Schüler stellen am 12.06.2013 in der Ernst-Schering-Schule in Berlin Prominenten Fragen bei einer Veranstaltung im Rahmen der Aktion "Gewalt verhindern - Integration fördern".

3.8.2012

Deutschland: Migranten sind aktive Gründer

Laut einer Studie der KfW-Bankengruppe ist 2011 fast jedes vierte Unternehmen von einem Migranten gegründet worden. Während die Zahl derjenigen, die sich 2011 selbstständig gemacht haben, gegenüber dem Vorjahr um 11 % zurückgegangen ist, stieg die Anzahl der Gründer mit Migrationshintergrund um 15 %. Diese Entwicklung ist auch auf ungleiche Chancen auf dem Arbeitsmarkt zurückzuführen.

Migrantische Unternehmen bilden heute einen selbstverständlichen Teil des Stadtbildes in Deutschland. Ob Gemüseläden, Änderungsschneidereien oder Friseursalons – die Sichtbarkeit migrantischer Unternehmen in Städten hat sich in den letzten Jahren deutlich erhöht. Übersehen wird dabei häufig, dass sich Gründungen von Personen mit Migrationshintergrund nicht nur auf die klassischen Branchen wie Einzelhandel und Gastronomie beschränken. Stattdessen ist eine zunehmende Diversifizierung der Migrantenökonomie erfolgt. Selbstständige mit Zuwanderungsgeschichte sind nach Angaben des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (BAMF) in über 90 Wirtschaftszweigen tätig.

Seit 2000 erhebt die KfW-Bankengruppe in einer repräsentativen Befragung jährlich das Gründungsverhalten in Deutschland. Für den Gründungsmonitor 2012 wurden 50.000 Personen mit und ohne Migrationshintergrund befragt.

Dem aktuellen Gründungsmonitor zufolge erwiesen sich besonders Nicht-EU-Ausländer als aktive Gründer. Auf sie entfielen 14 % aller Neugründungen im Jahr 2011, ein deutlicher Anstieg gegenüber dem Vorjahr (+31 %). Damit lag ihr Anteil an den Gründungen deutlich höher als ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung in Deutschland (8,9 %). Wie vergleichende Datenauswertungen der Jahre 2008 bis 2011 zeigen, stellen türkische Staatsbürger rund ein Viertel aller Gründer mit Migrationshintergrund. Rund jeder zehnte Gründer kommt aus Russland.

Motive der Gründung:

Den hohen Anteil insbesondere von Nicht-EU-Ausländern an den Gründungen führen die Autoren darauf zurück, dass Migranten weiterhin schlechtere Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben als deutsche Staatsangehörige ohne Zuwanderungsgeschichte. Obwohl sich die Arbeitsmarktintegration von Migranten in den letzten Jahren leicht verbessert hat, sind sie immer noch doppelt so häufig von Arbeitslosigkeit betroffen wie Deutsche (vgl. MuB 1/12).

Unzureichende Deutschkenntnisse, eine fehlende Berufsausbildung sowie Probleme bei der Anerkennung im Ausland erworbener Bildungsabschlüsse (vgl. MuB 8/11) zählen zu den Gründen, warum es Ausländern häufig schwerer fällt, eine abhängige Beschäftigung zu finden. Der Schritt in die Selbstständigkeit erscheint daher häufig als einzige Möglichkeit, auf dem Arbeitsmarkt ein Einkommen zu erzielen. 2011 gingen 35 % aller Neugründungen auf dieses Motiv zurück. In 14 % der Fälle geschah dies aus der Arbeitslosigkeit heraus.

Finanzierungsschwierigkeiten:

Allerdings treten bei Migranten häufiger Finanzierungsschwierigkeiten auf als bei Gründern mit deutschem Pass. Dies ist besonders bei Nicht-EU-Ausländern der Fall. Bei ihnen liegt die Wahrscheinlichkeit von Finanzierungsproblemen um 18 % höher als bei deutschen Gründern.

Die Autoren der Studie vermuten, dass hierfür neben Sprachschwierigkeiten auch kulturelle Unterschiede verantwortlich sind, die zu Problemen bei Verhandlungen mit potenziellen Kapitalgebern führen können. Bei EU-Staatsangehörigen, die sich in Deutschland selbstständig machen, treten diese Probleme dagegen nicht auf. Sie seien mit ähnlichen Finanzinstitutionen im europäischen Markt vertraut und berichteten daher nicht häufiger von Finanzierungsschwierigkeiten als deutsche Gründer ohne Migrationshintergrund.

Häufiger Entrepreneure:

Als Entrepreneure werden in der repräsentativen Untersuchung der KfW-Bankengruppe diejenigen Gründer bezeichnet, die sich selbstständig machen, um eine eigene – oft-mals innovative – Geschäftsidee umzusetzen, und von Anfang an Mitarbeiter beschäftigen. Sie sind häufig erfolgreicher als andere Gründer, schaffen Arbeitsplätze und wichtige Impulse für die deutsche Volkswirtschaft. Im Durchschnitt der Jahre 2008 bis 2011 zählten rund 14 % aller Neugründer zur Gruppe der Entrepreneure.

Gründer mit Migrationshintergrund sind unter den Entrepreneuren besonders häufig vertreten. So waren im genannten Zeitraum 24 % aller Gründer mit Migrationshintergrund Entrepreneure, bei den Gründern ohne Zuwanderungsgeschichte waren es dagegen nur 11 %. Insgesamt stellen Gründer mit Migrationshintergrund deutlich häufiger als deutsche Gründer schon zu Beginn ihrer Selbstständigkeit Mitarbeiter ein (48 % vs. 27 %). Diese stammen zu 35 % (bei deutschen Gründern zu 30 %) aus dem familiären Umfeld.

Politische Herausforderungen:

Die KfW-Studie bestätigt Untersuchungsergebnisse aus der Vergangenheit, wonach Migranten das Gründungsgeschehen in Deutschland deutlich beleben und dadurch die wirtschaftliche Entwicklung positiv beeinflussen (vgl. MuB 2/12, 5/05). Dem Mikrozensus 2011 zufolge gibt es in Deutschland etwa 700.000 Selbstständige mit Migrationshintergrund, die über zwei Mio. Menschen einen Arbeitsplatz bieten.

Politisch wird aktuell verstärkt das Potenzial migrantischer Unternehmen im Hinblick auf die Ausbildung von Jugendlichen mit Migrationshintergrund betont. So bemüht sich die 1999 gegründete „Koordinationsstelle Ausbildung bei Selbstständigen mit Migrationshintergrund“ (KAUSA) darum, die Möglichkeiten der Ausbildung in migrantischen Unternehmen zu erhöhen. Bislang bilden lediglich 14 % der Selbstständigen mit Migrationshintergrund aus. Der bundesweite Durchschnitt liegt bei 24 %.

Vera Hanewinkel, Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien der Universität Osnabrück

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