Eine Frau geht an einer Weltkarte, die aus Kinderporträts besteht, am Freitag (18.06.2010) im JuniorMuseum in Köln vorbei.

30.11.2015 | Von:
Benjamin Etzold
Bishawjit Mallick

Bangladesch auf einen Blick

Bangladesch hat in den vergangenen Jahren große Entwicklungsfortschritte gemacht. Dennoch zählt es immer noch zu den ärmsten Ländern in Südasien. Reichtum und Einkommen sind in der Bevölkerung sehr ungleich verteilt. Zugleich bedrohen die Auswirkungen des Klimawandels die Existenzgrundlage vieler Menschen.

Hundertausende Migranten verlassen Bangladesch jedes Jahr, um in den Staaten am arabischen Golf oder in Städten Südostasiens zu arbeiten. Hier warten Arbeitsmigranten am internationalen Flughafen von Dhaka auf ihren Abflug.Hundertausende Migranten verlassen Bangladesch jedes Jahr, um in den Staaten am arabischen Golf oder in Städten Südostasiens zu arbeiten. Hier warten Arbeitsmigranten am internationalen Flughafen von Dhaka auf ihren Abflug. (© Benjamin Etzold)

Bangladesch ist ein Land mit einer Bevölkerung von 161 Millionen Menschen, das im Herzen des Ganges-Brahmaputra-Deltas in Südasien liegt. Die Volksrepublik Bangladesch wurde im Jahr 1971 gegründet, nachdem die Bengali sprechende Bevölkerung der zu der Zeit noch östlichen Provinz Pakistans für die Unabhängigkeit von Westpakistan gekämpft hatte. Das politische System ist eine Parlamentsdemokratie. Das politische Leben ist von tiefen Kluften zwischen den beiden größten Parteien (Bangladeschs Nationalistischer Partei und Bangladeschs Awami League) und einer extremen Politisierung der Wirtschaft und des öffentlichen Dienstes geprägt, die sich in Korruption und Vetternwirtschaft und in regelmäßigen Ausbrüchen politischer Gewalt zeigt. Seit die Awami League die Parlamentswahlen 2009 gewann, ist Sheikh Hasina Wazed die Regierungschefin.

In den vergangenen Jahren hat die Nation große Entwicklungsfortschritte gemacht. Der Zugang zu Bildung und zum Gesundheitswesen hat sich deutlich verbessert; die Lebenserwartung bei Geburt stieg innerhalb von zehn Jahren von 63 Jahren (2003) auf 71 Jahre (2013). Die Wirtschaft des Landes ist in den letzten drei Jahrzehnten jährlich zwischen vier und sechs Prozent gewachsen, insbesondere aufgrund einer wachsenden Dienstleistungsbranche und der zunehmenden Bedeutung des Landes als eine Produktionsstätte der internationalen Bekleidungsindustrie. 1984/85 exportierte Bangladesch Textilprodukte im Wert von 116 Millionen US-Dollar (12 Prozent aller Exporte, 0,5 Prozent des Bruttoinlandsproduktes); 2013/14 waren es bereits Waren im Wert von 25 Milliarden US-Dollar (81 Prozent aller Exporte, 17 Prozent des Bruttoinlandsproduktes).[1]

Bangladesch hat die Ränge der am wenigsten entwickelten Länder der Welt verlassen, bleibt aber weiterhin eines der ärmsten Länder in Südasien. Mit einem Bruttonationaleinkommen von 2.700 US-Dollar pro Kopf ist die Kaufkraft der Menschen in Bangladesch deutlich geringer als die in Indien oder Sri Lanka. Die Ungleichheit hinsichtlich der Verteilung von Reichtum und Einkommen bleibt markant. 43 Prozent der Bevölkerung haben weniger als 1,25 US-Dollar pro Tag zur Verfügung. Ein Drittel lebt unterhalb der nationalen Armutsgrenze. Jeder Fünfte leidet unter akuter Armut. Während 84 Prozent der Männer und 57 Prozent der Frauen im erwerbsfähigen Alter einer Arbeit nachgehen, arbeiten 85 Prozent unter prekären Bedingungen: Sie versuchen, ihren Lebensunterhalt mit unsicheren und informellen Jobs zu bestreiten. Kinderarbeit ist weit verbreitet. 13 Prozent aller Kinder zwischen fünf und 14 Jahren arbeiten und versuchen zum Familieneinkommen beizutragen. Obwohl Bangladesch seine landwirtschaftliche Produktion deutlich ausgebaut und es geschafft hat, das Millenniumsentwicklungsziel 1 (Millennium Development Goal, MDG 1) der Halbierung des Anteils der Bevölkerung, der an Video-Icon Hunger leidet, zu erreichen, sind chronische und zeitweise akute Ernährungsunsicherheit noch immer weit verbreitet: 16 Prozent der Gesamtbevölkerung und sogar vier von zehn Kindern unter fünf Jahre sind unterernährt. Hunger ist in Bangladesch immer noch ein Kennzeichen von Armut.[2]

In den vergangenen Jahren ist die Verwundbarkeit der Menschen in Bangladesch in den deutschen Medien aus zwei Gründen viel diskutiert worden: Erstens verloren bei dem Brand in der Bekleidungsfabrik Tazreen Fashion im Jahr 2012 und dem Einsturz der Textilfabrik Rana Plaza im Jahr 2013 1.200 Textilarbeiter, darunter überwiegend Frauen, ihr Leben. Beide Ereignisse legten die ausbeuterischen Arbeitsbedingungen in der globalen Textilindustrie offen. Zweitens gilt Bangladesch als eines der Länder, die am stärksten von den Auswirkungen des Klimawandels betroffen sind, weil sich dort regelmäßig Naturkatastrophen ereignen. Fast zweimal jährlich treffen tropische Wirbelstürme auf die Küstenregionen. Der Anstieg des Meeresspiegels und heftige Überschwemmungen tragen zur Erosion von Flussufern und dem Verlust von Ackerland bei. Anhaltende Hitzewellen verdeutlichen eine zunehmende Unbeständigkeit von Witterungsbedingungen. Sowohl Naturkatastrophen als auch schleichende Umweltveränderungen können das Leben und die Existenzgrundlage von Menschen in Bangladesch gefährden, die überwiegend von der Landwirtschaft leben. Und doch trotzen die Bangladescher harten Lebensumständen und meistern die vielen Herausforderungen, mit denen sie konfrontiert sind, überraschend gut. Sie haben gelernt, sich in Zeiten politischer Unruhen und wirtschaftlicher Unsicherheit schnell anzupassen. Migration spielt im Rahmen dieser Anpassungsstrategien und im täglichen Leben der Menschen in Bangladesch eine wichtige Rolle.

Seit den 1980er Jahren wurden die Migrationsmuster innerhalb und aus Bangladesch von drei grundlegenden Entwicklungen beeinflusst: erstens dem "Export" von Arbeitsmigranten, insbesondere in die Golfstaaten, und anschließenden internationalen Migrationen (siehe das Kapitel Internationale Migration aus Bangladesch); zweitens dem Aufstieg der bangladeschischen Bekleidungsindustrie, die Migrationen innerhalb des Landes und eine rasche Verstädterung hervorgerufen hat (siehe das Kapitel Verstädterung, Migrationssysteme in Bangladesch und translokale soziale Räume), und drittens die Zerstörung ländlicher Existenzen durch Naturkatastrophen und die Anpassungsstrategien von Menschen im Kontext des Klimawandels (siehe das Kapitel Klimawandel und Binnenmigration in Bangladesch ). Internationale Migration, temporäre Arbeitskräftemobilität innerhalb des Landes und translokale Systeme der Existenzsicherung, die im Laufe der Zeit entstanden sind, spielen eine wichtige Rolle für die Entwicklung des Landes und die zunehmende Widerstandsfähigkeit seiner Bevölkerung.

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Info

Bangladesch

Hauptstadt: Dhaka
Landessprache: Bengali
Fläche: 144.000 km2
Bevölkerung (2015, geschätzt)*: 161 Mio.
Bevölkerungsdichte (2015): 1.237 Personen/km2
Bevölkerungswachstumsrate (2010-2015): 1,2%
Erwerbsbevölkerung (2010, wirtschaftlich aktive Bevölkerung älter als 15 Jahre)**: 56,7 Mio.
Arbeitslosenquote (2010): 4,5%
Religionen: Muslime 89,5%, Hindus 9,6%, andere 0,9%
Migranten bangladeschischer Herkunft im Ausland***: 7,8 Mio.
Migranten ausländischer Herkunft in Bangladesch: 1,4 Mio.

* Quelle für Bevölkerungsdaten: UN (2015).
** Quelle für Arbeitsmarktdaten: BBS (2011).
*** Quelle für internationale Migrationsdaten: UN (2013).


Dieser Text ist Teil des Länderprofils Bangladesch.


Fußnoten

1.
Nach Daten der Gesellschaft der Bekleidungshersteller und -exporteure Bangladesch (Bangladesch Garment Manufacturers and Exporters Association), http://www.bgmea.com.bd/chart/total_product_export#.VY0ackY71LE (Zugriff: 21.5.2015).
2.
Daten für 2013, UNDP (2014), FAO (2015).
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Autoren: Benjamin Etzold, Bishawjit Mallick für bpb.de
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