Schüler stellen am 12.06.2013 in der Ernst-Schering-Schule in Berlin Prominenten Fragen bei einer Veranstaltung im Rahmen der Aktion "Gewalt verhindern - Integration fördern".

Frankreich: Nachfahren von Migranten weiter benachteiligt


13.11.2012
Erstmals wurde die Lage der Nachfahren von Migranten in Frankreich genauer untersucht. Demnach haben Einwanderernachfahren zwar bessere Lebensbedingungen als ihre Eltern, jedoch nach wie vor deutlich schlechtere als Franzosen ohne Migrationshintergrund. Indessen wurde die Einbürgerung erleichtert. Über die Einführung des kommunalen Ausländerwahlrechts wird weiter debattiert.

Mitte Oktober veröffentlichte die nationale Statistikbehörde INSEE eine umfangreiche Daten- und Aufsatzsammlung zur Lage der Einwandererbevölkerung in Frankreich. Sie besteht u. a. aus Analysen zur Schullaufbahn, dem Zugang zum Arbeitsmarkt und der Beschäftigung im öffentlichen Dienst. Erstmals wurde die Lage der sogenannten Zweiten Generation genauer untersucht.

Zahlen



Nach den aktuellsten vorliegenden Zahlen aus dem Jahr 2008 leben 5,34 Mio. Einwanderer – definiert als im Ausland geborene Ausländer – in Frankreich (8,4 % der Gesamtbevölkerung). Davon haben 2,17 Mio. die französische Staatsbürgerschaft angenommen; 3,2 Mio. sind weiterhin Ausländer.

Die Zweite Generation – in Frankreich Geborene mit mindestens einem eingewanderten Elternteil – besteht demnach aus 6,7 Mio. Personen (11 %). Davon sind 2,1 Mio. unter 18 Jahre alt. Fast alle Nachfahren von Migranten haben die französische Staatsangehörigkeit. Nur 3 % der Kinder von Einwanderern im Alter von 18 bis 50 Jahren sind keine Franzosen. Bei Kindern von zwei eingewanderten Eltern waren es 5 %.

Bildung



Migrantenkinder sind häufiger ohne Schulabschluss. 18 % der Zweiten Generation, die zwischen 20 und 35 Jahre alt und in Frankreich zur Schule gegangen sind, haben keinen Abschluss. Bei Franzosen ohne Migrationshintergrund sind es 11 %. Besonders hoch ist der Anteil bei Kindern, deren Eltern aus der Türkei (32 %) oder Algerien (24 %) stammen. Bei den Nachkommen von Einwanderern aus Europa (12 %) und Südostasien (13 %) waren deutlich weniger ohne Schulabschluss. Auch bei den Abiturquoten gibt es große Unterschiede. Insgesamt machen 67 % aller Kinder eines Jahrgangs in Frankreich Abitur. Bei Franzosen ohne Zuwanderungsgeschichte sind es 68 %, bei den Nachkommen von Einwanderern 61 %. Besonders niedrig ist die Quote bei Kindern von Türken (39 %) und Algeriern (53 %).

Arbeitsmarkt



Auf dem Arbeitsmarkt sind Einwanderer benachteiligt. 2009 lag die Arbeitslosenquote bei 9 % für Nichteinwanderer und 16 % für Einwanderer. Unter Einwanderern aus Nicht-EU-Staaten liegt die Quote deutlich höher: 18 % für Personen aus dem subsaharischen Afrika, 26 % unter Türkeistämmigen. Auch die Zweite Generation ist stärker von Arbeitslosigkeit betroffen. Von den 15- bis 24-Jährigen mit Wurzeln in Drittstaaten waren 44 % der Männer und 34 % der Frauen ohne Job. Bei Franzosen ohne Zuwanderungsgeschichte waren dies 19 bzw. 22 %. Nachfahren von Einwanderern haben zudem deutlich häufiger keinen unbefristeten Arbeitsvertrag und arbeiten in prekären Beschäftigungsverhältnissen.

Im öffentlichen Dienst arbeiten 10 % der Zweiten Generation im erwerbsfähigen Alter, im Vergleich zu 6 % der Einwanderer und 13 % aller Beschäftigten in Frankreich.

Lebensqualität



Die mittlere Lebensqualität – gemessen an 12 Indikatoren – der Einwanderer liegt 30 % unter dem nationalen Mittelwert. Bei den Einwanderernachfahren sind dies "nur" 12 %. Nach Ansicht von Fabrice Lenart, dem für die Analyse zuständigen Mitarbeiter der INSEE, zeigte dies, dass der "soziale Fahrstuhl funktioniere". Er räumte aber ein, dass es große Unterschiede gebe und insbesondere Nachfahren afrikanischer Einwanderer nach wie vor Schwierigkeiten hätten.

Erleichterung der Einbürgerung: Innenminister Manuel Valls (Sozialisten) kündigte am 18. Oktober Erleichterungen bei der Einbürgerung an. Unter der konservativen Regierung waren die Einbürgerungszahlen zuletzt deutlich gesunken (vgl. Ausgabe 7/12). Ab sofort brauchen Einbürgerungswillige nicht mehr unbedingt einen unbefristeten Arbeitsvertrag. Gerade in Zeiten der Wirtschaftskrise sei dies ein zu hartes Kriterium, sagte der Minister. Personen über 65 Jahre müssen zudem keinen Sprachtest mehr bestehen. Der reguläre Mindestaufenthalt wird wieder von 10 auf 5 Jahre verkürzt.

Ausländerwahlrecht



Eine Diskussion gibt es weiter um die Einführung eines kommunalen Wahlrechts für Nicht-EU-Ausländer, die seit mindestens fünf Jahren in Frankreich leben. Dies ist eines der zentralen Wahlversprechen der sozialistischen Regierung (vgl. Ausgabe 10/11). Damit diese Personengruppe (bis zu 2. Mio.) bei den Kommunalwahlen 2014 ihre Stimme abgeben kann, müsste eine entsprechende Gesetzesänderung bis spätestens Frühjahr 2013 verabschiedet werden. Für die erforderliche Verfassungsänderung braucht es eine Zwei-Drittel-Mehrheit im Parlament oder eine positive Referendumsabstimmung. Die Regierung verfügt nicht über die erforderliche Parlamentsmehrheit und fürchtet mögliche Kampagnen der Konservativen und der Rechtsextremen im Falle eines Referendums. Eine Regierungssprecherin deutete vor diesem Hintergrund an, dass eine Wahlrechtsänderung wahrscheinlich aufgeschoben würde.

Weitere Informationen:


»www.insee.fr« »www.interieur.gouv.fr« www.bpb.de