Eine Frau geht an einer Weltkarte, die aus Kinderporträts besteht, am Freitag (18.06.2010) im JuniorMuseum in Köln vorbei.

8.10.2012

Historische Entwicklung der Migration

Auswanderung nach Übersee

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und im frühen 20. Jahrhundert trug Italien stark zu den intra-europäischen Migrationsbewegungen bei und registrierte darüber hinaus auch eine starke Abwanderung nach Nord- und Südamerika sowie nach Australien. Die massenhafte Überseewanderung setzte in den 1870er Jahren ein. Von 1876 bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs verließen rund 14 Millionen Italiener/-innen ihr Heimatland. Die USA entwickelten sich zum Hauptzuwanderungsziel für italienische Auswanderer. Tatsächlich gingen zwischen 1901 und 1914 40% aller italienischen Auswanderer in die Vereinigten Staaten. Mit der Einführung von nationalen Herkunftsquoten, die die Zahl der Zuwanderer aus Italien auf 5.000 pro Jahr beschränkten, nahm die Migration in die USA zwischen 1917 und 1924 signifikant ab. Darüber hinaus führte das faschistische Regime in Italien zunehmend Auswanderungsbeschränkungen ein. Neben den USA waren Argentinien und Brasilien sowie Frankreich und Österreich-Ungarn, zu Beginn des 20. Jahrhunderts zunehmend auch Deutschland und die Schweiz wichtige Zielländer italienischer Emigranten. Die meisten Italiener blieben jedoch nur temporär im Ausland: 50% aller Italiener/-innen, die zwischen 1905 und 1915 ihren Lebensmittelpunkt nach Nord- oder Südamerika verlegten, kehrten letztendlich in ihr Heimatland zurück. Italienische Staatsangehörige waren auch als Saisonarbeitskräfte bekannt, daher erhielten sie in den USA den Spitznamen 'birds of passage' (Wander- bzw. Zugvögel), in Argentinien nannte man sie 'golondrinas' (Schwalben).

Tabelle 1 – Zahl italienischer Auswanderer nach Zielland, 1816-1985 (© bpb)
Migration in der Zwischenkriegszeit und nach dem Zweiten Weltkrieg

Die Auswanderung aus Italien setzte sich in der Zwischenkriegszeit fort, in der mehr als vier Millionen Italiener/-innen das Land verließen. Mehrere Tausend Gegner des faschistischen Regimes flohen aus Italien, gleichzeitig nahm die Migration in Richtung der italienischen Kolonien in Ostafrika zu. Im Jahr 1938 unterzeichneten Italien und Deutschland ein Migrationsabkommen auf dessen Basis rund 500.000 Italiener/-innen nach Deutschland gelangten um dort hauptsächlich in Fabriken, aber auch in der Landwirtschaft zu arbeiten.

Nach dem zweiten Weltkrieg nahm die transkontinentale Auswanderung ab. Stattdessen exportierte Italien zunehmend Arbeitskräfte in viele nordwesteuropäische Länder, die zu diesem Zeitpunkt ein starkes Wirtschaftswachstum verzeichneten. Im Gegensatz zur Situation vor dem 1. Weltkrieg wurden die Migrationsbewegungen nun durch die aufnehmenden Länder eingeschränkt und reguliert, bilaterale Wanderungsabkommen entwickelten sich zu einem der Hauptcharakteristika von Arbeitsmigrationsregimen. Italien schloss mehrere dieser Wanderungsabkommen ab: 1946 mit Belgien und Frankreich, 1947 und 1948 mit Argentinien, 1947 mit der Tschechoslowakei, 1951 mit Kanada und Australien sowie 1955 mit Deutschland. Italiener/-innen ins Ausland zu entsenden galt in dieser Zeit als Strategie, um hoher Arbeitslosigkeit und damit einhergehenden sozialen Spannungen entgegen zu wirken. Zwischen 1946 und Mitte der 1970er Jahre verließen mehr als sieben Millionen Italiener/-innen ihr Heimatland, etwa die Hälfte kehrte später nach Italien zurück. Die Migration von Arbeitskräften aus Italien wurde durch die Nachfrage der Aufnahmeländer bestimmt, die Auswanderungsbewegungen erreichten aber nicht mehr das Ausmaß, das sie vor dem Zweiten Weltkrieg gehabt hatten. Obwohl Italien nach dem Zweiten Weltkrieg immer noch eine hohe Zahl an Auswanderern registrierte, wandelte sich das Land nun langsam von einem Auswanderungs- zu einem Einwanderungsland. Diese Entwicklung ging mit einem wirtschaftlichen Aufschwung in den 1950er und 1960er Jahren einher, der große interne Migrationsbewegungen von Italiens landwirtschaftlich geprägtem Süden in Richtung des industrialisierten Nordens auslöste.

Wandel zum Einwanderungsland

1973 verzeichnete Italien zum ersten Mal einen positiven Wanderungssaldo: Die Zahl der Zuwanderer überstieg die Zahl der Auswanderer. Damit wurde Italien zu einem Einwanderungsland, welches es bis heute geblieben ist. Der Zuwanderungsüberschuss war zunächst vor allem auf eine große Zahl italienischer Staatsangehöriger zurückzuführen, die aus dem Ausland in ihr Heimatland zurückkehrten. Gleichzeitig nahm die Zuwanderung ausländischer Staatsangehöriger zu. Die ersten Zuwanderungswellen setzten sich vor allem aus Frauen aus den Philippinen, Zentralamerika, Eritrea und Kap Verde sowie aus männlichen Arbeitskräften aus Tunesien, dem Senegal und Marokko zusammen, die beispielsweise im Süden Italiens als Fischer aber auch als Tomatenpflücker eingesetzt wurden. Ende der 1980er Jahre bildeten Marokkaner und Senegalesen die größten Einwanderergruppen in Italien. Zuwanderer kamen aber zunehmend auch aus anderen Ländern. Der Zusammenbruch kommunistischer Regime in Zentral- und Osteuropa löste weitere Zuwanderungsbewegungen aus: Tausende albanischer Flüchtlinge landeten an den italienischen Küsten, viele von ihnen verblieben illegal im Land. Die italienische Regierung sah sich daher zunehmend gezwungen, Maßnahmen zu ergreifen, um die Zuwanderung zu regulieren und zu steuern (vgl. das Kapitel 'Migrationspolitik').[1]

Fußnoten

1.
Bertagna/Maccari-Clayton (2011).