Eine Frau geht an einer Weltkarte, die aus Kinderporträts besteht, am Freitag (18.06.2010) im JuniorMuseum in Köln vorbei.

Die vielen Gesichter der Migration in der Europäischen Union


30.9.2015
Die heutige Einwanderungssituation in den EU-Mitgliedstaaten ist von großer Heterogenität gekennzeichnet. Dies zeigt sich auf den ersten Blick in den unterschiedlichen Wanderungssalden, das heißt der Differenz von Zuzügen und Fortzügen.

Straße mit türkischen Läden in MannheimStraße mit türkischen Läden in Mannheim. Die geographische Herkunft der größten Zuwanderergruppen variiert beträchtlich zwischen den Mitgliedstaaten. So zählen türkische Staatsangehörige z.B. in Deutschland, Dänemark und den Niederlanden zu den größten Ausländergruppen. (© picture-alliance/dpa)
Aus Daten des Europäischen Statistischen Amts (Eurostat) geht hervor, dass im Jahr 2013 16 EU-Mitgliedstaaten positive Wanderungssalden verzeichneten, die Zuwanderung also die Abwanderung überstieg. Bulgarien, Irland, Griechenland, Kroatien, Zypern, Polen, Portugal, Rumänien und die drei baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen registrierten dagegen mehr Abwanderer als Zuwanderer. Sie wiesen also eine negative Wanderungsbilanz auf.

Der Anteil der ausländischen Bevölkerung in den EU-Mitgliedstaaten reicht von weniger als 1 Prozent der Gesamtbevölkerung (Polen, Rumänien, Kroatien, Litauen) bis zu mehr als 45 Prozent (Luxemburg). In den meisten Ländern beträgt der Ausländeranteil jedoch zwischen drei Prozent und zwölf Prozent der Gesamtbevölkerung (siehe Abbildung 2). In sämtlichen Mitgliedstaaten der EU – mit Ausnahme von Luxemburg, Belgien, Irland, Malta, den Niederlanden, der Slowakei, Ungarn, dem Vereinigten Königreich und Zypern – wird die Mehrheit der ausländischen Bevölkerung von sogenannten Drittstaatsangehörigen, d.h. Nicht-EU-Staatsbürgern, gestellt.

Nicht nur quantitativ unterscheiden sich die Einwanderungssituationen in den verschiedenen EU-Staaten deutlich. Starke Unterschiede bestehen auch hinsichtlich der rechtlichen Kategorien, aufgrund derer die Zuwanderung erfolgt und Aufenthaltserlaubnisse ausgestellt werden.[1] So dominiert in einigen Ländern die Arbeitsmigration (z.B. in Polen, Tschechien, Dänemark und Zypern), während in den meisten sonstigen Staaten die Familienzusammenführung die stärkste Einwanderungskategorie stellt (z.B. in Belgien, Österreich, und Schweden). Demgegenüber wird Einwanderung zu (Aus-)Bildungszwecken in einigen Mitgliedstaaten immer bedeutender. In Irland und dem Vereinigten Königreich beispielsweise wurden in den Jahren 2011–2013 deutlich mehr Aufenthaltserlaubnisse zu Bildungs- als zu Erwerbszwecken oder zur Familienzusammenführung ausgestellt.
Abbildung 1: Nettomigrationsraten in den EU-Mitgliedstaaten 2014Abbildung 1: Nettomigrationsraten in den EU-Mitgliedstaaten 2014. Quelle: Eurostat. (PDF-Icon Grafik zum Download, 58 KB) Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)

Die geographische Herkunft der größten Zuwanderergruppen variiert ebenfalls beträchtlich zwischen den Mitgliedstaaten und spiegelt in erster Linie historische Erfahrungen und geographische Nachbarschaft wider. So zählen türkische Staatsangehörige z.B. in Deutschland, Dänemark und den Niederlanden zu den größten Ausländergruppen. Diese Staaten hatten in den 1960er und frühen 1970er Jahren aktiv Arbeitsmigranten aus der Türkei angeworben. Hingegen sind Bürger der früheren Kolonien in Portugal (Kap Verde, Brasilien und Angola) und in Spanien (Ecuador und Marokko) sehr zahlreich vertreten. Aus historischen Gründen und geographischer Nähe stellen Zuwanderer aus Albanien in Griechenland, Bürger aus anderen Teilen des früheren Jugoslawiens in Slowenien, tschechische Bürger in der Slowakei und Bürger aus der früheren Sowjetunion in Estland, Lettland und Litauen die überwiegende Mehrheit der Ausländer im jeweiligen Land. Auch rechtliche Bestimmungen können sich auf die Zusammensetzung der Zuwandererbevölkerung in einem Land auswirken. Da Irland, das Vereinigte Königreich und Schweden ihre Grenzen 2004 unmittelbar für Staatsangehörige der neuen osteuropäischen EU-Mitgliedsländer öffneten, wuchs in der Folge in diesen Staaten die Zuwandererbevölkerung insbesondere aus Polen stark an. Rumänische Staatsangehörige dominieren hingegen – nicht zuletzt aufgrund sprachlicher Verwandtschaft – in Spanien und Italien. Beide Länder hatten nach dem EU-Beitritt Rumäniens und Bulgariens 2007 (zunächst) keine Übergangsfristen verhängt.
Abbildung 2: Ausländeranteil an der Gesamtbevölkerung der EU-Mitgliedstaaten am 1. Januar 2014, in ProzentAbbildung 2: Ausländeranteil an der Gesamtbevölkerung der EU-Mitgliedstaaten am 1. Januar 2014, in Prozent Quelle: Eurostat. (PDF-Icon Grafik zum Download, 63 KB) Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)

Eine zunehmende Rolle in den politischen Debatten spielt schließlich der Qualifikationsgrad der Zuwanderer. Mittlerweile sind alle westlichen Staaten bestrebt, die Anzahl derjenigen mit guter Ausbildung bzw. Hochschulabschluss unter ihren Zuwanderern zu erhöhen. Einige EU-Mitgliedsländer haben dies durch die Erleichterung von Zuwanderungsmöglichkeiten für Hochqualifizierte auch geschafft. Während beispielsweise in Deutschland der Anteil der Hochqualifizierten an allen Zuwanderern in den 1990er Jahren nur rund ein Prozent betrug, stieg er bis 2011 auf rund elf Prozent.[2] Insgesamt verfügten 2012 in der EU 26 Prozent aller beschäftigten Drittstaatsangehörigen über einen Hochschulabschluss. Der Anteil Hochqualifizierter an allen beschäftigten Drittstaatsangehörigen war dabei in Luxemburg und dem Vereinigten Königreich (jeweils 53 Prozent) besonders hoch.[3] In den meisten Mitgliedstaaten dominiert jedoch weiterhin die Zuwanderung von Geringqualifizierten.

Dieser Text ist Teil des Länderprofils Europäische Union.
Das Länderprofil Europäische Union wurde im Sommer 2015 von der Redaktion von focus Migration aktualisiert.


Fußnoten

1.
Vgl. hierfür die Country Fact Sheets des Europäischen Migrationsnetzwerks (EMN) für die Jahre 2011-2013: http://ec.europa.eu/dgs/home-affairs/what-we-do/networks/european_migration_network/reports/factsheets/results/index_en.htm (Zugriff: 16.7.2015).
2.
Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (2012); González et al. (2013).
3.
European Commission (2013).
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Autor: Sandra Lavenex für bpb.de
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