Koffer

1.12.2009 | Von:
Thomas Hummitzsch

Kontroversen rund um klimabedingte Migration

Das Dorf Derveni an der griechischen Küste am Golf von Korinth ist von dem durch die Klimaerwärmung gestiegenen Meeresspiegel akut bedroht.Dörfer an der griechischen Küste am Golf von Korinth sind von dem durch die Klimaerwärmung gestiegenen Meeresspiegel akut bedroht. (© picture-alliance/dpa)

Die Verbindung zwischen Klimawandel und Migration

Unbestritten ist, dass der Anstieg des Meeresspiegels oder die Versalzung der Küstengebiete als klimatische Prozesse oder hydrometeorologische Naturkatastrophen als klimatische Ereignisse Wanderungsbewegungen auslösen können. Allerdings ist die klimabedingte Migration keineswegs monokausal, sondern in die komplexen Interaktionen der bestehenden sozialen, demografischen und politischen Kontexte eingebunden. [1]

Bei der Betrachtung von Migrationsbewegungen im Zusammenhang mit klimatischen Prozessen oder Ereignissen muss daher zwischen klimatischen und nicht-klimatischen Migrationsfaktoren unterschieden werden, denn allein aufgrund klimatischer Ereignisse muss es nicht zwangsweise zu Migration kommen.

Eine entscheidende Rolle spielen hier Anpassungsstrategien, denn die Verletzlichkeit einer Gesellschaft ergibt sich immer aus der besonderen geografischen Gefahrenlage und den Anpassungsbemühungen dieser Gesellschaft [2]. So führen hydrometeorologische Katastrophen wie Überschwemmungen oder tropische Stürme nur dann zu relevanten Migrationserscheinungen, wenn es vorher zu politischen und gesellschaftlichen Versäumnissen bei der Anpassung an die eigene geografische Gefahrenlage gekommen ist. Mit dem Fehlen von Frühwarnsystemen, institutionenübergreifenden Rettungsplänen, Überflutungsgebieten oder Dämmen steigt die Verletzlichkeit einer Gesellschaft bei hydrometeorologischen Katastrophen, wie die Folgen des Seebebens im Indischen Ozean 2004 deutlich machten. Die Flutwellen des Tsunamis zerstörten ganze Küstenregionen am Golf von Bengalen und Südostasiens. Mindestens 165.000 Menschen kamen dabei ums Leben, 1,7 Mio. wurden obdachlos. Einige der Hauptursachen für die verheerenden Folgen des Tsunamis waren das Fehlen eines internationalen Frühwarn- und Informationssystems sowie die unkoordinierte und teilweise gar nicht erfolgte Evakuierung der Küsten in der betroffenen Region. Auch die Abholzung der Mangrovenwälder und die Beseitigung von Überschwemmungszonen in den Küstengebieten sowie deren Besiedlung haben zu der enormen Opferzahl beigetragen.

Nicht nur akute Katastrophen führen zu Abwanderung. Es wird heute sogar prognostiziert, dass der dauerhafte Zusammenbruch von Lebensräumen durch den Klimawandel zum wichtigsten Auslöser weltweiter Migrationsbewegungen werden wird [3]. Diese langfristig absehbaren Folgen des Klimawandels fordern die möglicherweise betroffenen Gesellschaften bereits jetzt in besonderer Weise heraus, denn grundsätzlich gilt der ökologisch verursachte Verlust von Lebensräumen als "ein soziales Problem, das verhindert werden kann."[4]

Klimabedingte Migration steht dabei im Zusammenhang mit Aspekten, die die Wanderung nicht nur notwendig, sondern auch attraktiv machen, den sogenannten Pull-Faktoren. Diese können demografischer, sozialer, politischer oder kultureller Natur sein. Bevölkerungsdruck, Armut, schlechte soziale Sicherungssysteme sowie schlechte Regierungsführung in den vom Klimawandel betroffenen Staaten stellen neben den klimatischen Umständen ebenfalls entscheidende Migrationsauslöser dar. Zugleich findet klimabedingte Wanderung in den Entwicklungsländern in einem Umfeld der Urbanisierung aus wirtschaftlichen Gründen statt, sodass die klimabedingte Wanderung nur schwer von der "normalen" Migration in die Einzugsgebiete der Metropolen unterschieden werden kann. Klimawandel ist dann nur ein Faktor in einem Bündel von Faktoren, deren jeweilige Stärke sich nicht ermitteln lässt. Die Wanderung selbst kann als Anpassungsmaßnahme an die sozioökonomischen und politischen Realitäten unter den Bedingungen einer sich verändernden Umwelt interpretiert werden [5]. Bei besonders drastischem Missmanagement durch die Regierung kann dies dazu führen, dass ein klimatisches Ereignis lediglich als Migrationsanlass dient, die Hauptursachen aber politischer und sozialstruktureller Natur sind [6].

Klimabedingte Wanderung basiert also nicht allein auf einem einfachen Effekt von Ursache und Wirkung, bei dem stets die klimatischen Umstände Wanderung auslösen, sondern ist sehr viel komplexer [7]. Bereits bestehende Pull-Faktoren spielen insbesondere im Zusammenhang mit der klimabedingten Migration eine entscheidende Rolle, will man die Motive der Wanderungsbewegung verstehen [8].

Diese gegenseitige Beeinflussung und Überlagerung von Umweltfaktoren mit politischen, sozialen und kulturellen Wanderungsaspekten hat zur Folge, dass die Trennung zwischen freiwilliger und unfreiwilliger Migration nicht eindeutig gezogen werden kann[9], was sich wiederum auf die Definition und Behandlung der von klimabedingter Migration betroffenen Personen niederschlägt.

Die Kategorisierung der Betroffenen

Für die skizzierten Wanderungsszenarien gibt es eine Reihe von Begrifflichkeiten und Definitionsansätzen. Neben der hier verwendeten Terminologie der klimabedingten Migration existieren Ausdrücke wie Klimawandelmigration, umweltbedingte Migration oder Zwangsmigration sowie Klimaflucht. Im englischsprachigen Bereich taucht auch immer häufiger das Kompositum Climigration auf. Da es hinsichtlich der klimabedingten Migration auch zur Vermischung von wirtschaftlichen und ökologischen Faktoren kommt und eine strikte Trennung dieser Migrationsaspekte nahezu unmöglich ist, sprechen einige Autoren auch von Ecomigration [10].

Die betroffenen Personen werden hauptsächlich als Klimamigranten, aber auch als Klimazwangsmigranten, Klimaflüchtlinge oder Umweltvertriebene bezeichnet. Die Bezeichnung der betroffenen Personen ist insofern von entscheidender Bedeutung, als die Kategorisierung als Migrant oder Flüchtling Folgen für die internationalen Verpflichtungen hinsichtlich des Schutzes und der Versorgung dieser Menschen hat. Im Gegensatz zu Migranten können Flüchtlinge auf Grundlage der Genfer Flüchtlingskonventionen (GFK) internationale Hilfe und Leistungen des UNHCR in Anspruch nehmen und dürfen von den aufnehmenden Staaten nicht abgeschoben werden (Non-Refoulement).

Internationale Akzeptanz findet in zunehmendem Maße der Begriff Klimamigranten, entworfen von der IOM. Um eine erste Basis für die weitere Erforschung und Datensammlung des Phänomens zu schaffen, legte die Organisation eine Arbeitsdefinition vor. Dieser Definition zufolge sind Klimamigranten "Personen oder Personengruppen, die, aufgrund plötzlicher oder sich fortschreitender deutlicher Veränderungen der ihr Leben beeinflussenden Umwelt- und Lebensbedingungen, gezwungen sind oder sich veranlasst sehen, ihre Heimat zu verlassen, sei es zeitweise oder permanent, und die sich innerhalb ihres Heimatlandes oder über dessen Grenzen hinaus bewegen". Die Definition greift die vom IASC berücksichtigten Dimensionen der Dauer, Richtung und Freiwilligkeit der Wanderung auf.

Fußnoten

1.
Acketoft 2008, WBGU 2007.
2.
Brown 2008.
3.
Warner 2009.
4.
Bogardi et al. 2007
5.
Graeme 2008, Warner 2009, WBGU 2007.
6.
Acketoft 2008.
7.
Brown 2008.
8.
Jakobeit & Methmann 2007.
9.
UNHCR 2008a, Zehrer 2009.
10.
Kolmannskog 2008.

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