Schüler stellen am 12.06.2013 in der Ernst-Schering-Schule in Berlin Prominenten Fragen bei einer Veranstaltung im Rahmen der Aktion "Gewalt verhindern - Integration fördern".

11.9.2012

Deutschland: Studie zu Deutschtürken

Personen mit türkischem Migrationshintergrund weisen einen hohen Integrationswillen in die deutsche Gesellschaft auf. Zugleich besteht eine starke emotionale Bindung zur Türkei.

Diese und weitere Ergebnisse gehen aus einer repräsentativen Umfrage der Info GmbH sowie des in Antalya ansässigen Meinungsforschungsinstituts Liljeberg Research International hervor. Die Ergebnisse der Studie "Deutsch-Türkische Lebens- und Wertewelten" wurden am 17. August in Berlin vorgestellt. Sie basiert auf einer telefonischen Befragung von 1.011 Personen mit türkischem Migrationshintergrund. Nach 2009 und 2010 wurde die Studie nun zum dritten Mal erhoben (vgl. MuB 10/09).

Basisdaten

Insgesamt leben in Deutschland rund 2,7 Mio. Bürger mit türkischem Migrationshintergrund, von denen nur knapp ein Viertel (23 %) die deutsche Staatsangehörigkeit hat. Die Studie bezieht sich auf die rund 2 Mio. Deutschtürken ab 15 Jahren. 27 % der Befragten sind in Deutschland geboren.

Bildung und Arbeit

42 % der Befragten haben ihren höchsten Schulabschluss in Deutschland erworben. Insgesamt verfügen 24 % über einen höheren Schulabschluss bzw. das Abitur, 18 % über einen mittleren Schulabschluss und 57 % über einen niedrigen oder keinen Schulabschluss. 67 % der Befragten sind voll berufstätig, 10 % sind arbeitslos oder befinden sich in Fortbildungs- bzw. Umschulungsmaßnahmen (bei Frauen 33 %).

Heimatempfinden

Auf die Frage, welches der beiden Länder sie als Heimat empfinden, antworteten 39 %, dass dies eher auf die Türkei zutreffen würde. Nur 15 % empfanden Deutschland eher als ihre Heimat (2009: 21 %, 2010: 18%). 45 % gaben an, dass sie beide Länder gleichermaßen als ihre Heimat ansehen. Bei jungen Deutschtürken ist die emotionale Bindung zu Deutschland jedoch stärker ausgeprägt als bei älteren. In der Gruppe der 15- bis 29-Jährigen sahen 26 % eher Deutschland als ihre Heimat und 32 % eher die Türkei.

Rückkehr

In allen Altersgruppen, auch bei den in Deutschland geborenen Deutschtürken, besteht eine relativ hohe Bereitschaft zur „Rückkehr“ in die Türkei (45 %), wobei diese v. a. bei den 30- bis 49-Jährigen stark ausgeprägt ist (55 %). Nur ein geringer Teil (5 %) hat jedoch konkrete Rückkehrpläne für die nächsten zwei Jahre (vgl. MuB 5/11). Als wichtigster Grund für eine Rückkehr wurde genannt, dass die Türkei das Heimatland sei (67 %). 57 % gaben an, dort als Rentner leben zu wollen und 39 % nannten das "schönere Wetter" als Grund. 10 % der Befragten nannten das schwierige Verhältnis zu Deutschland und den Deutschen als Grund für eine Rückkehr in die Türkei. Persönliche Diskriminierungserfahrungen sind im Vergleich zu den früheren Studien gesunken (2012: 29 %, 2010: 42 %).

Sprache

Bei der Frage nach Sprachkenntnissen und Sprachsicherheit sind besonders große Unter-schiede zwischen den verschiedenen Altersgruppen erkennbar. Insgesamt gaben 31 % der Befragten an, besser Deutsch als Türkisch (69 %) zu sprechen. Bei den 15- bis 29-Jährigen ist die deutsche Sprache als Erstsprache wesentlich stärker ausgeprägt (70 %) als bei den 30- bis 49-Jährigen (26 %) oder den über 50-Jährigen (8 %). Konsens besteht darüber, dass Kinder von klein auf Deutsch lernen (92 %) und eine Kindertagesstätte besuchen sollten (95 %). Selbstempfinden und Religion:Die Studie geht zudem auf die Einstellung zur eigenen Position in Deutschland sowie zur Religion ein. Wie in der Studie von 2010 stimmten 95 % der Befragten der Aussage zu, dass es wichtig sei, die eigene türkische Kultur auch in Deutschland zu bewahren. 87 % sahen die deutsche Gesellschaft in der Pflicht, stärker auf die Gewohnheiten der türkischen Gemeinschaft Rücksicht zu nehmen (2010: 83 %).

Der Wille, "unbedingt und ohne Abstriche" zur deutschen Gesellschaft dazuzugehören, ist gegenüber den vorherigen Studien stark gestiegen (2012: 75 %, 2010: 59 %, 2009: 53 %). Andererseits zeigt die Umfrage auch Tendenzen einer zunehmenden Abgrenzung sowie religiöse Ressentiments: 62 % gaben an, dass sie am liebsten nur mit Türken zusammen seien (2010: 40 %). 72 % sehen den Islam als "einzig wahre" Religion. 25 % empfinden Atheisten als "minderwertige Menschen". Im Hinblick auf Juden und Christen sagten dies 18 % bzw. 8 %. Der Anteil derjenigen, die sich als "streng religiös" einschätzen, ist von 33 % (2009) auf 37 % (2012) gestiegen. In der Gruppe der 15- bis 29-Jährigen bewerteten 63 % der Befragten die umstrittene kostenlose Koranverteilung der Salafisten als "gut" oder "sehr gut" (31 % bei den über 50-Jährigen, vgl. MuB 4/12).

Reaktionen

Der Bundesvorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland Kenan Kolat sagte, dass die Deutschtürken Teil der deutschen Gesellschaft sein wollten, dabei aber zugleich ihre kulturellen Besonderheiten weiterhin ohne Diskriminierung ausleben können müssten. Notwendig seien eine Öffnung und Anpassung sowohl der Zuwanderer als auch der deutschen Aufnahmegesellschaft. "Wir sind ein Einwanderungsland geworden, aber noch nicht eine Einwanderungsgesellschaft", sagte Kolat in einem Fernsehinterview. Die ehemalige Ausländerbeauftragte von Berlin und Ombudsfrau für die Opfer des rechtsextremen Terrors Barbara John (CDU) warnte davor, die Ergebnisse der Studie als wachsende Radikalisierung zu interpretieren. Vielmehr näherten sich die Lebensstile von jungen Deutschen und Deutschtürken zunehmend an: "Je ähnlicher sich die Menschen werden, desto mehr brauchen sie ein Abgrenzungsmerkmal", sagte John.

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