Eine Frau geht an einer Weltkarte, die aus Kinderporträts besteht, am Freitag (18.06.2010) im JuniorMuseum in Köln vorbei.

18.10.2013 | Von:
Jennifer Elrick

Entwicklung der Einwanderung und der Einwanderungspolitik seit dem 19. Jahrhundert

Das Programm für Handwerksberufe

Als Reaktion auf die anhaltende Kritik, die Nachfrage nach qualifizierten Arbeitskräften im Handwerk zugunsten von Hochqualifizierten und Führungskräften zu ignorieren, rief die kanadische Einwanderungsbehörde im Januar 2013 das Programm für Handwerksberufe (Federal Skilled Trades Program) ins Leben. Im Rahmen dieses Programms können jährlich bis zu 3.000 Personen basierend auf ihren Qualifikationen und ihrer Arbeitserfahrung in einem von 43 Handwerksberufen einen Antrag auf einen unbefristeten Aufenthaltstitel stellen. Antragsteller müssen daneben Sprachkenntnisse nachweisen und entweder über ein Stellenangebot oder ein Zertifikat über ihre Qualifikation von einer Provinz oder einem Territorium verfügen.

Veränderungen im Bereich der Familienmigration

Die Familienmigration war lange Zeit ein Schlüsselelement der kanadischen Einwanderungspolitik. Zwei Entwicklungen in jüngerer Zeit deuten jedoch an, dass sich dies ändert.

Im Dezember 2011 wurde das sogenannte ″Super-Visum″ für Eltern und Großeltern von Einwanderern eingeführt. Anders als in der Vergangenheit sind diese nun nicht mehr zum Nachzug nach Kanada berechtigt. Stattdessen können sie ein Visum erhalten, mit dem sie im Zeitraum von zehn Jahren mehrfach nach Kanada einreisen dürfen, um ihre Familienangehörigen dort zu besuchen. Voraussetzung ist, dass das in Kanada lebende Familienmitglied ein Mindesteinkommen nachweisen und privaten Krankenversicherungsschutz für seine Besucher bereitstellen kann.

Im Oktober 2012 führte die kanadische Einwanderungsbehörde einen vorbehaltlichen dauerhaften Aufenthaltsstatus für nachziehende Lebens- bzw. Ehepartner ein. Dieser findet Anwendung bei Paaren, die seit weniger als zwei Jahren eine Beziehung führen und die keine gemeinsamen Kinder haben (vgl. den Abschnitt Irreguläre Migration für Details).

Temporäre Einwanderung

Während die Aufnahme von dauerhaften Einwanderern sowohl unter qualitativen als auch quantitativen Gesichtspunkten zunehmend restriktiver wird, hat die Zahl der Programme für temporäre Einwanderung in den vergangenen Jahren exponentiell zugenommen. Einigen temporären Einwanderern wird es ermöglicht, einen unbefristeten Aufenthaltsstatus zu erlangen – ein Ansatz, der als ″zweischrittige″ Einwanderung (two-step immigration) bezeichnet wird. Das erste offizielle Programm für temporäre Einwanderer war das 1966 eingeführte und bis heute bestehende Programm für Saisonarbeitskräfte in der Landwirtschaft (Seasonal Agricultural Worker Program – SAWP). Dieses wurde 1973 durch das Programm für temporäre Arbeitskräfte (Temporary Foreign Worker Program – TFWP) ergänzt. Es sollte ursprünglich Engpässen in hochqualifizierten Tätigkeitsfeldern entgegenwirken, wurde 2002 aber auch auf niedrigqualifizierte ausländische Arbeitskräfte ausgedehnt.

Das Programm erlaubt es Arbeitgebern, ausländische Arbeitskräfte anzuwerben und einzustellen. Im Allgemeinen benötigt ein Arbeitgeber dazu eine positive Arbeitsmarkteinschätzung (labor market opinion – LMO) von der kanadischen Regierung. Eine LMO bestätigt, dass der Arbeitgeber keinen kanadischen Staatsangehörigen oder Einwohner mit einer unbefristeten Aufenthaltsgenehmigung gefunden hat, der die Stelle besetzen könnte, dass es sich um keine Scheinanstellung handelt und dass der Arbeitgeber nicht gegen Verpflichtungen gegenüber vormals rekrutierten temporären Arbeitskräften verstoßen hat.

Sowohl das SAWP als auch das TFWP zielen darauf ab, kurzzeitige Arbeitsmarktbedarfe zu decken, wobei einige Teilnehmer des TFWP mithilfe des Programms für Personen mit kanadischer Arbeitsmarkterfahrung (Canadian Experience Class Program) oder eines Auswahlprogramms einer Provinz oder eines Territoriums (Provincial/Territorial Nominee Programs - PTNP) einen unbefristeten Aufenthaltsstatus erlangen können (siehe unten).

Eines der bekanntesten kanadischen Programme für temporäre Arbeitskräfte ist das seit 1992 existierende Programm für Pflegekräfte (Live-In Caregiver Programm - LIC). Im Rahmen dieses Programms können sich Personen mit einem weiterführenden Schulabschluss, Englisch- oder Französischkenntnissen und Erfahrungen in der Pflegearbeit bewerben, um für bis zu vier Jahre als Pflegekraft für Kinder, alte oder behinderte Menschen in deren Haushalt zu leben und zu arbeiten. Dies ist das einzige Programm für temporäre Einwanderung bei dem von vornherein die Möglichkeit eines Wechsels von einem befristeten in einen unbefristeten Aufenthaltsstatus gegeben ist. Seit 2008 bietet das Programm für Personen mit kanadischer Arbeitsmarkterfahrung hochqualifizierten temporären Arbeitskräften, Ausländern, die ein Studium an einer kanadischen Universität abgeschlossen haben sowie deren Familien die Möglichkeit, nach einem Jahr Arbeitserfahrung in einer hochqualifizierten oder Führungsposition eine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung zu erlangen, vorausgesetzt, der Hauptantragsteller erfüllt Sprach- und andere Anforderungen.

Die Auswahlprogramme der Provinzen und Territorien

Neben den staatlichen Einwanderungsprogrammen hat eine Reihe von Abkommen zwischen der Bundesregierung und den einzelnen Provinzen und Territorien des Landes dazu geführt, dass letztere zunehmende Mitspracherechte bei der Auswahl der Einwanderer haben. Sie können diese entsprechend ihrer regionalen wirtschaftlichen Bedarfe und anhand eigener Kriterien im Rahmen eigener Verfahren auswählen. Diese sogenannten Provincial/Territorial Nominee Programme (PTNPs) sind sowohl ein Instrument, um Neuzuwanderer für einen dauerhaften oder temporären Aufenthalt auszuwählen, als auch ein Weg für Einwanderer, die bereits im Rahmen des staatlichen Programms für temporäre Arbeitskräfte (Temporary Foreign Worker Programm) in Kanada leben, einen unbefristeten Aufenthaltstitel zu erlangen.

Das erste und umfassendste dieser Abkommen wurde 1991 mit Quebec [7] geschlossen; die meisten anderen Provinzen und Territorien sind seit 2000 diesem Beispiel gefolgt. Die Verbreitung der PTNPs hat zur Herausbildung einer Vielfalt an Zuwanderungsprogrammen geführt, die in ihrer Gesamtheit nur schwer zu erfassen ist. Diese Entwicklung markiert auch eine Abkehr vom traditionellen, zentralisierten Ansatz des Migrationsmanagements; die Auswirkungen dieses Wandels sind noch nicht absehbar.

Fußnoten

7.
Quebec ist die einzige Provinz, die die alleinige Hoheit über das Management der Einwanderung in diese Provinz besitzt. Sie legt ihre eigenen jährlichen Einwanderungsziele fest, ist allein für die Auswahl der Einwanderer verantwortlich (mit Ausnahme der Einwanderer, die über die Familienkategorie und als Flüchtlinge nach Kanada kommen und deren Status auf Bundesebene bestimmt wird) und ebenso für die Bereitstellung von Orientierungskursen und anderen Unterstützungsleistungen für Migranten; siehe Citizenship and Immigration Canada (2006).
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Autor: Jennifer Elrick für bpb.de
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