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13.11.2018 | Von:
Vera Hanewinkel

Frauen in der Migration: Ein Überblick in Zahlen

Über lange Zeit galt Migration als männliches Phänomen. Dabei haben heute in den meisten Weltregionen Frauen den größten Anteil am Migrationsgeschehen.

Menschen auf der sog. Windrose, Mosaik im Eingangsbereich des Padrão dos Descobrimentos (Denkmal der Entdeckungen) im Stadtteil Belém in Lissabon.Menschen auf der sog. Windrose, Mosaik im Eingangsbereich des Padrão dos Descobrimentos (Denkmal der Entdeckungen) im Stadtteil Belém in Lissabon. (© picture-alliance, Presse-Bild-Poss)

Geflüchtete und migrierte Frauen bleiben in der wissenschaftlichen und öffentlichen Wahrnehmung häufig unsichtbar. In der Migrationsgeschichte wurden sie lange schlicht vergessen, weil sich Studien hauptsächlich auf männliche Akteure im Wanderungsgeschehen konzentrierten.[1] So galten beispielsweise Bildungs- und Erwerbsmigration lange Zeit als ausschließlich männliche Angelegenheit, obwohl auch Frauen zu jeder Zeit an diesen Wanderungen beteiligt waren. Dies liegt auch daran, dass Frauen in westlichen Gesellschaften jahrhundertelang kaum als Akteurinnen am Arbeitsmarkt wahrgenommen wurden. Von Migrantinnen oft verrichtete haushaltsnahe Dienstleistungen galten und gelten vielfach nicht als reguläre Berufstätigkeit. Zudem erfolgen sie in den meisten Fällen in einem prekären, informellen Arbeitsverhältnis. Auch deshalb bleiben Migrantinnen oft unsichtbar – in vielen Statistiken tauchen sie nicht auf.

Die in der Migrationsforschung in den 1960er und 1970er Jahren gängigen Theorien betrachteten Migration als männliches Phänomen. Wichtige Impulse für ein Umdenken in der Migrationsforschung kommen seit Ende der 1970er Jahre aus der Frauen- und Geschlechterforschung. Obwohl seit den 1980er Jahren (spätestens seit 1993)[2] vermehrt die Erfahrungen von Migrantinnen in den Blick rücken, konzentrieren sich in der Migrationsforschung die meisten Studien weiterhin auf männliche Migranten oder erheben die Geschlechtszugehörigkeit nicht. Daraus resultiert nicht zuletzt ein Mangel an nach Geschlechtern ausgewiesenen Statistiken. Der Prototyp des Migranten scheint somit immer noch der Mann zu sein, auch wenn heute fast die Hälfte der internationalen Migrant_innen Frauen sind und es in vielen Weltregionen inzwischen mehr weibliche als männliche Migrant_innen gibt.

Zahlenwerk: Frauenmigration global und in Deutschland

Weltweit leben schätzungsweise 258 Millionen Menschen nicht in dem Land, in dem sie geboren wurden oder dessen Staatsangehörigkeit sie besitzen.[3] Rund die Hälfte (48,4 Prozent) dieser internationalen Migrant_innen sind Frauen. Insbesondere im Globalen Norden, der in der Statistik der Vereinten Nationen die Industrienationen in Nordamerika und Europa sowie Australien, Neuseeland und Japan umfasst, haben Frauen einen hohen Anteil am Migrationsgeschehen: In dieser Weltregion waren im Jahr 2017 51,8 Prozent aller Migrant_innen weiblich. Im Globalen Süden, also den ärmeren (Entwicklungs- und Schwellen-)Ländern, traf dies nur auf 43,9 Prozent aller Migrant_innen zu. 1990 hatte der Anteil weiblicher Migrant_innen im Globalen Süden mit 47 Prozent noch deutlich höher gelegen. Der Rückgang ist vor allem auf die wachsende Nachfrage nach Wanderarbeitnehmern in den Öl-produzierenden Ländern Westasiens (Golfstaaten) zurückzuführen. Traditionell arbeiten in dieser Branche vor allem Männer. Mit Ausnahme von Asien ist in allen anderen Weltregionen der Anteil von Frauen unter den internationalen Migrant_innen seit dem Jahr 2000 (leicht) gestiegen.

Neben Asien sind derzeit nur in Afrika männliche Migranten in der Überzahl. In Europa, Nordamerika, Ozeanien, Lateinamerika und der Karibik stellen Frauen den größten Teil der migrantischen Bevölkerung. Dies liegt primär an Alterungsprozessen in der bereits seit Jahrzehnten in diesen Ländern lebenden Einwandererbevölkerung. Aufgrund der höheren Lebenserwartung von Frauen nimmt der Anteil von Migrantinnen in höheren Altersklassen zu. Den höchsten Frauenanteil unter den internationalen Migrant_innen (jeweils über 60 Prozent) registrierte im Jahr 2017 Nepal (69,4 Prozent), gefolgt von der Republik Moldau (64,6 Prozent), Montenegro (60,8 Prozent), Lettland (60,7 Prozent) und der chinesischen Sonderverwaltungszone Hongkong (60,5 Prozent).

Anteil weiblicher Migranten weltweit und nach Aufnahmeregion in den Jahren 1990, 2000 und 2017PDF-Icon Anteil weiblicher Migranten weltweit und nach Aufnahmeregion in den Jahren 1990, 2000 und 2017 (in Prozent) Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/
In Deutschland leben rund 10,7 Millionen ausländische Staatsangehörige, 46,1 Prozent davon sind Frauen. Nicht alle ausländischen Einwohner_innen Deutschlands sind jedoch Migrant_innen: Jede achte Person mit ausländischer Staatsangehörigkeit (12,6 Prozent; ca. 1,4 Millionen) wurde in Deutschland geboren.[4] Darüber hinaus gibt es Menschen, die aus dem Ausland nach Deutschland eingewandert sind und sich nach langjährigem Aufenthalt hier haben einbürgern lassen bzw. als (Spät-)Aussiedler_innen unmittelbar nach der Ankunft in der Bundesrepublik die deutsche Staatsangehörigkeit erhalten haben. An ihrem Pass lässt sich also nicht ablesen, dass es sich um Migrant_innen handelt. 2017 verfügten rund 5,24 Millionen Deutsche über eigene Migrationserfahrung, 2,76 Millionen davon waren Frauen (53 Prozent).[5] Erfasst wird in diesen Zahlen nicht, dass es auch Deutsche gibt, die für eine Zeit im Ausland leben und dann wieder nach Deutschland zurückkehren. Auch sie verfügen natürlich über Migrationserfahrung, allerdings nicht im statistischen Sinn.

Die Palette der Gründe, warum Frauen migrieren, ist breit; ihre Migrationsmotive unterscheiden sich in der Regel nicht von denen von Männern: Einige gehen auf der Suche nach Arbeit oder besseren Karrierechancen in ein anderes Land; andere ziehen ihren bereits migrierten (Ehe-)Partnern oder anderen Familienangehörigen hinterher. Manche studieren im Ausland, machen dort ein Praktikum oder absolvieren einen Freiwilligendienst. Aus einem auf kurze Zeit angelegten Auslandsaufenthalt kann eine dauerhafte Verlagerung des Lebensmittelpunktes in ein anderes Land werden. Der Verbleib im Ausland erfolgt etwa aus persönlichen Gründen (z.B. Familiengründung) oder weil sich die Teilhabechancen an zentralen gesellschaftlichen Bereichen wie dem Arbeitsmarkt als günstiger erweisen. Migration ist daher immer ein ergebnisoffener Prozess, der von vielen verschiedenen Faktoren beeinflusst wird.

Die Verlagerung des Lebensmittelpunktes in ein anderes Land erfolgt nicht in jedem Fall freiwillig. Zu den internationalen Migrant_innen zählen auch Menschen, die vor Krieg und Verfolgung aus ihren Herkunftsländern geflüchtet sind.

Zahlen zu geflüchteten Frauen

Rohingya Geflüchtete laufen auf einem Weg in Teknaf, nachdem sie die Grenze zwischen Bangladesh und Myanmar überquert haben.Rohingya Geflüchtete laufen auf einem Weg in Teknaf, nachdem sie die Grenze zwischen Bangladesh und Myanmar überquert haben. (© picture alliance/Pacific Press Agency)

Ende 2017 gab es nach Angaben des UN-Flüchtlingshilfswerks (UNHCR) weltweit 19,9 Millionen anerkannte Flüchtlinge, die unter dem Mandat des UNHCR standen. Die Hälfte davon war weiblich. Allerdings schwankt der Anteil der Frauen an der Flüchtlingsbevölkerung je nach Weltregion. So waren in Afrika 51 Prozent aller Flüchtlinge weiblich. In Europa traf dies hingegen nur auf 39 Prozent der dort lebenden Flüchtlinge zu.
Frauenanteil an der Flüchtlingsbevölkerung in UNHCR Regionen (Ende 2017)PDF-Icon Frauenanteil an der Flüchtlingsbevölkerung in UNHCR-Regionen (Ende 2017) Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/


In Deutschland lebten Ende Juni 2018 673.409 Personen mit Asylberechtigung bzw. Flüchtlingsschutz, darunter 235.785 Frauen (35,1 Prozent).[6] In diesen Zahlen spiegelt sich die hohe, männlich dominierte Fluchtzuwanderung der letzten Jahre wider. 2015 stellten 441.899 Menschen einen Erstantrag auf Asyl in der Bundesrepublik; 69,2 Prozent davon waren männlich, 30,8 Prozent weiblich. Das Hauptherkunftsland von Asylantragsteller_innen bildete Syrien; 73,8 Prozent der von dort stammenden Asylerstantragstellenden waren männlich. Seitdem hat der Frauenanteil unter den Personen, die in Deutschland Asyl suchen, zugenommen. 2016 lag er bei 34,3 Prozent, 2017 bei 39,5 Prozent. Das Geschlechterverhältnis unter syrischen Asylerstantragstellenden, die weiterhin die größte Gruppe der Asylbewerber_innen bilden, ist inzwischen annähernd ausgeglichen: 2017 waren 49 Prozent der syrischen Asylbewerber weiblich.[7]

Wie in Deutschland ist auch in der EU-28 insgesamt ein (leichter) Anstieg des Frauenanteils unter Asylsuchenden zu beobachten. Stellten Frauen im Jahr 2015 einen Anteil von 27,4 Prozent aller Personen, die in der EU-28 erstmalig Asyl beantragten, waren es 2016 32,3 Prozent und 2017 33,2 Prozent.[8]

Ein Grund für den wachsenden Frauenanteil an der Asylmigration in die EU (und damit auch nach Deutschland) kann darin gesehen werden, dass wichtige Asylländer wie Schweden und Deutschland den Familiennachzug zu bereits dort lebenden Geflüchteten seit 2015 eingeschränkt haben.[9] Dies hat dazu geführt, dass sich seitdem mehr Frauen (und auch Kinder) selbst auf die gefährliche Flucht nach Europa machen. Untersuchungen im Erstankunftsland Griechenland bestätigen diese Einschätzung. Dort befragte geflüchtete Frauen gaben häufig an, auf dem Weg in andere europäische Staaten zu sein, wo bereits Familienangehörige Zuflucht gefunden hatten.[10] Waren im Juni 2015 27 Prozent der in Griechenland ankommenden Geflüchteten Frauen und Kinder[11], so stieg ihr Anteil bis Dezember 2016 auf 55 Prozent.[12] Frauen fliehen häufiger als Männer in Begleitung von Kindern, für die sie auf der Flucht dann die Verantwortung tragen.[13] Die Schließung staatlicher Grenzen entlang der "Balkan-Route" fiel dabei zeitlich mit den von einigen europäischen Staaten vorgenommenen Einschränkungen des Familiennachzugs zusammen. Frauen und Kinder, die sich bereits auf den Weg nach Europa gemacht hatten, "strandeten" so unter sehr prekären Bedingungen in Griechenland.

In Deutschland wurde der Familiennachzug für subsidiär Schutzberechtigte ab Inkrafttreten des Asylpakets II am 17. März 2016 für zweieinhalb Jahre komplett ausgesetzt. Seit dem 1. August 2018 dürfen subsidiär Geschützte zwar wieder Familienangehörige ins Land holen. Allerdings werden monatlich nur insgesamt 1.000 Visa für diesen Zweck ausgestellt. Von den Einschränkungen betroffen sind vor allem syrische Asylsuchende, denen nach 2015 zunehmend nur noch der subsidiäre Schutzstatus zugesprochen wurde. Sie erhalten seltenerden vollumfänglichen Flüchtlingsschutz, der zum Nachholen von Angehörigen der Kernfamilie (Ehepartner_in und minderjährige Kinder) berechtigt. Bereits in Deutschland lebende männliche Geflüchtete aus Syrien mit subsidiärem Schutzstatus hatten zwischenzeitlich keine Möglichkeit mehr, ihre noch in der Herkunftsregion lebenden Ehefrauen nach Deutschland zu holen.

Fußnoten

1.
Hahn, Sylvia (2012): Migration, Geschlecht und Familieneinkommen (18.-20. Jahrhundert). In: Eva Hausbacher et al. (Hg.): Migration und Geschlechterverhältnisse: Kann die Migrantin sprechen? Wiesbaden, S. 83-101.
2.
Das 1993 erschienene Werk "Age of Migration" von Stephen Castles und Marc Miller weist auf die "Feminisierung der Migration" hin und bezeichnet diese als ein Charakteristikum des "Zeitalters der Migration". 1990 hatten die Vereinten Nationen bereits die Expert_innengruppe "International Migration Policies and the Status of Female Migrants" eingerichtet, die erstmals eine globale Schätzung zur Anzahl von Migrantinnen erstellte.
3.
Hier und im Folgenden: United Nations/Department of Economic and Social Affairs/Population Division (2017): International Migration Report 2017. http://www.un.org/en/development/desa/population/migration/publications/migrationreport/docs/MigrationReport2017.pdf (Zugriff: 10.10.2018).
4.
Stand: 31. März 2018. Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (2018): Das Bundesamt in Zahlen 2017. Nürnberg. http://www.bamf.de/SharedDocs/Anlagen/DE/Publikationen/Broschueren/bundesamt-in-zahlen-2017.html (Zugriff: 10.10.2018).
5.
Statistisches Bundesamt, Bevölkerung, Migration und Integration, Bevölkerung nach Migrationshintergrund und Geschlecht. https://www.destatis.de/DE/ZahlenFakten/GesellschaftStaat/Bevoelkerung/MigrationIntegration/Migrationshintergrund/Tabellen/TabellenMigrationshintergrundGeschlecht.html;jsessionid=DD3D11A24F607720B8C39EAFD9AB6568.InternetLive1 (Zugriff: 10.10.2018).
6.
Deutscher Bundestag (2018): Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Ulla Jelpke, Dr. André Hahn, Kökay Akbulut, weiterer Abgeordneter und der Franktion DIE LINKE – Drucksache 19/3481. Drucksache 19/3860, 17. August. https://kleineanfragen.de/bundestag/19/3860-zahlen-in-der-bundesrepublik-deutschland-lebender-fluechtlinge-zum-stand-30-juni-2018 (Zugriff: 10.10.2018).
7.
Daten in diesem Absatz sind den vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) jährlich veröffentlichten Publikationen der Reihe "Das Bundesamt in Zahlen" entnommen, Jahrgänge 2015, 2016 und 2017.
8.
Eurostat, Asylum and first time asylum applicants by citizenship, age and sex. Annual aggregated data (rounded) [migr_asyappctza], Stand: 24.8.2018, abgerufen am 2.10.2018.
9.
Brenner, Yermi (2016): A Family Reunification Dilemma for the EU. Global Government Forum. 23. März. https://www.globalgovernmentforum.com/family-reunification-dilemma-for-eu/ (Zugriff: 10.10.2018).
10.
Kofman, Eleonore (2018): Gendered Mobilities and Vulnerabilities: Refugee Journeys to and in Europe. Journal of Ethnic and Migration Studies. https://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/1369183X.2018.1468330 (Zugriff: 10.10.2018).
11.
In den Statistiken des UNHCR werden Frauen und Kinder häufig als eine Kategorie ausgewiesen; Frauen werden dann nicht gesondert aufgeführt, Kinder gelten als "geschlechtsneutral", es wird daher nicht zwischen Jungen und Mädchen unterschieden. Dies macht es schwierig, Aussagen über die Zahl bzw. den prozentualen Anteil von Frauen und Mädchen auf der Flucht zu treffen.
12.
UNHCR (2016): Refugee Women on the Move in Europe Are at Risk, Says UN. 20. Januar. http://www.unhcr.org/news/latest/2016/1/569fb22b6/refugee-women-move-europe-risk-says-un.html
13.
Mixed Migration Platform (2016): Women and Girls on the Move. A Gender Analysis of Mixed Migration from Middle East to Europe. https://reliefweb.int/report/world/women-and-girls-move-gender-analysis-mixed-migration-middle-east-europe-briefing-paper (Zugriff: 10.10.2018).
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Autor: Vera Hanewinkel für bpb.de
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