Eine Frau geht an einer Weltkarte, die aus Kinderporträts besteht, am Freitag (18.06.2010) im JuniorMuseum in Köln vorbei.

18.10.2013 | Von:
Jennifer Elrick

Aktuelle Entwicklungen und zukünftige Herausforderungen

In den vergangenen zehn Jahren wurde verstärkt auf Arbeitsmarktprobleme von Einwanderern hingewiesen.

Passanten an der Küste von Victoria Island, Vancouver.Passanten an der Küste von Victoria Island, Vancouver. (© picture alliance / All Canada Photos)

Unter Rückgriff auf Zensusdaten haben zahlreiche Wissenschaftler gezeigt, dass das Einkommen aufeinanderfolgender Einwandererkohorten seit den 1970er Jahren gesunken ist, trotz eines Anstiegs des Qualifikationsniveaus dieser Bevölkerungsgruppe.[1] Eine Studie zeigt, dass dieser Einkommensrückgang sowohl auf Unterbeschäftigung (z.B. Arbeit in einem Job unterhalb des eigenen Qualifikationsniveaus) als auch auf geringere Einnahmen im Vergleich zu Arbeitnehmern kanadischer Herkunft mit gleichem Qualifikationsniveau zurückzuführen ist. Beide Faktoren führen zu einem Verlust von jährlich 11 Milliarden Dollar für die Wirtschaft [2] Erklärungen für diese Entwicklung konzentrieren sich entweder auf die Qualität der Qualifikationen und Fähigkeiten der Einwanderer, Nachteile dieser Bevölkerungsgruppe auf dem Arbeitsmarkt oder weitreichende institutionelle Faktoren wie das zunehmende Qualifikationsniveau der kanadischen Bevölkerung und Arbeitsmarktzyklen.

Viele der migrationspolitischen Veränderungen der vergangenen Jahre, die in diesem Länderprofil aufgezeigt wurden, können als Antwort auf das Phänomen der Nicht-Nutzung von Qualifikationen zurückgeführt werden. Die Regierung hofft, dass die Ausweitung der Entscheidungshoheit von Provinzen und Territorien bei der Auswahl von Einwanderern, die Einschränkung des dauerhaften Zuzugs von qualifizierten Einwanderern (in Bezug auf ihre Anzahl sowie bestimmte Berufsgruppen) zugunsten der Vergabe von befristeten Aufenthaltsgenehmigungen und einer zweischrittigen Einwanderung (two-step immigration) (z.B. Programme für die temporäre Einwanderung, die dann die Möglichkeit des Erhalts einer unbefristeten Aufenthaltsgenehmigung bieten) sowie die stärkere Einbindung von Arbeitgebern in die Auswahl von Einwanderern dieses Problem beheben werden.

Auf der anderen Seite sind Wissenschaftler besorgt, dass die zunehmende temporäre Migration (besonders von niedrigqualifizierten Arbeitskräften), die Einschränkung dauerhafter Einwanderung und die Übertragung von Verantwortung von der staatlichen in private Hand bei der Auswahl der Einwanderer und dem Wechsel von einem befristeten in einen unbefristeten Aufenthaltsstatus zu neuen Problemen führen könnten.

Sie argumentieren, dass der Erfolg des kanadischen Einwanderungsmodells weitgehend auf der Tatsache beruhe, dass der Großteil der Einwanderer umgehend eine unbefristete Aufenthaltserlaubnis erhielt, dass der Familiennachzug großzügig gehandhabt wurde und den Einwanderern ein rascher Zugang zur Staatsangehörigkeit ermöglicht wurde. Mit anderen Worten: ihnen wurde die rechtliche und soziale Sicherheit geboten, der es bedarf, um sich und ihren Familien ein Leben in Kanada aufzubauen. Heute aber verfügt eine zunehmende Zahl von Neuzuwanderern nur über eine befristete Aufenthaltserlaubnis, eingeschränkte Rechte, fast keinen Zugang zu Integrationsleistungen und niedrige Qualifikationen. Diese prekäre Situation könnte sich negativ auf die wirtschaftliche und soziale Integrationsfähigkeit der Einwanderer auswirken, wenn sie von einem befristeten in ein unbefristetes Aufenthaltsverhältnis wechseln. [3] Es erhöht außerdem ihre Anfälligkeit für die Ausbeutung durch Arbeitgeber, die nach und nach Staatsbedienstete als Gatekeeper bei der Kontrolle von Einreisen von Einwanderern und Statuswechseln ersetzen. Insgesamt werden die hier dargestellten politischen Entwicklungen tiefgreifende Auswirkungen auf die kanadische Gesellschaft und die Wahrnehmung des kanadischen Einwanderungssystems in der internationalen Gemeinschaft haben.

Fußnoten

1.
Siehe z.B. Frenette/Morissette (2005) und Reitz et al. (2013).
2.
Reitz et al. (2013).
3.
Siehe z.B. Goldring/Landolt (2011).
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Autor: Jennifer Elrick für bpb.de
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