Schüler stellen am 12.06.2013 in der Ernst-Schering-Schule in Berlin Prominenten Fragen bei einer Veranstaltung im Rahmen der Aktion "Gewalt verhindern - Integration fördern".

Mali: Hunderttausende fliehen vor Gewalt


28.1.2013
Seit über einem Jahr kämpfen in Mali Regierungstruppen gegen islamistische Rebellen. Dabei sind bereits über 350.000 Menschen aus dem von den Islamisten besetzten Norden geflohen. Die jüngsten Kämpfe haben eine neue Flüchtlingswelle ausgelöst. Das UN-Flüchtlingshochkommissariat hält eine Verdoppelung der bisherigen Flüchtlingszahlen für möglich.

Über 400.000 Flüchtlinge in den Nachbarländern und bis zu 300.000 Binnenvertriebene – mit diesen Zahlen rechnet das UN-Flüchtlingshochkommissariat (UNHCR) nach dem erneuten Ausbruch der Gewalt in Mali im Januar. Man gehe davon aus, dass es in den nächsten Wochen und Monaten zu "verstärkten Vertreibungen" kommen werde, teilte das UNHCR Mitte Januar mit. Es befänden sich in Mali auch noch viele Menschen auf der Flucht ins Ausland.

Hintergrund



Seit über einem Jahr kämpfen islamistische Rebellen, die Al Qaida nahe stehen, gegen die Regierung Malis. Bereits im vergangenen April brachten die Rebellen den Norden des Landes unter ihre Kontrolle. Seither sind Hunderttausende in den Süden des Landes sowie die angrenzenden Staaten geflohen.

Aufgrund der Kämpfe zwischen den Regierungstruppen und den islamistischen Rebellen, der schlechten Versorgungslage sowie der Einführung der Scharia im Nordteil des Landes sind seit Beginn des Konflikts knapp 150.000 Menschen in die benachbarten Staaten geflohen. Darunter 55.000 nach Mauretanien, 53.000 nach Niger, 39.000 nach Burkina Faso und 1.500 nach Algerien. In diesen Staaten versorgt das UNHCR fast 55.000 Flüchtlinge in Auffanglagern mit Trinkwasser, sanitären Anlagen, medizinischer Hilfe und Schulbildung. Insgesamt sollen sich nach UNHCR-Angaben über 200.000 malische Flüchtlinge in den angrenzenden Staaten aufhalten.

Innerhalb Malis sollen nach neuesten Schätzungen zusätzlich knapp 230.000 Menschen auf der Flucht sein. Sie sind aus dem Norden Malis in den südlichen Landesteil geflohen und befinden sich vorwiegend in Städten. Allein fast 50.000 Binnenvertriebene sollen sich in der malischen Hauptstadt Bamako befinden, 30.000 in der Provinzhauptstadt Ségou.

Flüchtlingsberichten zufolge haben die Islamisten in den von ihnen kontrollierten Regionen Kona, Lere und Gao die Scharia-Gesetzgebung eingeführt. Augenzeugen berichten von Zwangsamputationen und Hinrichtungen. Außerdem gibt es zahlreiche Berichte von sexuellen Übergriffen und Vergewaltigungen. Mit Geld versuchen die Islamisten, Zivilisten für ihre Truppen zu rekrutieren. In den Reihen der Rebellen sollen nach UNHCR-Berichten auch Kinder kämpfen. Dies wäre ein Verstoß gegen das Völkerrecht und würde vom Internationalen Strafgerichtshof als Kriegsverbrechen verfolgt werden.

Mali

Mali befindet sich nach Angaben des Welternährungsprogramms (WFP) auf Platz 175 von 187 Ländern auf dem sog. Human Development Index (HDI), bei dem neben dem Pro-Kopf-Einkommen auch Kriterien wie die durchschnittliche Lebenserwartung und der Bildungsgrad berücksichtigt werden. 80 % der Landbevölkerung sind abhängig von Agrar- und Viehwirtschaft, was vor dem Hintergrund der Zunahme extremer Wetterereignisse aufgrund des Klimawandels (vgl. Ausgabe 3/11, 1/09) fatale Konsequenzen hat. Die letzten bevölkerungs- und gesundheitspolitischen Erhebungen in Mali haben ergeben, dass 15 % der Kinder unter 5 Jahren an Unterernährung leiden. Über 69 % der Bevölkerung leben unterhalb der nationalen Armutsgrenze und über ein Fünftel der schulfähigen Kinder kann nicht zur Schule gehen.
www.wfp.org


Aktuelle Entwicklungen



Die erneute Offensive der Islamisten Anfang Januar konnte nur durch eine militärische Intervention der französischen Armee gestoppt werden. Frankreich griff auf Bitten der Regierung Malis in den Konflikt ein, da die Armee Malis den Islamisten nicht mehr standhalten konnte. 2.500 französische Soldaten unterstützen seither die malischen Truppen aus der Luft und am Boden. Die Bundeswehr unterstützt den Einsatz bisher logistisch.

Der UN-Sicherheitsrat hatte bereits Ende Dezember eine internationale Unterstützungsmission unter afrikanischer Führung beschlossen und die Westafrikanische Wirtschaftsgemeinschaft (ECOWAS) beauftragt, die territoriale Integrität Malis wiederherzustellen. Die Europäische Union hat Mitte Januar entschieden, eine Ausbildungsmission einzurichten, um die militärischen Fähigkeiten der malischen Armee zu stärken und die Wiederherstellung der Einheit des Landes zu unterstützen.

Das UNHCR kündigte an, seine Teams in der Region zu verstärken. Flüchtlinge, die sich noch in den Grenzregionen von Mauretanien, Burkina Faso und Niger befinden, sollen in den kommenden Wochen weiter in das Landesinnere gebracht werden. Allerdings haben die Regierungen in Burkina Faso und in Algerien angekündigt, ihre Grenzen schließen zu wollen. Als Grund gaben sie die Versorgungsprobleme der eigenen Bevölkerung infolge der extremen Trockenheit an. Die enormen Ernteausfälle infolge der Dürre in vielen afrikanischen Staaten erschweren die Arbeit der internationalen Hilfsorganisationen (vgl. Ausgabe 7/11). Wasser und Nahrungsmittel müssen oft über weite Strecken und in Regionen transportiert werden, in denen auch die einheimische Bevölkerung unter den Folgen der Dürre leidet.

Die Summe der benötigten Hilfsgelder erhöhte das UN-Flüchtlingshilfswerk von bislang 92 Mio. Euro auf knapp 250 Mio. Euro. Allein in diesem Jahr seien 150 Mio. Euro notwendig. Nach eigenen Angaben habe das UNHCR bisher lediglich 58 Mio. Euro von den Geberländern erhalten.

Weitere Informationen:


www.unhcr.de
www.unhcr.org
www.auswaertiges-amt.de


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Autor: Thomas Hummitzsch für bpb.de
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