Schüler stellen am 12.06.2013 in der Ernst-Schering-Schule in Berlin Prominenten Fragen bei einer Veranstaltung im Rahmen der Aktion "Gewalt verhindern - Integration fördern".

16.10.2012 | Von:
Ulrike Pape

Deutschland: Migranten häufiger psychisch krank

Fehlende Informationen über Hilfsangebote, aber auch kulturelle und sprachliche Barrieren führen zu Unter- und Fehlversorgungen und damit zu mehr Leid und höheren Kosten. Experten fordern nun eine kulturelle Öffnung des Gesundheitswesens, zum Beispiel durch den Einsatz von Dolmetschern und multikulturellen Teams.

Auf dem Symposium "Psychisch krank durch Migration? Perspektiven der Migrationspsychiatrie in Deutschland", das am 12. September in Berlin stattfand, stellte die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN) ein Positionspapier zum Thema vor. Darin verweisen die Autoren auf bisherige empirisch-wissenschaftliche Erkenntnisse zur Situation von Migranten im Gesundheitssystem. Demnach leiden Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland deutlich häufiger unter psychischen Erkrankungen als der Bevölkerungsdurchschnitt. Migranten seien deshalb häufiger arbeitsunfähig oder in Frührente (vgl. Ausgabe 9/10). Das Erkrankungsrisiko steige bei bestimmten Risikofaktoren wie zum Beispiel Vertreibung, Isolation, Asylverfahren, Armut, Heimweh, Sprachproblemen, Arbeitslosigkeit, schlechter Bildung und Wohnverhältnissen in sozialen Brennpunkten. Auch für bestimmte Störungen, wie akute oder posttraumatische Belastungsstörungen, sei das Erkrankungsrisiko höher.

Frauen mit Migrationshintergrund sind nach Einschätzung der Mediziner besonders gefährdet, eine psychische Erkrankung zu entwickeln, auch wenn bisher noch keine belastbaren Zahlen über die geschlechtsspezifischen Auswirkungen der Risikofaktoren vorliegen. Dass die Suizidrate unter jungen Türkinnen doppelt so hoch ist wie im Durchschnitt ihrer Altersgruppe, hatte eine Studie bereits 2010 herausgefunden (vgl. Ausgabe 3/10). Ältere Türkinnen leiden zudem deutlich häufiger unter somatisierten Beschwerden, also Magen- oder Kopfschmerzen, für die es keine körperlichen Ursachen gibt. Auffällig häufig bei Menschen mit Migrationshintergrund aus der ehemaligen UdSSR sind zudem Alkoholabhängigkeit und Selbsttötungen.

Die Barrieren zum und im Sozial- und Gesundheitswesen insgesamt, die einer qualitativ gleichwertigen Versorgung von Menschen mit Migrationshintergrund im Wege stehen, sind bereits seit den 1990er Jahren bekannt, heißt es in dem Positionspapier. So suchen Menschen mit Migrationshintergrund seltener oder zu spät ärztliche Hilfe und sind medizinisch schlechter versorgt. Gründe, die den Weg in das Versorgungssystem verhindern oder verzögern, sind Unwissenheit bezüglich der Versorgungsmöglichkeiten im deutschen Gesundheitssystem, aufenthaltsrechtliche Faktoren, Verständigungsschwierigkeiten und kulturelle Missverständnisse. Auch Diskriminierungserfahrungen, Stigmatisierung und Scham können Ursachen für die Unterversorgung sein (vgl. Ausgabe 10/08). Die Folge hiervon sind ein gesteigertes Leid der Patienten sowie erheblich erhöhte Kosten für Therapie und Pflege.

Bisher sind Ärzte und Krankenhäuser im psychiatrischen Bereich bis auf wenige Ausnahmen nicht auf die Versorgung von Menschen anderer Kulturen und Sprachen vorbereitet, kritisieren die Autoren des Positionspapiers. Daher, aber auch wegen der älter werdenden Migranten, der Leistungsverdichtung und des knappen Personals sei zunehmend mit erheblichen Störungen in den Betriebsabläufen zu rechnen. Dies werde sich auch auf die Behandlungsergebnisse auswirken.

"Es kann nicht sein, dass wir ganze Bevölkerungsgruppen von einer optimalen medizinischen Versorgung ausschließen. Der Nationale Integrationsplan der Bundesregierung betonte bereits im Jahr 2007 die Gesundheitsförderung von Menschen mit Migrationshintergrund. Diesen gilt es endlich mit Leben zu füllen", sagte DGPPN-Präsident Peter Falkai auf dem Symposium (vgl. Ausgabe 5/08, 6/07, 6/06). "Dafür müssen wir in den Kliniken organisatorisch und personell sicherstellen, dass die Patienten angemessen betreut werden."

Multikulturelle Teams und fachlich geschulte Dolmetscher sind nach Ansicht der DGPPN dringend nötig, da es gerade bei psychischen Erkrankungen wichtig sei, in Diagnostik und Therapie kulturelle Prägungen zu berücksichtigen. Zudem seien Verständigungsprobleme beim Kontakt mit Patienten mit Migrationshintergrund häufig sowohl kultur- als auch sprachgebunden. Eine muttersprachliche Behandlung scheitere in der Regel an fehlenden qualifizierten Sprach- und Kulturmittlern. Denkbar seien etwa Dolmetscherdienste von bilingualem Fachpersonal in größeren Kliniken. Inakzeptabel sei dagegen der Rückgriff auf ungeschultes Personal, Bettnachbarn oder Angehörige der Patienten als Übersetzer. Erschwert werde die Situation auch dadurch, dass ausländische Ärzte noch immer große Schwierigkeiten haben, eine außerhalb Deutschlands erworbene Berufserlaubnis anerkennen zu lassen (vgl. Ausgabe 9/11). Die Autoren fordern eine gesetzliche Regelung der Kostenübernahme von Dolmetschern. Genauso müssten für die Bildung multikultureller Teams mehr Mitarbeiter mit Migrationshintergrund eingestellt werden. Die DGPPN fordert, in den Kliniken Integrationsbeauftragte einzusetzen. Deren Aufgabe sei u. a., die wachsende Klientel mit Migrationshintergrund anzusprechen, zu gewinnen und angemessen zu versorgen.

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