zum Boden der Ahnen und wird darauf vorbereitet, dass es diesen Kontakt auch in seinem Erwachsenenleben pflegen soll.

Das Spannungsfeld Kinderschutz – (Über-)Lebenssicherungsstrategien

Viele Vertreter von Kinderschutzorganisationen in Burkina Faso sowie ein guter Teil der wissenschaftlichen Literatur zum Thema vertreten die Meinung, dass eine confiage fast zwangsläufig zu Ausbeutung der kindlichen Arbeitskraft und somit zu einer Gefahr für die körperliche Gesundheit der Kinder führe.[13] Diese Gefährdung ergebe sich jedoch nicht nur durch eine z.T. extrem hohe Arbeitsbelastung, sondern auch durch den nicht vorhandenen oder gar verweigerten Zugang zu Grundbedürfnissen wie z.B. ausreichender Versorgung mit Nahrung, sauberem Trinkwasser, Mitteln zur Körperpflege, angemessenen Schlafmöglichkeiten, Gesundheitsversorgung oder auch durch die schlichte Abwesenheit von Fürsorge für das Kind. Dies könne zu kurzfristigen und langfristigen Beeinträchtigungen der Gesundheit und Entwicklung der Kinder führen. Nachhaltiger als die Auswirkungen auf die körperliche Gesundheit sind jedoch vermutlich die Folgen auf die Psyche der Kinder durch schlechte Erfahrungen im Zuge der confiage. Anfeindungen und Beschimpfungen der anvertrauten Kinder sind keine Seltenheit. Selbst wenn die physischen Grundbedürfnisse erfüllt sind, können psychische Faktoren dazu führen, dass es dem Kind nicht gut geht und sich die Erfahrung der confiage auch negativ auf das spätere Leben der anvertrauten Kinder auswirken kann.

Trotz alledem sollte eine differenzierte, einzelfallbezogene Betrachtung der confiage erfolgen, um einer pauschalen Negativsicht auf diese traditionelle soziale Praxis entgegenzuwirken. Dabei sollten die jeweiligen Konstellationen und Realitäten einer confiage berücksichtigt werden, die auch positive Potenziale für die Bildung, Gesundheit und Entwicklung der Kinder bergen. Des Weiteren sollte verstärkt der große Rahmen, in dem sich diese Form der Kindermigration abspielt, in den Blick genommen werden: die translokale Lebensweise großer Bevölkerungsgruppen in Burkina Faso, für die die confiage wichtige Funktionen erfüllt. Eine pauschale Unterbindung der confiage, wie oft von Kinderschutzorganisationen gefordert, könnte ohne begleitende Entwicklungsprogramme die translokalen Netzwerke ins Wanken bringen. Eine höhere Vulnerabilität der betroffenen Haushalte wäre die Folge. Dies wiederum stünde einer Verbesserung der Situation der Gesamtbevölkerung, inklusive der Kinder, im Wege.

Fußnoten

1.
Dieser Beitrag baut auf einer qualitativen Forschung der Autorin in Burkina Faso auf, in deren Rahmen Interviews mit anvertrauten Kindern, aufnehmenden und sendenden Familienmitgliedern, weiteren Beobachtern dieser Migration und Experten geführt wurden. Die Namen der Interviewpartner wurden geändert bzw. anonymisiert.
2.
James Lachaud / Thomas LeGrand / Jean-Joseph Kobiané, Child Fostering and Children’s Human Capital in Ouagadougou, in: Population Review, 55 (1). 2016, S. 27-48, hier S. 31-32.
3.
Rainer Geißler, Die Sozialstruktur Deutschlands. Zur gesellschaftlichen Entwicklung mit einer Bilanz zur Vereinigung. Wiesbaden 2014, S. 36-38.
4.
Uche C. Isiugo-Abanihe, Prevalence and determinants of child fosterage in West Africa. Relevance to demography, in: African Demography Working Papers Series. 1984, S. 1-44, hier S. 38.
5.
Erdmute Alber, Soziale Elternschaft im Wandel: Kindheit, Verwandtschaft und Zugehörigkeit in Westafrika. Berlin 2014, S. 182.
6.
Malte Steinbrink, / Hannah Niedenführ, Afrika in Bewegung: translokale Livelihoods und ländliche Entwicklung in Subsahara-Afrika. Bielefeld 2017.
7.
Die Geldsendungen können sich entweder auf Bargeld oder "virtuelles Geld" in Form von Handyguthaben oder aber auch per Handy geschicktes Geld im Zuge des "mobile cash transfer" erstrecken. Siehe zur Bedeutung des "mobile cash transfer" für translokale Netzwerke Steinbrink / Niedenführ, Afrika in Bewegung, S. 96-98, Joshua Ramisch, "We Will not Farm Like our Fathers Did": Multilocational Livelihoods, Cellphones, and the Continuing Challenge of Rural Development in Western Kenya, in: D. Sick (Hg.), Rural Livelihoods, Regional Economies, and Processes of Change. 2014, S. 10-25 und Kevin Watkins / Maria Quattri, Lost in Intermediation. How Excessive Charges Undermine the Benefits of Remittances for Africa. London 2014.
8.
Steinbrink / Niedenführ, Afrika in Bewegung, S. 140; Malte Steinbrink, Leben zwischen Land und Stadt. Migration, Translokalität und Verwundbarkeit in Südafrika. Wiesbaden 2009, S. 314.
9.
Steinbrink / Niedenführ, Afrika in Bewegung, S. 185-186.
10.
Suzanne Lallemand, Génitrices et éducatrices mossi. In: L’Homme, 16 (1) 1976, S. 109.
11.
Iman Hashim / Dorte Thorsen, Child Migration in Africa. London 2011; D. Jonckers, Les Enfants Confiés. In Marc Pilon / T. Locoh / É. Vignikin / Patrice Vimard (Hg.), Ménages et Familles en Afrique: Approches et dynamiques contemporaines. Centre français sur la population et le développement 1997, S. 193-208; Anne Kielland, The Exploitation Equation: Distinguishing Child Trafficking From Other Types Of Child Mobility in West Africa. In M. C. Burke (Hg.), Human Trafficking. Hoboken 2013, S. 149-182; Dorte Thorsen, Child Migrants in Transit: Strategies to Become Adult in Rural Burkina Faso. 2005; Ann Whitehead, Iman Hashim, Vegard Iversen, Child Migration, Child Agency and Inter-generational Relations in Africa and South Asia. Working Paper, Development Research Centre on Migration, Globalisation and Poverty, Sussex 2007.
12.
Dorte Thorsen, Child Migrants in Transit. Strategies to Become Adult in Rural Burkina Faso. 2005, S. 1.
13.
Céline Vandermeersch, Les enfants confiés au Sénégal. Thèse de démographie économique, Paris 2000; Zourkaléini Younoussi, Les Determinants Demographiques Et Socio-Economiques Du Confiage Des Enfants Au Burkina Faso. African Population Studies, 22(2), 2007, S. 203-231; Valerie Delaunay, Abandon et prise en charge des enfants en Afrique: une problématique centrale pour la protection de l'enfant. Mondes et Développement, 37(2), 2009, S. 33-46.
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