Schüler stellen am 12.06.2013 in der Ernst-Schering-Schule in Berlin Prominenten Fragen bei einer Veranstaltung im Rahmen der Aktion "Gewalt verhindern - Integration fördern".

7.5.2012

Deutschland: Zuwanderungspotenzial ausländischer Studierender nicht genutzt

Der Sachverständigenrat für Integration und Migration hat im April eine vergleichende Studie zum Verbleib ausländischer Studierender in fünf EU-Staaten vorgelegt. Keines der Länder schöpft das Zuwanderungspotenzial der Studierenden aus. In Deutschland ist die Diskrepanz zwischen Bleibeabsichten und Verbleiberaten nach dem Abschluss besonders groß.

Weil ausländische Studierende bereits im jeweiligen Land leben, hoch qualifiziert und jung sind, werden sie vielfach als "ideale Zuwanderer" betrachtet. Ein Vergleich ihrer Bleibeabsichten mit den tatsächlichen Verbleiberaten zeigt jedoch, dass deren Zuwanderungspotenzial nicht hinreichend ausgeschöpft wird. In einer am 19. April vorgestellten Studie vergleicht der Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR) Deutschland, Frankreich, das Vereinigte Königreich, die Niederlande und Schweden im Hinblick auf ihre rechtlichen Regelungen zum Bleiberecht von Studierenden aus Drittstaaten, deren Bleibeabsichten und Verbleiberaten. Hierzu wurde eine Online-Umfrage an 25 Universitäten unter insgesamt 6.239 Master-Studierenden und Doktoranden aus Drittstaaten durchgeführt.

Bleibeabsichten und Motive

Zwei Drittel der befragten Studierenden würden nach dem Abschluss gern im Studienland bleiben. Für Deutschland liegen diese Werte sogar noch etwas höher: 80 % bei den Master-Studierenden und 67 % bei den Doktoranden. Als wichtigste Motive nennen die Bleibewilligen die guten Aussichten auf dem Arbeitsmarkt und den Wunsch, internationale Berufserfahrung zu sammeln. Die beruflichen Aussichten nach dem Studium werden von fast der Hälfte der internationalen Studierenden (49 %) in Deutschland als gut bewertet – Spitzenwert im Ländervergleich. Die meisten Bleibewilligen erwägen einen kurz- bis mittelfristigen Aufenthalt in Deutschland. Nur 12,5 % planen, länger als 5 Jahre zu bleiben.

Hürden für den Aufenthalt

Tatsächlich bleibt jedoch nur ein gutes Viertel der Absolventen nach ihrem Abschluss in Deutschland. Auch für das Vereinigte Königreich und die Niederlande liegt dieser Wert bei etwa einem Viertel, in Frankreich liegt er mit über 30 % merklich höher.

Rund 60 % der internationalen Studierenden gaben an, dass sie sich vorstellen könnten, in Deutschland zu bleiben, wenn es einfacher wäre, eine Aufenthaltsgenehmigung zu erhalten. Hierbei sind nicht nur die Regelungen an sich, sondern auch ihre Vermittlung wichtig. Nur 25 % der Studierenden gaben an, dass ihnen die Regelungen zur Arbeitsaufnahme nach dem Studium bekannt sind. Insbesondere werden englischsprachige Informationen vermisst. Besonders gut fühlten sich die Studierenden hingegen im Vereinigten Königreich und in den Niederlanden informiert. Dort waren 42 % bzw. 38 % der Studierenden die rechtlichen Regelungen bekannt.

Überhaupt ist Sprache ein wesentliches Problem im Alltag der Studierenden. Zwar ist der Zugang zum Studium in Deutschland auch aufgrund des wachsenden englischsprachigen Studienangebots relativ einfach. Viele Studierende erleben aber im Alltag, wie schwierig es ist, mit nur rudimentären Deutschkenntnissen auszukommen. Daher werden Probleme mit der Landessprache in Deutschland häufiger als in den anderen Ländern als Motiv für eine geplante Rückkehr genannt.

Auch Diskriminierungserfahrungen spielen eine Rolle. 39 % der ausländischen Studierenden in Deutschland gaben an, wegen ihrer Herkunft diskriminiert worden zu sein. Im Vergleich war die Diskriminierungserfahrung im Vereinigten Königreich mit 27 % am niedrigsten.

Maßnahmen

Der SVR begrüßte vor dem Hintergrund dieser Ergebnisse die Bemühungen der Bundesregierung, die Aufenthaltsregelungen für die Phase der Jobsuche nach dem Studienabschluss zu liberalisieren (vgl. MuB 4/12). Diese Liberalisierung sei überfällig, sagte SVR-Geschäftsführerin Gunilla Fincke bei der Vorstellung der Studie und forderte: "Der Gesetzentwurf muss schnell verabschiedet werden."

Zudem empfiehlt der SVR, die Bleibeabsichten durch gezielte, englischsprachige und leicht verständliche Informationsangebote zu den rechtlichen Regelungen zu fördern. Vorstellbar sei etwa die Einführung eines griffigen Namens wie "Young Talent Card" für die Phase des Aufenthalts nach dem Studium. Außerdem sollten neben Behörden auch Universitäten ihren Studierenden maßgeschneiderte Angebote wie Sprachkurse, Karriereberatung und Informationen zu rechtlichen Aufenthaltsregelungen anbieten.

Reaktionen

Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) sagte, ausländische Studierende seien ein Potenzial, das nicht verschenkt werden dürfe. Mit dem neuen Gesetz zur Umsetzung der Hochqualifizierten-Richtlinie der EU und der Erleichterung der Arbeitssuche nach Studienabschluss sende die Bundesrepublik "ein Signal an diese jungen Leute, dass sie in Deutschland herzlich willkommen" seien. Für diesen Eindruck seien nicht nur rechtliche Bedingungen, sondern auch der gesellschaftliche Umgang relevant, gab dagegen die Präsidentin der Hochschulrektorenkonferenz Margret Wintermantel zu bedenken. Hier hätte Deutschland Nachholbedarf.

Die Ergebnisse der Studie sind insbesondere vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels in Deutschland brisant. So bezifferte die Bundesbank in ihrem aktuellen Monatsbericht den jährlichen Bedarf Deutschlands an neuen Arbeitskräften aus dem Ausland mit 200.000 Personen (vgl. vgl. MuB 10/11, 1/11, 7/10).

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