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4.6.2019

"Gemeinsam sind wir stärker"

Zur Selbstorganisation geflüchteter Frauen*

Die Non-Profit-Organisation "Women in Exile & Friends" wurde von geflüchteten Frauen* gegründet und wird bis heute hauptsächlich von ihnen geleitet. Was sind ihre Ziele und warum ist ihnen Selbstorganisation wichtig? Ein Interview.

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Eine syrische Frau und ihre Kinder im Hafen von Athen.September 2018: Eine syrische Frau und ihre Kinder im Hafen von Athen. (© picture-alliance, NurPhoto)

Im Jahr 2002 gründeten geflüchtete Frauen* [1] in Brandenburg eine Initiative, um auf die schlechten Bedingungen in Sammelunterkünften für Asylsuchende aufmerksam zu machen und als diskriminierend empfundene Regelungen und Maßnahmen zu bekämpfen. Seit 2011 ist "Women in Exile" ein eingetragener Verein. Im selben Jahr formierte sich in diesem Rahmen auch die Gruppe "Women in Exile & Friends". Die Arbeit der Organisation wird durch private Spenden und Flüchtlingshilfsorganisationen finanziert. "Women in Exile & Friends" hat sich zur Aufgabe gemacht, die Mehrheitsgesellschaft über die Lebensbedingungen und täglichen Erfahrungen von weiblichen* Geflüchteten in Deutschland zu informieren. Darüber hinaus legt die Organisation einen Fokus auf das Empowerment geflüchteter Frauen*, z.B. durch Workshops, die Informationen zu Grundrechtsfragen und Asylrecht oder Gesundheitsfragen bieten und Möglichkeiten zur Unterstützung bei Diskriminierung sowie sexueller Belästigung eröffnen.

Elizabeth Ngari ist eine der Gründerinnen der Initiative "Women in Exile" und weiterhin aktives Mitglied der Non-Profit-Organisation. Im Jahr 1996 kam sie als Asylsuchende aus Kenia nach Deutschland, wo sie fast sechs Jahre in einer Sammelunterkunft lebte, die sie selbst als "Lager" bezeichnet.

Frau Ngari, warum haben Sie damals die Initiative gegründet? Wer war daran beteiligt?
Die Idee hatte eine Gruppe von Frauen* aus verschiedenen Ländern, die 2002 in "Lagern" lebten. Zusammen mit männlichen* Geflüchteten kämpften wir bereits gegen die schlechten Bedingungen, denen wir zu der Zeit ausgesetzt waren. Wir hatten aber das Gefühl, dass die Mehrfachdiskriminierung von Frauen* nicht ausreichend wahrgenommen wurde. Unser Leben war geprägt von sexueller Belästigung, mangelnder Privatsphäre, Isolation sowie Konflikten zwischen Frauen* und Männern* oder unter Frauen* selbst. Wir erkannten, dass wir im doppelten Sinne Opfer des Asylsystems waren – als Frauen* und als Geflüchtete. Wir mussten aufwachen, um für unsere Rechte als geflüchtete Frauen* zu kämpfen. Wir sehen uns daher als Schnittpunkt der Frauen*- und Geflüchteten-Bewegung.

Was bedeutet das?
Das bedeutet, dass wir als Geflüchtete kämpfen und uns mit anderen Gruppen vernetzen, die sich auch für unsere Sache einsetzen. Wir kämpfen aber auch als Frauen*, weil wir uns aufgrund unseres Geschlechts in unseren Lebensbedingungen benachteiligt sehen. Wir möchten wie alle anderen Jobs, eine Arbeitserlaubnis und Zugang zu Bildung. Frauen* in diesem Land kämpfen seit über hundert Jahren für ihre Rechte. Es ist schade, dass wir immer noch für Rechte kämpfen müssen, die ihnen bereits gewährt wurden. Wir sind auch Frauen* dieser Gesellschaft!

Warum ist es für geflüchtete Frauen* wichtig, sich zusammenzuschließen, Formen der Selbstorganisation zu entwickeln und – wie Sie auf Ihrer Homepage schreiben – laut zu werden?
Ich denke, wir sind alle Frauen* und Teil dieser Gesellschaft und wir müssen gemeinsam dafür kämpfen, dass wir hier nicht nur als Geflüchtete, sondern auch als Frauen* leben können. Unsere Erfahrung hat gezeigt, dass Frauen* sich unabhängig von Alter, Herkunft, Religion, Status, sexueller Orientierung oder anderen Faktoren aufeinander verlassen können. Wir können gemeinsam etwas bewirken. Zusammen entwickeln wir Strategien, um einen politischen Wandel zu erreichen und bringen unseren Protest gegen die unmenschlichen Lebensbedingungen von geflüchteten Frauen* in die Öffentlichkeit.

Haben Sie aus diesem Grund entschieden, auch mit Frauen* ohne Fluchtgeschichte zusammenzuarbeiten?
In Deutschland sind wir Geflüchtete, die das Rechtssystem nicht sehr gut kennen – im Gegensatz zu Menschen, die hier aufgewachsen sind. Die Zusammenarbeit mit Frauen* ohne Fluchtgeschichte ist also von Vorteil. Außerdem sind wir der Meinung, dass sich Frauen* untereinander solidarisch zeigen sollten. Es gibt Frauen* in unserer Gruppe, die zwar keine Fluchtgeschichte haben, aber z.B. wegen ihrer Sexualität diskriminiert wurden. Jetzt kämpfen wir gemeinsam. Und gemeinsam sind wir mehr. Gemeinsam sind wir stärker!

Welche Ziele verfolgt "Women in Exile & Friends"?
Wir wollen Sexismus, Rassismus und andere Formen der Diskriminierung, denen Geflüchtete und Frauen* ausgesetzt sind, bekämpfen. Dabei können wir nicht über Rassismus sprechen, ohne über Diskriminierung zu sprechen. Und wir können nicht über Diskriminierung sprechen, ohne über Sexismus zu sprechen. Diskriminierung betrifft verschiedene Menschen auf dieselbe Weise, deswegen kämpfen wir gemeinsam.

Haben sich die Ziele seit der Gründung der Organisation geändert?
Unsere Kernziele haben sich nicht geändert. Wir sind immer noch Diskriminierung ausgesetzt und müssen immer noch dagegen kämpfen. Das Format unseres Kampfes hat sich jedoch verändert. Zuerst haben wir darum gekämpft, die "Lager" verlassen zu können. Wir haben versucht, Frauen* zu mobilisieren und zu ermutigen, ihre Geschichten an die Öffentlichkeit zu bringen. Jetzt arbeiten wir in Berlin und Brandenburg und versuchen, von dort aus Frauen* im ganzen Land zu organisieren.

Wir setzen uns außerdem dafür ein, dass Abschiebungen gestoppt werden. Wir wollen, dass jeder, der nach Deutschland geflohen ist, bleiben darf. Diese Menschen haben ihre Heimat verlassen, weil sie dort Probleme hatten, nicht wissend, was sie erwartete oder ob sie jemals zurückkehren würden. Fliehende Menschen haben einen guten Grund, warum sie gehen oder gar weglaufen und nach einem Ort suchen, an dem sie besser aufgehoben sind und in Sicherheit leben können.

Wie versucht die Organisation, ihre Ziele zu erreichen?
Wir empowern Frauen* in Workshops und beteiligen uns an Demonstrationen. Wir schreiben Pressemitteilungen oder geben Interviews wie dieses, um auf unsere Arbeit aufmerksam zu machen. Auch unser Newsletter und Weblog erreicht viele Menschen. Wir möchten das Bewusstsein für unsere Probleme in der Gesellschaft schärfen, da es viele Menschen gibt, die gar nicht wissen, was vor sich geht. Sie wissen nichts über die Situation der Menschen in den "Lagern". Als Frauen* sehen wir uns mit Sexismus und Rassismus konfrontiert und allen Arten von Vorurteilen ausgesetzt. Als geflüchtete Frauen* stehen wir darüber hinaus während und nach der Flucht inneren und äußeren Grenzen gegenüber.

Die Gesellschaft macht Geflüchtete für alle ihre Probleme verantwortlich. Wir möchten darauf aufmerksam machen, dass das nicht stimmt. Es sind andere Probleme, die unsere Gesellschaft zu lösen hat!

Zwischen 15 und 45 Frauen* nehmen an den monatlichen Treffen in Berlin oder Potsdam teil. Die meisten von ihnen haben eine Fluchtgeschichte. Welche Bedeutung hat Partizipation für sie? Teil unserer Organisation zu sein, ist eine Möglichkeit für sie, die "Lager" für eine Weile zu verlassen, Gedanken und Gefühle auszutauschen und mit anderen zu sprechen. Sie fühlen, dass sie nicht allein sind.

Wie sieht der Alltag für viele Ihrer Mitglieder aus?
Sie führen ein Leben in grundsätzlicher Angst und großer Unsicherheit. Die Frauen* fürchten Abschiebungen und rassistische Angriffe. Sie wissen nicht, wie ihr Leben in Zukunft aussehen wird. Sie wissen nicht, ob sie morgen oder übermorgen abgeschoben werden oder ob sie bleiben dürfen. Diese Unsicherheit und Angst machen die meisten von ihnen depressiv. Sie haben das Gefühl, dass sie es nicht wert sind, zu leben.

Spielt Empowerment deshalb eine wichtige Rolle in Ihrer Arbeit?
Ja, wir möchten die Frauen* empowern, um mit ihrem Alltag fertig zu werden. Empowerment hilft den Frauen*, über ihre Probleme zu sprechen und sich der Tatsache bewusst zu werden, dass sie Rechte haben. Gleichzeitig unterstützen wir sie dabei, Hilfe zu finden.

Seit dem sogenannten "Sommer der Migration" im Jahr 2015 gibt es viele politische und öffentliche Debatten über die Aufnahme von Geflüchteten. Was denken Sie darüber?
Viele Menschen, in 2015 vor allem aus Syrien, mussten ihr Heimatland wegen eines Krieges verlassen. Sie wollten nicht bleiben und getötet werden. Bevor sich Staaten über die Aufnahme von Geflüchteten beschweren, sollten sie aufhören, Waffen in Länder zu exportieren, in denen es Kriege oder (bewaffnete) Konflikte gibt. So sähen sich automatisch weniger Menschen gezwungen, ihr Zuhause zu verlassen.

In der deutschen Berichterstattung über die Vorfälle in Köln an Silvester 2015 schien es so, als werde jeder männliche* Geflüchtete kriminalisiert, weil einige Männer* mit Fluchtgeschichte Frauen* angegriffen haben. Das ist natürlich kriminell, bedeutet aber nicht, dass die gesamte Gruppe Geflüchteter kriminell ist. Diejenigen, die Verbrechen begehen, wie jene Männer* an Silvester, sollten vor Gericht gebracht werden. In einem demokratischen Rechtsstaat wird eine kriminelle Person vor Gericht gestellt und die Richter verhängen eine individuelle Strafe. Sie kriminalisieren nicht die gesamte Gruppe. Nach wie vor betrachtet die Gesellschaft geflüchtete Menschen als Hauptproblem. Das sind sie aber nicht. Durch die Kriminalisierung von Geflüchteten werden Festnahmen und Abschiebungen gerechtfertigt. Menschen, die sich nicht ausweisen können, werden als Verbrecher betrachtet, aber ich glaube nicht, dass sie kriminell sind. Sie haben einfach keine Papiere.

Abgesehen von der Kriminalisierung Geflüchteter, welchen Schwierigkeiten gibt es seit 2015 für Geflüchtete?
Geflüchtete sind nicht erst seit 2015 unter anderem Misshandlungen oder institutionellem Rassismus ausgesetzt. Allerdings wurde seitdem erneut eine Residenzpflicht, eingeführt, die es ihnen nicht erlaubt, zu wohnen, wo sie wollen. Die Asylgesetze ändern sich ständig und werden strenger. "AnkER- Zentren" wurden eingeführt: "Gefängnisse", die Hunderte Asylsuchende aufnehmen. Sie können nicht am gesellschaftlichen Leben teilhaben, da das vollständige Asylverfahren in diesen "Lagern" stattfindet. Ihre Bewegungsfreiheit ist eingeschränkt und es ist einfacher geworden, Abschiebungen durchzuführen. Geflüchtete sowie Migrierende sind zum zentralen Thema einer jeden politischen Diskussion oder Abstimmung geworden. Dies fördert nicht nur die Feindseligkeiten in der Gesellschaft, sondern wird auch von rechten Gruppen genutzt, um an Popularität zu gewinnen. Viele europäische Politikerinnen* und Politiker* machen Geflüchtete für alle bestehenden Probleme verantwortlich. Aber Geflüchtete sind nicht das Problem, sondern Politiken des Ausschlusses, der Isolation und der Abschiebung.

Was sind Ihre Hoffnungen für die Zukunft?
Ich hoffe, dass sich zumindest einige der restriktiven Gesetze, insbesondere die Abschiebungsgesetze, ändern werden. Ich möchte, dass Menschen frei wählen können, wo sie leben und dass geflüchtete Frauen* die gleichen Rechte haben wie andere Frauen* in dieser Gesellschaft.

Das Interview wurde geführt von Laura Hartmann.

Fußnoten

1.
Das Sternchen hinter Geschlechtszuschreibungen wie z.B. Frauen* oder Männer* wird hier auf Wunsch der Interviewten zur Abgrenzung von einer zweigeschlechtlichen Ordnung genutzt. So eröffnet sich der Raum, vielgestaltliche Geschlechtlichkeiten miteinzubeziehen, die durch die zweigeschlechtliche Struktur der deutschen Sprache nicht vorkommen und/oder unsichtbar gemacht werden. Ziel ist es, marginalisierte Subjektpositionen sichtbar zu machen. (vgl. Herrmann 2003: Performing the Gap – Queere Gestalten und geschlechtliche Aneignungen. In: arranca! Nr.28, Aneignung I, Berlin, S. 22-26.)
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