Schüler stellen am 12.06.2013 in der Ernst-Schering-Schule in Berlin Prominenten Fragen bei einer Veranstaltung im Rahmen der Aktion "Gewalt verhindern - Integration fördern".

13.11.2012 | Von:
Thomas Hummitzsch

Deutschland: Migranten bei Berufsbildung weiter im Nachteil

Am 18. Oktober diskutierte der Deutsche Bundestag den aktuellen Berufsbildungsbericht. Während die Bundesregierung eine positive Bilanz zog, kritisierte die Opposition fehlende Perspektiven für benachteiligte Jugendliche und forderte zusätzliche Ausbildungsplätze.

Die Ausbildungsplatzsituation für junge Menschen in Deutschland hat sich insgesamt verbessert. Dies geht aus dem bereits im Mai vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) veröffentlichten Berufsbildungsbericht 2012 hervor (BT-Drs. 17/9700, vgl. Ausgabe 5/12). Demnach ist die Zahl der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge im Ausbildungsjahr 2010/11 leicht gestiegen (2011: 570.140; 2010: 559.960; +1,8 %). Auch gab es zum Stichtag 30. September deutlich mehr freie Ausbildungsplätze (2011: 29.689; 2010: 19.605; +51,4 %) als unversorgte Bewerber (2011: 11.550; 2010: 12.255; -5,8 %).

Die Zahl der unversorgten Bewerber berücksichtigt jedoch nicht die 294.294 jungen Menschen ohne Ausbildungsplatz im sogenannten Übergangsbereich. Hierbei handelt es sich um Jugendliche, die meist aufgrund fehlender Qualifikationen keinen Ausbildungsplatz bekommen haben und an Fördermaßnahmen teilnehmen. Ebenfalls nicht erfasst sind die rund 1,5 Mio. jungen Erwachsenen zwischen 20 und 29 Jahren ohne Berufsabschluss.

Aus dem Bericht geht ferner hervor, dass sich die Situation auf dem Ausbildungsmarkt für Migranten und deren Nachfahren leicht verbessert hat, diese aber weiterhin deutlich benachteiligt sind. Da weder Schulstatistik noch Berufsbildungsstatistik neben der Staatsangehörigkeit auch den Migrationshintergrund erfassen, sind die erhobenen Zahlen nicht auf alle Jugendlichen mit Migrationshintergrund übertragbar.

Schulabschluss

Immer noch verlassen mehr als doppelt so viele ausländische Jugendliche die Schule ohne Abschluss (2010: 12,8 %; 2009: 13,8 %) wie deutsche Jugendliche (2010: 5,4 %; 2009: 5,8 %). Darüber hinaus sind die Schulabschlüsse ausländischer Jugendlicher insgesamt niedriger als die der deutschen Schüler. Beides führt schon bei der Bewerbung um einen Ausbildungsplatz zu Nachteilen für ausländische Jugendliche.

Ausbildungsbeteiligung

Ausländische Jugendliche waren 2010 mit 33,5 % in der Berufsausbildung deutlich unterrepräsentiert (2009: 31,4 %). Das heißt, lediglich ein Drittel aller ausländischen Jugendlichen im entsprechenden Alter hat einen neu abgeschlossenen Ausbildungsvertrag in der Tasche. Bei deutschen Jugendlichen lag der Anteil derjenigen, die an einer Berufsausbildung teilnehmen, mit 65,4 % fast doppelt so hoch (2009: 64,3 %). Bei den jungen Frauen in beiden Gruppen fällt diese sogenannte Ausbildungsbeteiligungsquote jeweils niedriger aus als bei den Männern.

Übergangsbereich

Es befinden sich überproportional viele Bewerber mit Migrationshintergrund in den Qualifikationsmaßnahmen des Übergangssystems, wie der deutlich höhere Anteil der Ausländer in diesem Bereich (15,8 %) im Vergleich zu ihrem Bevölkerungsanteil (8,5 %) vermuten lässt.

Benachteiligung

Ergebnisse einer Übergangsstudie des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) hatten im vergangenen Jahr gezeigt, dass junge Menschen mit Migrationshintergrund deutlich weniger von der besseren Ausbildungsmarktlage profitieren als junge Menschen ohne Migrationsgeschichte. Ihre Erfolgsaussichten, einen Ausbildungsplatz zu finden, seien aufgrund der "Selektionsprozesse der Betriebe bei der Vergabe ihrer Ausbildungsplätze“ grundsätzlich geringer, heißt es in dem BIBB-Bericht. Niedrigere Schulabschlüsse würden mit geringerer Leistungsbereitschaft assoziiert und die Ausbildungsbetriebe würden diese Eigenschaft dann allen Jugendlichen mit Migrationshintergrund zuschreiben. Dies betrifft Bewerber mit türkischen und arabischen Wurzeln in besonderem Maße, wie auch andere Untersuchungen der Antidiskriminierungsstelle des Bundes und des BIBB zeigen (vgl. Ausgabe 7/12, 4/12, 8/09).

Debatte

In Deutschland wurde im September 2012 die geringste Jugendarbeitslosigkeit in Europa gemessen (8 % der unter 25-Jährigen). Im europäischen Durchschnitt sind es 22,7 %, in einigen Ländern über 50 %. Die Bundesregierung ist daher grundsätzlich zufrieden. Der "Abbau der Zugangsbarrieren in Ausbildung und Beschäftigung für Jugendliche mit Migrationshintergrund" sei nun vorrangiges Ziel, um die Integration voranzutreiben, heißt es im Berufsbildungsbericht. Die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung Maria Böhmer (CDU) forderte die Arbeitgeber auf, mehr junge Migranten auszubilden. Böhmer sagte: "Migranten auszubilden heißt, in die eigene Zukunft zu investieren.“

Die Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen kritisierte, dass Böhmers Beitritt zum Ausbildungspakt "für die Integration im Ausbildungsbereich folgenlos" geblieben sei (BT-Drs. 17/9586). Auch die SPD-Fraktion beanstandete, dass Jugendliche mit Migrationshintergrund "weiterhin das Nachsehen“ haben (BT-Drs. 17/10116).

Die Fraktion Die Linke fordert einen "grundlegenden Kurswechsel", um mehr Ausbildungsplätze zu schaffen. In ihrem Antrag schlug sie die gezielte Förderung von Betrieben vor, die verstärkt Menschen mit Migrationshintergrund ausbilden (BT-Drs. 17/10856).

Alle drei Oppositionsfraktionen kritisierten, dass viele Jugendliche trotz verbesserter Wirtschaftslage gar keinen Ausbildungsplatz bekommen und im Übergangsbereich "geparkt" würden. Um dies zu ändern, forderten SPD und Linke eine Ausbildungsgarantie. Bündnis 90/Die Grünen plädierten für ihr Förderprogramm DualPlus, bei dem "insbesondere marktbeteiligte Jugendliche und junge Menschen mit Förderbedarf" in überbetrieblichen Lernorten ausgebildet werden sollen.

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