Koffer
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1.5.2009 | Von:
Eleonore Kofman
Parvati Raghuram

Probleme qualifizierter Migrantinnen

Das Geschlecht hat auf unterschiedliche Weise Einfluss auf den Migrationsprozess. So kann bereits in den Herkunftsländern Geschlechterdiskriminierung beim Zugang zu Bildung bestehen. Dadurch erhalten dann weniger Frauen als Männer die Möglichkeit zum Erwerb von Qualifikationen, die eine Migration in solche Länder ermöglichen, deren Zuwanderungssysteme qualifizierte Arbeitskräfte bevorzugen.
Die Projektkoordanitorin, Lysann Gregor (Mitte) unterrichtet am Montag (20.02.2012) Sprachschülerinnen und Sprachschüler aus verschiedenen Nationen im Unterricht bei dem Bildungsdienstleister LOESERnet.com im sächsischen Freital. Sachsen dehnt sein Pilotprojekt für eine schnellere Anerkennung der Berufsabschlüsse von Zuwanderern aus. Migrantinnen beim Sprachunterricht in Sachsen (© picture-alliance/dpa)

Andererseits können geschlechterdiskriminierende Einstellungspraktiken in den Herkunftsländern Frauen dazu ermutigen, auf der Suche nach besseren Chancen ins Ausland zu gehen. In diesem Abschnitt konzentrieren wir uns auf zwei spezielle Probleme, mit denen qualifizierte Migrantinnen konfrontiert sind: den Einfluss von Zuwanderungsbestimmungen auf die Einwanderung und das Maß, in dem qualifizierte Migrantinnen ihre Qualifikationen auf dem Arbeitsmarkt nutzen können, nachdem sie ins Zielland eingewandert sind.

Einwanderungsbestimmungen

Einwanderungsbestimmungen haben beträchtlichen Einfluss auf die Möglichkeit qualifizierter Frauen zu wandern. Die klassischen Einwanderungsstaaten (Australien, Kanada, USA) und das Vereinigte Königreich haben in den späten 1990er Jahren damit begonnen, sich im globalen Wettbewerb um qualifizierte Arbeitskräfte zu positionieren. Sie haben ihre Einwanderungsbestimmungen geändert, um die Einwanderung von qualifizierten Migranten zu erleichtern. Aber die konkreten Kriterien, die eingeführt wurden, um Menschen mit Qualifikationen herauszufiltern, unterscheiden sich zwischen den einzelnen Ländern und haben unterschiedlichen Einfluss auf Migrantinnen.

In Ländern, in denen die Auswahl von Migranten auf ganz bestimmte Berufe wie etwa im Bereich der Informations- und Kommunikationstechnologie (IKT) ausgerichtet ist, in denen allgemein mehr Männer als Frauen ausgebildet und beschäftigt werden, ergibt sich eine stark männlich geprägte Migration von Qualifizierten. Wie eine kürzlich veröffentlichte Analyse zum Thema Geschlecht und Migration von Qualifizierten in Neuseeland ergab, "ist geschlechtsspezifische Migration wahrscheinlich mehr mit der Art des Berufes, in dem zu arbeiten der Migrant nach Neuseeland gekommen ist, als mit dem Herkunftsland verbunden."[1]

In Europa ist die Anwerbung qualifizierter Arbeitskräfte sehr viel beschränkter gewesen, aber die meisten Länder hatten eine ähnliche sektorale Ausrichtung und bevorzugten so implizit Männer. Die tatsächlichen Einwanderungswege, die sich diesen Fachkräften eröffnet haben, unterscheiden sich. Einige Länder wie Österreich, Estland, Griechenland, Italien und Lettland legen Quoten fest.[2] In anderen Ländern wie Belgien, den Niederlanden und Schweden richtet sich die Anwerbung nach dem Arbeitskräftebedarf. In vielen Fällen sind die Programme vor allem auf die Felder IKT, Ingenieurswesen und Forschung ausgerichtet, wie es in Deutschland und Frankreich der Fall gewesen ist. In den Niederlanden wurden ebenfalls viele der Arbeitsgenehmigungen, die im Rahmen eines Programms zur Anwerbung von Arbeitskräften in wissensbasierten Branchen ausgestellt wurden, an IKT-Arbeitskräfte vergeben. Die Ausrichtung auf bestimmte Branchen bei der Definition von Qualifikationen bleibt deshalb ein Hauptfaktor, der die Migration qualifizierter Frauen beeinflusst.

In Kanada haben Bildungs- und Sprachabschlüsse als Ausdruck von Humankapital den Beruf als Filter für Migration ersetzt, was zu einem Anstieg des Frauenanteils in der Einwanderungskategorie der qualifizierten Arbeitskräfte geführt hat. Dies war besonders beim kanadischen Gesetz für Immigration und Flüchtlingsschutz (Immigration and Refugee Protection Act) zu sehen, das 2002 in Kraft trat. Von den qualifizierten Arbeitskräften waren 2007 32 % Frauen im Vergleich zu 24 % im Jahr 2000. Auch wenn Frauen immer noch eine Minderheit unter den Hauptantragstellern in der Zuwanderungskategorie für qualifizierte Arbeitskräfte sind, zeigt sich, dass diese Verlagerung hin zu einem breiteren Verständnis von Humankapital wahrscheinlich weniger benachteiligend für Frauen ist. Dies liegt daran, dass ihre Bildungsqualifikationen steigen und weiterhin ein Mangel in Bereichen wie Betreuung und Pflege besteht.

In einigen der europäischen Staaten mit Zuwanderungsprogrammen für Hochqualifizierte, wie dem Vereinigten Königreich, ist das Einkommen vor der Einwanderung ein wichtiges Kriterium bei der Entscheidung über die Erteilung einer Einwanderungsgenehmigung. Ferner wird bisweilen das Einkommen im Zielland herangezogen, wenn es um die Verlängerung der Aufenthaltserlaubnis geht, wie z. B. im britischen Punktesystem. Dieses Kriterium wird relevant, wenn man das Lohngefälle zwischen den Geschlechtern berücksichtigt. Weltweit beträgt das Lohngefälle zwischen Männern und Frauen im Durchschnitt 16 %. Mit anderen Worten, Frauen verdienen durchschnittlich 16 % weniger als Männer in entsprechenden Jobs. In Hochlohnländern wie den USA und Kanada ist dieses Gefälle oft noch steiler. Für das Vereinigte Königreich wurde gezeigt, dass das Lohngefälle zwischen den Geschlechtern mit dem Bildungsniveau einer Person zunimmt und in traditionellen Frauenberufen steiler ist. Deshalb ist es wahrscheinlich, dass sich die Verwendung von Einkommenskriterien für den Eintritt von qualifizierten Migranten für Frauen negativ auswirkt. Dieses Problem betrifft auch Länder wie Irland, Deutschland und die Niederlande, wo ebenfalls Einkommenskriterien verwendet werden, um hochqualifizierte Migranten zu definieren. Frauen sind nicht nur generell einem Lohngefälle ausgesetzt, sondern als qualifizierte Migrantinnen auch in einem größeren Ausmaß als Männer in stark regulierten und geringer bezahlten Bereichen wie Pflege, Unterricht und Sozialarbeit zu finden, was sie noch weiter benachteiligt.

Das einzige Land, das die Geschlechterdiskriminierung erkannt hat, die den Programmen für qualifizierte Migration innewohnt, ist Kanada. Es hat eine geschlechterbasierte Analyse (GBA) der Immigrationspolitik (sowie der Siedlungs- und Integrations-pro-gramme) eingeführt, die beschrieben wird als: "ein Prozess, der den unterschiedlichen Einfluss von vorgeschlagenen und/oder bestehenden Politikmaßnahmen, Programmen und Gesetzen auf Frauen und Männer beurteilt. Dadurch können Politikmaßnahmen unter Berücksichtigung von Unterschieden zwischen den Geschlechtern, der Natur der Beziehungen zwischen Frauen und Männern und ihrer verschiedenen sozialen Realitäten, Lebenserwartungen und wirtschaftlichen Umstände ergriffen werden."[3]

Um die Auswirkungen und Ergebnisse von Einwanderungspolitik in Bezug auf das Geschlecht zu analysieren, sind vollständige Datensätze und intensive qualitative Forschung nötig. Nur so kann der Einfluss von Faktoren wie Bildung, Einkommen, Alter und branchenspezifischer Beschäftigung, die zusammen mit dem Geschlecht wirken, angemessen berücksichtigt werden. Ist es beispielsweise für Frauen schwieriger, als qualifizierte Migrantinnen einzuwandern, wenn sie eine Karrierepause machen, um Kinder großzuziehen, da die Arbeitserfahrung in den Jahren vor der Einwanderung bewertet wird? Daneben kann die Zahl der qualifizierten Migrantinnen je nach Nationalität variieren. So gibt es zum Beispiel in den Migrantenströmen aus Indien mehr Frauen als in denen aus China; um die Ursache zu verstehen, müssen die Faktoren Geschlecht und Nationalität zusammen untersucht werden. Außerdem könnten Längsschnittdaten dazu beitragen, die Auswirkungen von wirtschaftlichen Faktoren in Entsende- und Aufnahmestaaten auf die Migration von qualifizierten Frauen zu verstehen.

Anerkennung von Qualifikationen

Ein anderer wichtiger Faktor, der die Erfahrungen von qualifizierten Migranten beeinflusst, ist der Rahmen, in dem Qualifikationen anerkannt werden. Auch wenn alle Migranten häufig mit Dequalifikation konfrontiert sind, erfahren Frauen einen besonders hohen Grad an Dequalifikation. Eine Studie [4] über Migrantinnen in den Ländern der OECD zeigt klar, dass Frauen häufiger überqualifiziert für ihre Jobs sind als Männer. In einigen Ländern, besonders in Südeuropa, liegt dies wahrscheinlich an einem Arbeitskräftemangel in Sektoren für Geringqualifizierte, vor allem in Privathaushalten, an sehr stark geschützten Arbeitsmarktsektoren für Qualifizierte und einer fehlenden Anerkennung von Qualifikationen, die außerhalb der EU erworben wurden.

 
Prozentsatz von Frauen (15-64 Jahre) in Jobs, für die sie überqualifiziert sind, nach Herkunft, 2003-2004
 
EinheimischIm Ausland geborenIm Ausland geboren, nicht OECD
Österreich9,324,832,8
Belgien17,724,627,2
Tschechische Republik6,612,822,0
Dänemark10,519,731,0
Finnland18,826,238,0
Frankreich14,218,819,8
Deutschland9,923,632,3
Griechenland9,053,462,0
Ungarn7,310,58,9
Irland15,623,938,2
Italien7,127,434,0
Luxemburg3,214,131,0
Norwegen10,625,135,9
Portugal8,916,218,7
Spanien24,447,656,7
Schweden7,215,323,2
Schweiz7,613,819,8
Vereinigtes Königreich14,917,018,7
Quelle: Tabelle I.16 SOPEMI 2006

Außerdem ist das Niveau des "brain waste", also der unvollständigen Nutzung der Qualifikationen von Migranten, bei Frauen, die aus Ländern außerhalb der OECD eingewandert sind, höher als bei Frauen aus OECD-Ländern (siehe Tabelle). Auch innerhalb Europas waren und sind Migrantinnen, etwa aus den osteuropäischen EU-Beitrittsländern, von Dequalifizierung betroffen. Die Mehrheit dieser Migranten, die seit 2004 eingewandert sind, haben in den alten EU-Ländern Jobs für Geringqualifizierte angenommen. Die EU-Vorschriften zur Anerkennung von Qualifikationen gelten inzwischen auch für sie. Es ist jedoch noch nicht klar, in welchem Ausmaß sie in der Lage sein werden, in qualifiziertere und ihrem Ausbildungsniveau entsprechende Beschäftigungen aufzurücken, wenn sie ihre Sprachkenntnisse verbessert und sich eingelebt haben.

Diese Dequalifizierung ist vor allem im vornehmlich weiblichen Pflegebereich sichtbar. Eine Studie über international angeworbene Krankenschwestern, die vor allem aus Europa, Australien, Afrika und von den Philippinen ins Vereinigte Königreich eingewandert waren, ergab, dass viele Krankenschwestern den Eindruck hatten, dass ihre Qualifikationen nicht wertgeschätzt würden und dass sie Rassismus und Fremdenfeindlichkeit erlebt hätten.[5] Krankenschwestern erfuhren auch einen beträchtlichen Grad an Entwertung ihrer Qualifikationen, da sie den Arbeitsmarkt auf einem wesentlich niedrigeren Niveau betraten, als sie es vor ihrer Einwanderung innegehabt hatten. Außerdem unterschieden sich ihre Erfahrungen erheblich, je nachdem ob sie im privaten oder im öffentlichen Sektor arbeiteten. Diejenigen, die im staatlichen Gesundheitssystem (National Health Sevice, NHS) des Vereinigten Königreichs beschäftigt waren, hatten positivere Erfahrungen gemacht als diejenigen, die in den unabhängigen privaten Sektor gegangen waren. Dort wurden sie, auch wenn sie als qualifizierte Migrantinnen eingewandert waren, häufig als Pflegehelferinnen beschäftigt.

Dequalifizierung betrifft auch Ärztinnen und Ärzte. Im Vereinigten Königreich ist diese Dequalifizierung durch die Schaffung einer Gruppe von Arbeitsstellen institutionalisiert, auf denen Krankenhausärzte als niederrangige beratende Ärzte arbeiten und viele Dienstverpflichtungen, aber schlechte Karriereaussichten haben. In diesen Rängen arbeiten überwiegend Ärzte aus dem Ausland. Das Niveau der Dequalifizierung ist jedoch höher bei Migrantinnen, die außerhalb des EWR ausgebildet wurden. So waren 2001 in England 42 % aller Ärzte, die außerhalb des EWR ausgebildet worden waren und eine solche Stelle innehatten, Frauen. Hingegen waren nur 22 % der Ärzte aus dem EWR, die in dieser Kategorie arbeiteten, Frauen.[6]

Einige der Faktoren, die zur Dequalifizierung von Migranten führen, gelten sowohl für Männer als auch für Frauen. Von der Europäischen Kommission wurde ein Projekt über qualifizierte Migranten in vier europäischen Ländern (Deutschland, Italien, Spanien und dem Vereinigten Königreich) in Auftrag gegeben.[7] In diesem Projekt wurde eine Typologie entwickelt, die den Grad widerspiegelt, in dem Migranten Arbeit fanden, die ihren Qualifikationen und ihrem Ausbildungsniveau entsprach. Die Studie ergab, dass individuelle, informelle und institutionelle Faktoren eine Rolle spielen. Sie kommt zu dem Schluss, dass qualifizierte Migranten, die in den Ländern der EU leben, eine ungenügend genutzte Ressource am Arbeitsmarkt darstellen. Die Untersuchung hält den Prozess der Anerkennung von Qualifikationen, die in Ländern außerhalb der EU erworben wurden, für das Hauptproblem bei der Integration von Arbeitskräften. Er wird als zu komplex, langwierig, teuer und entmutigend für qualifizierte Migranten angesehen. Erfolgreiche und effektive formale Kanäle zur Information über Beschäftigungsmöglichkeiten und für den Zugang zu Beschäftigung fehlen ebenfalls. Außerdem hatten selbst Spezialistinnen den Eindruck, dass rassistische Vorurteile ihre Möglichkeiten beeinflussen, eine Stelle zu finden. Das Fehlen von Unterstützungsstrukturen für neu angekommene qualifizierte Migranten zwingt diese dazu, sich auf informelle Netzwerke zu verlassen. Die Studie stellte auch einen Mangel an bezahlbaren, zugänglichen und angemessenen Kursen zur Fachsprache für qualifizierte Migranten fest. Zudem haben qualifizierte Einwanderer oft Schwierigkeiten, angemessenen Wohnraum zu finden, was Probleme beim Zugang zum Arbeitsmarkt mit sich bringt und Diskriminierung und sozialen Ausschluss begünstigt.

Einige dieser Faktoren beeinflussen Frauen jedoch stärker als Männer. So kann zum Beispiel die Möglichkeit, einen Kurs zur Fachsprache zu besuchen, für Frauen, die sich um ihre Kinder kümmern müssen, beschränkter sein. Der Verlust von persönlichen und beruflichen sozialen Netzwerken nach der Auswanderung kann für Frauen problematischer sein, wenn Familienpflichten sie davon abhalten, sich in neue Netzwerke einzugliedern. Die Notwendigkeit, sich umschulen oder beruflich anerkennen zu lassen, wird möglicherweise von der Familie für Frauen als weniger wichtig angesehen, wenn es in ihrem Haushalt eine starke Geschlechterhierarchie gibt. Schlussendlich schaden längere Abwesenheitszeiten vom Arbeitsmarkt und Unterbeschäftigung dem Selbstwertgefühl dieser Migrantinnen und verstärken die Dequalifizierung.
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Fußnoten

1.
Siehe Badkar et al. (2007).
2.
Siehe EMN (2007a).
3.
Siehe Kofman et al. (2005: 35-36 ).
4.
Siehe Dumont und Liebig (2005).
5.
Siehe Allan und Aggergaard Larsen (2003).
6.
Siehe Raghuram und Kofman (2002).
7.
Siehe Jubany (2004).

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