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1.4.2009 | Von:
Ahmet İçduygu und Deniz Sert

Historische Entwicklungen von Ein- und Auswanderung

Die Türkische Republik trat die Nachfolge des Osmanischen Reiches an, nachdem dieses nach Ende des Ersten Weltkriegs von den alliierten Siegermächten aufgeteilt worden war.

1923 bis 1960er Jahre: Errichtung des türkischen Nationalstaates

Die Auflösung des Osmanischen Reiches begann mit der jungtürkischen Revolution, durch die die Aufhebung des osmanischen Parlaments durch Sultan Abdul Hamid II. abgewendet wurde und mit der die zweite konstitutionelle Ära einsetzte. Diese Ära endete 1919 mit besagter Teilung, welche die türkische Bewegung für nationale Unabhängigkeit unter der Führung von Mustafa Kemal Atatürk beflügelte. Es folgte der Unabhängigkeitskrieg, der 1923 durch den Vertrag von Lausanne und die Gründung der Republik beendet wurde.

In den ersten Jahren der neuen Republik Türkei zeichneten sich zwei parallel verlaufende internationale Migrationsbewegungen ab: einerseits massenhafte Abwanderungen von nicht-muslimischen Bevölkerungsteilen (z. B. griechisch-orthodoxer Christen nach Griechenland), andererseits der Zustrom von türkisch-muslimischer Bevölkerung aus Gebieten des ehemaligen Osmanischen Reiches, die durch die neuen Grenzen außerhalb der Republik lagen (insbesondere der Balkan). Nicht nur in der Türkei haben Strategien zur Formierung eines Nationalbewusstseins internationale Wanderungsbewegungen ausgelöst; die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts ist nachhaltig geprägt durch die Formierung von Staaten und Nationen und damit einhergehend von beträchtlichen Wellen erzwungener Migration und Deportationen. [1] Somit stellen diese ersten Bevölkerungstransfers das Resultat von Unabhängigkeitsbewegungen und Anstrengungen zur Förderung eines Nationalbewusstseins dar, welches von den neuen Staaten ausging, die aus dem Osmanischen Reich hervorgingen. Diese Entwicklung setzte mit den Balkan-Kriegen von 1912/13 ein, die in Massenabwanderungen muslimischer Bevölkerung vom Balkan nach Anatolien und dem Exodus von Christen in umgekehrter Richtung endeten. In diesem Kontext ist auf zwei Bewegungen besonders hinzuweisen: die Deportation von Armeniern 1915/16, die zahlreiche Armenier in Anatolien das Leben kostete, sowie der Bevölkerungsaustausch zwischen der Türkei und Griechenland 1922/23, durch den große Teile der christlichen Bevölkerung Anatoliens gegen Muslime aus dem westlichen Thrakien ausgetauscht wurden.

Muslimische und nicht-muslimische Bevölkerung in der Türkei,
1914 - 2005 (in Tsd.)
Jahr191419271945196519902005
Muslime12.94113.29018.51131.13956.86071.997
Griechisch-Orthodoxe15491101047683
Armenier12047760646750
Juden1288277382927
Andere1767138745045
Gesamt15.99713.63018.79031.39157.00572.120
Anteil der Nicht-Muslime in %19,12,51,50,80,30,2
Quellen: Von 1914 bis 1965 Auszüge aus osmanischen und türkischen Volkszählungen und Statistiken; von 1990 bis 2005 Einschätzungen der Vorgesetzten dieser gemeinden auf Anfrage des Autors

In den letzten Tagen des Osmanischen Reiches und in den ersten 20 Jahren nach Gründung der Türkischen Republik wurden die nicht-muslimischen Bevölkerungsminderheiten aus dem Land vertrieben, eine Vielzahl wanderte in verschiedene Länder der Welt aus. Zur Veranschaulichung: die Zahl der orthodoxen Christen, die in der Türkei lebten, sank von 1914 bis 1945 von 1,5 Millionen auf 104.000, wobei der Großteil der orthodoxen Christen vermutlich nach Griechenland zog (siehe Tabelle). Ebenso nahm der Anteil der armenischen Bevölkerungsgruppe von 1,2 Millionen Menschen im Jahr 1914 bis auf 60.000 Menschen im Jahr 1945 ab (siehe ebenfalls Tabelle). Nach und nach erreichte eine Vielzahl von Muslimen verschiedener ethnischer Zugehörigkeit aus dem Balkan die Türkei. So wanderten zwischen 1923 und 1939 etwa 400.000 Muslime aus Griechenland aus und in die Türkei ein. In Folge dieses ethnischen Homogenisierungsprozesses veränderte sich die demografische Bevölkerungsstruktur der Republik wesentlich: Der prozentuale Bevölkerungsanteil der Nicht-Muslime fiel von 19 % vor Beginn des Ersten Weltkrieges bis auf 2,5 % nach Ende des Ersten Weltkrieges. Machten in den 1920er Jahren Nicht-Muslime noch etwa 3 % der Gesamtbevölkerung der Türkei aus, so sank ihre Zahl bis 2005 auf unter 0,2 % (siehe Tabelle).

Zur gleichen Zeit wurden der Zuwanderung und Integration von türkisch sprechenden muslimischen Zuwanderern Priorität eingeräumt, ebenso wie Angehörigen ethnischer Gruppen, welche sich mutmaßlich ohne Schwierigkeit der türkischen Identität anpassen würden – wie beispielsweise Bosnier, Tscherkessen, Pomaken und Tartaren. [2] Seit Gründung der Republik im Jahr 1923 kamen bis 1997 über 1,6 Millionen solcher Zuwanderer in die Türkei, ließen sich dort nieder und wurden bereitwillig von der Gesellschaft angenommen.

Die frühen Jahre der Türkischen Republik waren eine Zeit der Homogenisierung der Bevölkerung innerhalb ihrer eigenen Grenzen hin zu einer türkisch-muslimischen Identität. Dieser Prozess wurde durch die Gesetzgebung in den frühen 1930er Jahren gefestigt. Das Gesetz zur Ansiedlung (Law on Settlement) aus dem Jahr 1934 ist das Herzstück dieser Gesetzgebung, welches die konservative Staatsphilosophie selbst bis zum heutigen Tage erhält. Das Gesetz definiert, wer einwandern, sich ansiedeln und einen Flüchtlingsstatus erlangen kann, wobei die Präferenz für Zuwanderer und Flüchtlinge 'türkischer Abstammung und Kultur' klar erkennbar ist.

Fußnoten

1.
Siehe Marcus (1985) und Zolberg (1983).
2.
Siehe Kirişci (1996, 2000).