Schüler stellen am 12.06.2013 in der Ernst-Schering-Schule in Berlin Prominenten Fragen bei einer Veranstaltung im Rahmen der Aktion "Gewalt verhindern - Integration fördern".

Europa: Auswanderung aus Polen und Lettland


16.10.2012
Infolge der Wirtschafts- und Finanzkrise haben sich Ost-West-Wanderungen innerhalb der Europäischen Union erneut verstärkt. Vor allem in Lettland und Polen nimmt die Zahl der Auswanderer in andere EU-Staaten zu.

Verschiedene Studien weisen darauf hin, dass die Auswanderung aus den EU-Staaten Mittel- und Osteuropas (MOEL) in westeuropäische Staaten nach einem zeitweisen Rückgang wieder ansteigt (vgl. Ausgabe 6/09). Dies trifft vor allem auf Polen und Lettland zu. Hintergrund dieser Ost-West-Wanderung sind Experten zufolge vor allem die weiterhin hohen Einkommensunterschiede innerhalb der EU.

Nach den EU-Erweiterungsrunden von 2004 und 2007 schränkten zahlreiche EU-Mitgliedstaaten – darunter Deutschland – die Arbeitnehmerfreizügigkeit für Staatsbürger der Beitrittsstaaten aus dem mittel- und südosteuropäischen Raum zunächst ein (vgl. Ausgabe 1/09, »2/06«, »3/04«). Dies führte dazu, dass in jene Staaten, die den Zugang zu ihren Arbeitsmärkten nicht beschränkten, besonders viele Arbeitsmigranten aus den MOEL zuwanderten. Allein im Vereinigten Königreich war zwischen 2004 und 2010 eine Nettoeinwanderung von insgesamt 353.000 Personen aus den acht MOEL-Beitrittsstaaten zu verzeichnen.

Polen



Ein im September veröffentlichter Bericht des polnischen Statistischen Amtes GUS zeigt auf, dass die Zahl der in Großbritannien lebenden Polen im Jahr 2011 bei 625.000 Personen lag. Damit sei der seit 2008 zu beobachtende Trend zu einem Rückgang der polnischen Arbeitsmigration nach Großbritannien wieder umgekehrt. Im vergangenen Jahr ist die Zahl der Polen im Vereinigten Königreich demnach um 45.000 Personen angestiegen (+7,8 % gegenüber dem Vorjahr). Der bisherige Höhepunkt war im Jahr 2007 zu verzeichnen (695.000). In Deutschland betrug der Zuwachs der polnischen Bevölkerung dem Bericht zufolge hingegen nur 30.000 Personen, obwohl 2011 die Zuzugsbeschränkungen für polnische Staatsbürger endgültig aufgehoben wurden (vgl. Ausgabe 7/11, 5/11). Laut Daten des Ausländerzentralregisters lebten 2011 rund 468.500 polnische Staatsbürger in Deutschland (2010: 419.400). Dies entspräche einem höheren Zuwachs von rund 49.000 Polen in einem Jahr.

Der erneute Anstieg der Auswanderung aus Polen ist überraschend, da die polnische Ökonomie zuletzt ein deutlich stärkeres Wachstum zu verzeichnen hatte (2011: +4,3 %) als das Vereinigte Königreich (+0,7 %) oder Deutschland (+3 %). Dass dennoch mehr Menschen aus Polen abwandern, dürfte Experten zufolge vor allem mit den weiterhin hohen Einkommensunterschieden zusammenhängen. "Der wichtigste Grund für die Auswanderung ist ein weitaus höherer Lohn als in Polen", so Maciej Bukowski vom Warschauer Institut für Strukturforschung. Während der Brutto-Durchschnittslohn im Vereinigten Königreich bei etwa 2.600 Euro und in Deutschland bei 3.200 Euro liegt, beträgt er in Polen nur etwa 900 Euro.

Lettland



Auch Lettland hat eine verstärkte Auswanderung zu verzeichnen. Seit Beginn der Krise im Jahr 2008 haben Studien zufolge rund 10 % der Bevölkerung im arbeitsfähigen Alter das Land verlassen. Hauptziele der lettischen Auswanderer sind demnach Großbritannien, Deutschland und Norwegen. Der Großteil der Auswanderer ist zwischen 18 und 40 Jahre alt. In dieser Altersgruppe hat Lettland in den vergangenen Jahren rund ein Viertel der Bevölkerung verloren, sagte der lettische Demograf Ilmārs Mežs. Ihm zufolge betrug der Bevölkerungsrückgang in einigen Regionen Lettlands sogar bis zu einem Drittel. Die Gesamtbevölkerung schrumpfte in den letzten beiden Jahren von 2,2 Mio. auf 2 Mio.

Nach hohen Wachstumsraten in den Jahren 2005 bis 2007 (ca. +10 % pro Jahr) verzeichnete die lettische Wirtschaft 2008 und 2009 einen starken wirtschaftlichen Abschwung (-3 %, -17,7%). 2011 war wieder ein Wachstum von 5,5 % zu verzeichnen. Die Direktorin des Internationalen Währungsfonds (IWF) Christine Lagarde bezeichnete daher Lettland als Vorzeigemodell für die Bewältigung der Wirtschaftskrise. Das Wirtschaftswachstum geht jedoch nicht mit steigenden Einkommen der Bevölkerung einher. Der monatliche Durchschnittslohn liegt in Lettland bei 650 Euro brutto. Etwa ein Drittel der lettischen Bevölkerung verdient nur das Mindestgehalt von 287 Euro brutto. Vor allem junge und häufig hochqualifizierte Letten sehen daher die Auswanderung als einzige Möglichkeit, ihren Lebensstandard zu verbessern.

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