Eine Frau geht an einer Weltkarte, die aus Kinderporträts besteht, am Freitag (18.06.2010) im JuniorMuseum in Köln vorbei.

17.11.2015 | Von:
Heinz Fassmann

Migration nach Österreich: Aktuelle Entwicklungen und künftige Herausforderungen

Österreich erlebt eine Rekordzuwanderung. Grund für diese Entwicklung ist die Zuwanderung von Arbeitskräften aus den EU-Mitgliedstaaten sowie von Menschen, die Asyl suchen. Die Integration dieser Zuwanderer ist eine Herausforderung, der sich das Land stellen muss.

Flüchtlinge warten auf ihre Weiterfahrt an der österreichischen Grenze in Nickelsdorf im Burgenland. Ihre Zahl wird vorraussichtlich nicht abebben. Eine einigermaßen realistische Prognose muss davon ausgehen, dass die politischen und kriegerischen Konflikte im Nahen Osten, in der Ukraine und im Kaukasus für eine nennenswerte Asylzuwanderung auch in den kommenden Jahren sorgen werden.Flüchtlinge warten auf ihre Weiterfahrt an der österreichischen Grenze in Nickelsdorf im Burgenland. Ihre Zahl wird vorraussichtlich nicht abebben. Eine einigermaßen realistische Prognose muss davon ausgehen, dass die politischen und kriegerischen Konflikte im Nahen Osten, in der Ukraine und im Kaukasus für eine nennenswerte Asylzuwanderung auch in den kommenden Jahren sorgen werden. (© picture-alliance/dpa)

Die aktuelle Entwicklung (2010-2015) in Österreich ist durch eine stetige Zunahme der Zuwanderung gekennzeichnet. Seit 2010 wanderten 700.000 Menschen nach Österreich ein, zieht man die Zahl der Abwanderer davon ab, so ergibt sich eine Nettozuwanderung von +222.000 Personen. Der positive Zuwanderungssaldo 2014 betrug +72.000 und wird 2015 mit Sicherheit nochmals übertroffen werden. Österreich erlebt eine Rekordzuwanderung, vergleichbar mit der Zuwanderung in der ersten Hälfte der 1990er Jahre.

Treiber dieser Entwicklung sind die Arbeitsmigration aus den EU-Mitgliedstaaten, insbesondere aus Ungarn, Rumänien und Polen, die Zuwanderung von Studierenden, insbesondere aus Deutschland, und die Flüchtlingswanderung. Letztere explodierte förmlich im Jahr 2015. Kriegsflüchtlinge aus Syrien, dem Irak und Afghanistan, die in Griechenland in die EU einreisen und dann über Mazedonien, Serbien und Ungarn nach Österreich und Deutschland weiterwandern, lassen die Zahlen rasch ansteigen. Eine einigermaßen realistische Prognose muss davon ausgehen, dass die politischen und kriegerischen Konflikte im Nahen Osten, in der Ukraine und im Kaukasus für eine nennenswerte Asylzuwanderung auch in den kommenden Jahren sorgen werden.

Die Rekordzuwanderung der vergangenen Jahre stellt Österreich vor erhebliche Herausforderungen. Das sich schlagartig eingestellte Bevölkerungswachstum erfordert eine Wohnbauoffensive, die rasch zu neuen und kostengünstigen Wohnungen führen muss, die Kapazitäten in den Bereichen Kindergarten und Schule müssen ausgeweitet werden und Maßnahmen der Nachqualifikation werden notwendig sein, um die Kriegsflüchtlinge, die wahrscheinlich länger in Österreich bleiben, in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Dazu müssen in erheblichem Maße öffentliche Mittel aufgewendet werden. Das ist einer der Gründe, warum die hohe Asylzuwanderung von Teilen der Politik und Zivilgesellschaft negativ betrachtet wird. Die anderen Gründe liegen im erkennbaren Kontrollverlust des Nationalstaates, der sich an der Grenze nicht durchsetzen kann und dessen Ordnungsbemühungen von Flüchtlingen, die unkontrolliert einreisen, zunichte gemacht wird. Die darüber berichtenden Bilder in den Medien verunsichern die Bevölkerung in einem erheblichen Ausmaß. Dazu kommt die Beobachtung, wonach die Flüchtlinge aus den Krisen- und Kriegsgebieten mehrheitlich muslimisch sind, was die Furcht vor Kulturkonflikten und die Rückkehr in eine vorsäkulare Zeit verstärkt.

Mit Ernsthaftigkeit kann die Situation aber auch gemeistert werden. Dafür erforderlich sind aber eine Rückkehr zu einer kontrollierten und einigermaßen planbaren Zuwanderung und die Einrichtung von Qualifizierungs- und Integrationsmaßnahmen. Österreich steht vor erheblichen demographischen Herausforderungen. Der Übertritt der Baby-Boom Generation in den Ruhestand ist von einer weitaus kleineren Kohorte von den Arbeitsmarkt erstmals betretenden jungen Menschen begleitet. Dies stellt nicht nur die Wirtschaft, sondern auch die Sozialsysteme vor Probleme, da immer mehr Leistungsempfänger immer weniger Leistungserbringern (d.h. Einzahlern) gegenüberstehen werden. Die Integration sowohl von Neuzugewanderten als auch bereits seit längerem ansässigen Migranten kann diesen erwartbaren Knick des Arbeitskräfteangebots ausgleichen. Vor diesem Hintergrund werden vielleicht auch die aktuell zuwandernden Kriegsflüchtlinge zukünftig als willkommenes Reservoir betrachtet werden, um die Lücken auf dem Arbeitsmarkt zu schließen.

Dieser Text ist Teil des Länderprofils Österreich.

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