Eine Frau geht an einer Weltkarte, die aus Kinderporträts besteht, am Freitag (18.06.2010) im JuniorMuseum in Köln vorbei.

12.2.2015 | Von:
Katharina Schilling

Auswanderung

Südafrika zieht seit jeher Einwanderer an. Insbesondere Migranten aus der Region südliches Afrika kommen auf der Suche nach Arbeit in das wirtschaftlich aufstrebende Land. Andererseits verlassen aber auch viele Südafrikaner ihre Heimat, darunter hochqualifizierte Fachkräfte, die sich im Ausland bessere Zukunftsperspektiven erhoffen.

Demonstration gegen die Apartheid in Südafrika in London 1985: Einen Höhepunkt erreichten die Emigrationen 1977, als über 25.000 Menschen das Land verließen. Darunter waren viele schwarze politische Aktivisten, die aus dem Exil gegen die südafrikanische Regierung arbeiteten.Demonstration gegen die Apartheid in Südafrika in London 1985: Einen Höhepunkt erreichten die Emigrationen 1977, als über 25.000 Menschen das Land verließen. Darunter waren viele schwarze politische Aktivisten, die aus dem Exil gegen die südafrikanische Regierung arbeiteten. (© picture-alliance/dpa)

Seit etwa 20 Jahren ist die Nettomigration negativ, das heißt, es wandern mehr Menschen aus als nach Südafrika ein. Insbesondere die Auswanderung hochqualifizierter Arbeitskräfte stellt das Land vor massive Probleme.

Historisch wurden größere Auswanderungsbewegungen aus Südafrika meist durch politische und gesellschaftliche Umbrüche ausgelöst. Die erste größere Auswanderungsbewegung fand nach dem Sieg der Partei der Afrikaaner bei den Parlamentswahlen im Jahr 1948 statt, als viele britischstämmige Bürger des Landes – auch Anglos genannt – die britische Vorherrschaft in Gefahr sahen und emigrierten. In den 1960er und 1970er Jahren mehrten sich die Proteste gegen die weiße Bevölkerung und die diskriminierende Apartheidpolitik. Ihre gewaltsame Niederschlagung und die sich entwickelnden bürgerkriegsähnlichen Zustände veranlassten sehr viele Menschen, ihre südafrikanische Heimat zu verlassen (vgl. Abbildung 5). Einen Höhepunkt erreichten diese Emigrationen 1977, als über 25.000 Menschen das Land verließen. Darunter waren viele schwarze politische Aktivisten, die aus dem Exil gegen die südafrikanische Regierung arbeiteten. Es verließen aber auch viele Anglos das Land, um beispielsweise dem Militärdienst zu entgehen. Von 1989 bis 1997 emigrierten Schätzungen zufolge rund 233.000 Südafrikaner nach Australien, Kanada, Neuseeland, Großbritannien und in die USA.[1]

Der aufkommende Optimismus zum Ende der Apartheid wich schnell der Erkenntnis, dass die Nachwirkungen des menschenverachtenden Systems die Gesellschaft weiter spalten würden und rief weitere Migrationen hervor. Erstmals war auch eine signifikante Zahl an Nachkommen der niederländischen Siedler der ehemaligen Kapkolonie – Afrikaaner genannt – unter den Emigrierenden. Seit dem Ende der Apartheid nimmt die Auswanderung, vor allem in Form von Arbeitsmigration, weiter zu. Dies zeigt sich auch an der negativen Nettomigration des Landes. Sie lag im Zeitraum 2000 bis 2003 bei -18.982. Die genaue Zahl der Auswanderungen ist allerdings nur schwer zu erfassen, da keine Pflicht zur Abmeldung bei den Behörden besteht. Am Flughafen wird nur die freiwillige Angabe zum Hintergrund der Ausreise aufgenommen. Daher wird in Abbildung 5 von "selbsterklärten Auswanderern" gesprochen. Nach Schätzungen leben eineinhalb bis zwei Prozent der südafrikanischen Bevölkerung außerhalb des Landes.[2]

Abbildung 5: Einwanderung und Auswanderung 1965-2003Abbildung 5: Einwanderung und Auswanderung 1965-2003 (© bpb)

Abwanderungsgründe und Zielländer

Die Gründe und Motivationen der Auswanderer sind vielfältig. Wirtschaftliche, gesellschaftliche und politische Unsicherheiten, vor allem nach dem Ende der Apartheid, bewegen sie zum Gehen. Hierzu gehören die schlechte Arbeitsmarktlage, steigende Arbeitslosigkeit und Armut, eine Zunahme an Gewalt und Kriminalität, aber auch eine allgemeine Verschlechterung der Lebensbedingungen, etwa durch gestiegene Lebenshaltungskosten und Steuern, den schlechten Zustand der Gesundheitsversorgung und des Bildungssystems sowie vermehrte Fremdenfeindlichkeit.

Viele südafrikanische Emigranten erhoffen sich im Ausland bessere Zukunftsaussichten sowie mehr Sicherheit und Stabilität. Eine anziehende Wirkung haben ebenso bessere Arbeitsbedingungen und höhere Löhne. Dabei spielen auch Anwerbeprogramme bestimmter Zielländer eine Rolle, die damit einem Fachkräftemangel in bestimmten Beschäftigungsbereichen begegnen wollen.[3]

Der Großteil (75 Prozent) südafrikanischer Emigranten verteilt sich auf fünf Zielländer: Großbritannien, Australien, Neuseeland, Kanada und die USA. Diese sogenannten ›Big Five‹ stehen zumeist in langen Migrationsbeziehungen mit Südafrika und weisen alle nennenswerte südafrikanische Migrantencommunities auf. Die Wahl der Zielländer wird von verschiedenen Faktoren beeinflusst. Die sprachliche und kulturelle Nähe liegt bei den ›Big Five‹ auf der Hand. Eine beachtliche Rolle spielen auch Kontakte zu bereits Ausgewanderten, die beispielsweise Informationen über das Land vermitteln können oder bei der Suche nach einem Arbeitsplatz behilflich sind. Aber auch gesetzliche Bestimmungen der jeweiligen Länder beeinflussen das Migrationsgeschehen maßgeblich, da sie die Einwanderung erschweren oder erleichtern können.[4]

Braindrain

Südafrika ist wie viele andere Länder im Globalen Süden zunehmend von der Auswanderung hochqualifizierter Arbeitskräfte betroffen. Dies betrifft vor allem den Gesundheitssektor, der sich seit dem Ende der Apartheid in einem beachtlichen Transformationsprozess befindet. Neben den schon erläuterten Auswanderungsgründen kommen hier unter anderem noch besonders schwierige Arbeitsbedingungen, eine geringere Bezahlung als im Ausland und die immense Konfrontation mit Krankheiten wie HIV/AIDS hinzu. Allein in Großbritannien gaben 5.305 (zwei Prozent) der dort im Oktober 2014 insgesamt 267.323 registrierten Ärzte an, in Südafrika ausgebildet worden zu sein.[5]

Die Abwanderung von Fachkräften wird auch als Braindrain bezeichnet. Dieser führt kurzfristig zum Verlust von Humankapital und finanziellen Ressourcen, die in die Ausbildung der abwandernden Fachkräfte investiert wurden. Längerfristig werden die wirtschaftliche und soziale Entwicklung des Landes gefährdet. Die südafrikanischen Arbeitgeber reagieren auf diesen Braindrain ihrerseits mit der Anwerbung von Fachkräften aus dem Ausland (siehe oben). Diese kommen häufig aus den Nachbarländern, sodass sich das Phänomen des Braindrains auf die gesamte südafrikanische Region ausdehnt. Nachdem die Problematik des Braindrain in Südafrika lange unterschätzt wurde, gibt es nun von politischer Seite drei Strategien, dem entgegenzuwirken: erstens werden Anreize zum Bleiben geschaffen – beispielsweise durch die Verbesserung von Arbeitsbedingungen, zweitens wird die Anwerbung von ausländischen Fachkräften erleichtert und drittens bestehen Versuche, bereits Ausgewanderte zur Rückkehr zu motivieren.[6]

Die Auswanderung – insbesondere die der Hochqualifizierten – wird Südafrika zukünftig vor bedeutende Herausforderungen stellen. Entsprechend stellt sich die Frage, wie Südafrika dem Fachkräftemangel entgegensteuern, seine vorhandenen menschlichen Ressourcen besser nutzen und in die Entwicklung des Landes investieren kann.

Dieser Text ist Teil des Länderprofils Südafrika.

Fußnoten

1.
Myburgh (2004), S. 141; Segatti/Landau (2011), S. 72.
2.
Lucas et al. (2006); Segatti/Landau (2011), S. 72; Louw/Mersham (2001).
3.
Myburgh (2004); Lucas (2006); Adepoju (2003).
4.
Bhorat et al. (2002); Brown et al. (2001); Lucas et al. (2006); Bhorat et al. (2002).
5.
General Medical Council (2014).
6.
Crush et al. (2005); Bezuidenhout et al. (2009); Grant (2006); Ellis/Segatti (2011); OECD (2004).

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