Eine Frau geht an einer Weltkarte, die aus Kinderporträts besteht, am Freitag (18.06.2010) im JuniorMuseum in Köln vorbei.

17.12.2014 | Von:
Randall Hansen

Einleitung

Erst nach dem Zweiten Weltkrieg, als Folge der großen Zahl von Einwanderern, die aus den ehemaligen Kolonien kamen, entwickelte sich das Vereinigte Königreich zu einem Einwanderungsland. Das relativ hohe Maß an Wohlstand in den Nachkriegsjahren hatte zusätzlichen Bedarf an Arbeitskräften geschaffen, der überwiegend mit Arbeitern aus den Kolonien gedeckt wurde.

Passanten auf der Oxford Street in LondonPassanten auf der Oxford Street in London: Der Volkszählung aus dem Jahr 2011 zufolge sind "weiße" Londoner in der Minderheit: 54 Prozent der Einwohner der Hauptstadt fühlen sich einer ethnischen Minderheit zugehörig; 37 Prozent aller Londoner sind im Ausland geboren worden. (© picture alliance / Alan Copson/Robert Harding)

Diese profitierten von privilegierten Einwanderungsbedingungen als Folge des britischen Staatsbürgerschaftsrechts. [1] Bis Mitte der 1960er Jahre war Einwanderung ein Phänomen, das sich an den Bedürfnissen des Marktes orientierte und von einem imperialistischen Verständnis von Staatsbürgerschaft unterstützt wurde: Alle Menschen, die innerhalb der Grenzen des britischen Imperiums geboren wurden, waren britische Staatsangehörige und durften als solche bis 1962 in das Vereinigte Königreich einreisen.

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Hintergrundinformationen

Vereinigtes Königreich

Hauptstadt: London
Amtssprachen: Englisch und andere anerkannte Regionalsprachen
Fläche: 242.900 km2 (England, Schottland, Wales und Nordirland)
Bevölkerung (2012): 63.705.000
Bevölkerungsdichte: 262 Einw./km2
Bevölkerungswachstum (2012): +0,7%
Anteil der im Ausland geborene Bevölkerung an der Gesamtbevölkerung (2010): 12,9%
Anteil der "sichtbaren Minderheiten" an der Gesamtbevölkerung (England/Wales 2011): 14,0%
Erwerbsquote (2012): 62,1%
Anteil im Ausland geborener Erwerbstätiger an der Erwerbsbevölkerung (2012): 13,6%
Arbeitslosenquote: 7,8% (2010); 8,0% (2011); 7,9% (2012)
Religionen (2011): Christen 59,3%, Muslime 4,8%, Hindus 1,5%, Sikhs 0,75%, Andere 4,3%, Konfessionslose 25,1%, nicht angegeben 7,2%
Von Beginn der 1970er bis zu den 1990er Jahren verlief die Einwanderung weitgehend nach dem gleichem Muster: Die Mehrzahl der Einwanderer kam aus Gründen der Familienzusammenführung ins Land. Außerdem nahm die Zahl der Einwanderer zu, die bis dahin keinen Bezug zum Vereinigten Königreich gehabt hatten, deren Migration (auch "primary migration" genannt) also nicht im Kontext der britischen Kolonialgeschichte stand. Dennoch lag der jährliche Wanderungssaldo in den 1970er und 1980er Jahren bis auf wenige Ausnahmen im negativen Bereich; es wanderten also mehr Menschen ab als zu. Dies war seit 1994 nicht mehr der Fall. Aktuell liegt der Wanderungssaldo bei 175.000 Personen. Dies hat zur Folge, dass das Thema Einwanderung zunehmend Bedeutung in politischen Debatten erlangt. Es gibt einige Hinweise darauf, dass dies zu einer Neuausrichtung der Parteienlandschaft führen könnte.

Einwanderung – Ein viel diskutiertes Thema

Hochphasen der Einwanderung haben seit Ende des Zweiten Weltkrieges regelmäßig Hysterie in der Presse, eine feindselig gestimmte Öffentlichkeit, und die Politisierung des Themas durch die Parteien hervorgerufen. Meinungsumfragen ergeben regelmäßig, dass Einwanderung für die britische Öffentlichkeit eines der wichtigsten Probleme darstellt. [2] Die Gründe, weshalb Einwanderer als problematisch wahrgenommen werden, sind bereits seit Jahrzehnten diesselben: Migranten sind Konkurrenz um knappe Arbeitsplätze, Wohnungen und soziale Dienste. Darüber hinaus drohen sie die Beschaffenheit der Gesellschaft gegen den Willen derer, die ihr angehören, zu verändern.

Neben diesen bereits bekannten Vorbehalten bringen Einwanderungsgegner neuerdings einige neue Klagen vor: Zum einen untergrabe Einwanderung die gesellschaftliche Solidarität und somit den Sozialstaat; zum anderen mangele es den älteren Einwanderern, aber vor allem auch ihren Kindern, an ausreichender Identifikation mit dem Vereinigten Königreich und den britischen Werten. Darüber hinaus führe die Einwanderung von Niedrigqualifizierten zu Lohndumping und schränke die Möglichkeiten der ärmsten Einwohner des Vereinigten Königreichs ein.

Gleichzeitig verfügt das Vereinigte Königreich jedoch über die weitreichendsten politischen und rechtlichen Rahmenbedingungen im Kampf gegen Diskriminierung aufgrund von ethnischer Zugehörigkeit. Sowohl die Regierung als auch die öffentlichen Institutionen und die Medien treffen auf offizieller und inoffizieller Ebene Maßnahmen, um sicherzustellen, dass "sichtbare Minderheiten" repräsentiert werden.

Diverse Ereignisse seit Mitte der 1990er Jahre haben die Zuversicht unterlaufen, dass das Vereinigte Königreich mit seiner multikulturellen Politik in der Lage ist, "sichtbare Minderheiten" zu integrieren. Im Jahr 2001 kam es zwischen Gruppen von asiatischen und "weißen" Jugendlichen in nordenglischen Städten zu gewalttätigen Auseinandersetzungen; im Juli 2005 verübten vier britische Muslime Selbstmordanschläge in London, vier Weitere scheiterten bei einem ähnlichen Attentatsversuch, da die von ihnen platzierten Bomben nicht detonierten; im Oktober 2005 gab es in Birmingham Ausschreitungen zwischen asiatischen und schwarzen Bevölkerungsgruppen. In den späten 2000er Jahren stand zum ersten Mal seit den frühen Nachkriegsjahren die europäische Migration im Fokus kontroverser Debatten und einer ablehnenden Haltung Einwanderern gegenüber. Dabei ging es um Staatsangehörige der neuen osteuropäischen EU-Mitgliedstaaten, insbesondere Polen, die im Anschluss an die EU-Erweiterung im Jahr 2004 ins Vereinigte Königreich kamen.

Veränderungen seit Mitte der 1990er Jahre

Ende der 1990er Jahre stieg die Zahl der Asylanträge auf Basis der UN-Konvention aus dem Jahre 1951 stark an. Waren zwischen 1991 und 1998 jährlich zwischen 22.000 und 46.000 Asylanträge eingereicht worden, so waren es im Jahr 2002 mehr als 84.000 Anträge. Einschränkungen des Asylrechts haben seither zu einem deutlichen Rückgang der Asylantragszahl geführt; im Jahr 2011 wurden nur 19.865 Asylanträge eingereicht. Seitdem ist die Zahl der Asylanträge wieder leicht gestiegen auf 21.843 im Jahr 2012 und 23.507 2013.

Seit Mitte der 1990er Jahre steigt die Zahl qualifizierter Migranten und das Vereinigte Königreich konnte ab 2002 Rekordzahlen hinsichtlich der Vergabe von Arbeitserlaubnissen vermelden. Als Folge der Arbeitsmarktzulassung für Bürger der A8-Länder (Länder, die der EU im Jahre 2004 beigetreten sind, ausgenommen Malta und Zypern), kam es seit 2004 zu einem drastischen und beispiellosen Anstieg der Einwanderung in das Vereinigte Königreich.

Trotz diverser Versprechen der 2010 an die Macht gewählten Regierungskoalition aus Konservativen und Liberaldemokraten, die Einwanderung ins Vereinigte Königreich zu senken, bleibt die Nettomigration hoch. 2012 lag sie bei 175.000, 2013 sogar bei 243.000 Personen. [3] Diese Neuankömmlinge erreichen das Vereinigte Königreich zu einem Zeitpunkt, zu dem es noch nicht gelungen ist, sämtliche Herausforderungen vorheriger Einwanderungshochphasen seit Ende des Zweiten Weltkrieges vollständig zu meistern. Dieses Länderprofil zeichnet die Geschichte der Einwanderung nach, wirft einen Blick auf den britischen Ansatz zur Einwandererintegration und befasst sich mit der aktuellen, sehr umstrittenen Migrationspolitik des Landes.

Dieser Text ist Teil des Länderprofils Vereinigtes Königreich.

Fußnoten

1.
Hansen (2000).
2.
Ipsos MORI (2007).
3.
Office for National Statistics [Nationale Statistikbehörde] (2014).
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Autor: Randall Hansen für bpb.de
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