Schüler stellen am 12.06.2013 in der Ernst-Schering-Schule in Berlin Prominenten Fragen bei einer Veranstaltung im Rahmen der Aktion "Gewalt verhindern - Integration fördern".

25.2.2013 | Von:
Dita Vogel

Deutschland: Hochqualifizierte Migranten - Offene Regelungen, geschlossene Gesellschaft?

Die Hürden für die Zuwanderung von hochqualifizierten Fachkräften sind heute in Deutschland niedriger als in den meisten anderen Industrieländern. Trotzdem ist die Zuwanderung von Arbeitsmigranten bislang relativ gering. Dies geht aus einem Bericht der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung hervor.

Fachkräftemangel

Der am 4. Februar vom stellvertretenden OECD-Generalsekretär Yves Leterme und Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) vorgestellte Bericht empfiehlt transparentere Verwaltungsverfahren, mehr fachbezogene Deutschkurse und mehr Unterstützung für kleine und mittlere Unternehmen. Nach Analysen der Bundesagentur für Arbeit zeigt sich aktuell kein flächendeckender Fachkräftemangel in Deutschland, wohl aber gibt es Engpässe in einzelnen technischen Berufsfeldern sowie in Gesundheits- und Pflegeberufen. Durch die demographische Entwicklung ist absehbar, dass sich diese Engpässe in Zukunft verstärken werden.

Geringe Fachkräftezuwanderung

Bei immer noch mehr als 3 Mio. Arbeitslosen gibt es derzeit rund 850.000 offene Stellen. Die Besetzung der Stellen mit Arbeitslosen lässt sich nicht immer realisieren, da Arbeitssuchende oft nicht über die benötigten Qualifikationen verfügen. Wenn Bewerber mit hohen Qualifikationen fehlen, können Arbeitgeber schon heute weltweit Fachkräfte anwerben. Allerdings ist der Anstieg der Arbeitsmigration nach Deutschland bisher vor allem auf Zuzüge aus anderen EU-Ländern im Rahmen der Freizügigkeit zurückzuführen (vgl. Ausgabe 10/12). Die Rekrutierung von Nicht-EU-Bürgern für potenziell dauerhafte Zuwanderung lag 2011 bei rund 25.000. Relativ zur Bevölkerung ist die Neuzuwanderung dieser Arbeitsmigranten daher in Deutschland – ähnlich wie in Frankreich oder Japan – sehr gering. Auf 10.000 Einwohner kommen ca. zwei Arbeitsmigranten aus Drittstaaten (2011), während z. B. das Vereinigte Königreich und Italien zehnmal höhere Werte aufweisen, so dass zwei Arbeitsmigranten auf 1.000 Einwohner kommen.

Rechtliche Rahmenbedingungen

Visa für Fachkräfte: Gebühren und BearbeitungszeitenVisa für Fachkräfte: Gebühren und Bearbeitungszeiten (© Deniz Keskin, www.denizkeskin.nl )
Gegenwärtig bestehen für die internationale Zuwanderung von Hochqualifizierten aus Nicht-EU-Ländern, die ein Arbeitsangebot in Deutschland haben, kaum noch rechtliche Beschränkungen. Auch die Bearbeitungszeiten, die oft als Hindernis für eine Rekrutierung aus dem Ausland genannt werden, betragen inzwischen für Hochqualifizierte selten mehr als einen Monat und sind damit im internationalen Vergleich gering, wie die OECD-Auswertung zeigt (vgl. Abbildung). Bei Berufen, für die kein Hochschulabschluss erforderlich ist, gibt es dagegen hohe Hürden. Die Bundesregierung hat allerdings eine neue Beschäftigungsverordnung angekündigt, die ab Juli 2013 auch für Fachkräfte mit mittlerem Qualifikationsniveau bessere Zuwanderungsmöglichkeiten bieten soll.

Hürden

Ein "Vermächtnis des allgemeinen Anwerbestopps“ (Leterme) besteht darin, dass diese Möglichkeiten immer noch als Ausnahmen präsentiert werden, was sich nach den Empfehlungen der OECD ändern sollte. Außerdem sind die Verfahren für Unternehmen, die selten oder erstmals Anträge stellen, relativ kompliziert und intransparent. Nach einer Umfrage unter 1.100 Unternehmen in Deutschland planen vor allem kleine und mittelgroße Unternehmen trotz erwarteter Engpässe nur in geringem Umfang Einstellungen aus dem Ausland. Insbesondere kleine und mittelgroße Unternehmen, bei denen ein Großteil des Bedarfs gemeldet wird, scheinen auf Deutschkenntnisse und sehr spezifische Qualifikationen zu bestehen, die im Ausland schwer zu finden sind. Die Nachfrage nach Deutschkursen übersteigt derzeit in vielen Ländern der Welt das Angebot. Auch das Potenzial internationaler Studierender, die nach dem Studium 18 Monate lang nach einer qualifikationsadäquaten Beschäftigung in Deutschland suchen dürfen, wird noch nicht vollständig ausgeschöpft. Ein Grund könnte in der schlechten Vorhersehbarkeit liegen, ob die Ausländerbehörden den Arbeitsplatz als qualifikationsadäquat akzeptieren, so die OECD-Studie. Diese Prüfung ist vor allem angesichts der Tatsache problematisch, dass eine unterqualifizierte Beschäftigung von Hochschulabsolventen in Deutschland durchaus üblich ist und Zuwanderer noch stärker betrifft als im Inland Geborene. In der europäischen Arbeitskräfteerhebung (2006 bis 2010) wurde festgestellt, dass unter den Ingenieuren, Architekten oder Fertigungstechnikern 33 % der im Inland Geborenen und 44 % der Zuwanderer in Beschäftigungen arbeiten, die unter ihrem Qualifikationsniveau liegen.

Allerdings zeichnet sich ab, dass die im August 2012 eingeführten Aufnahmeregelungen für Hochqualifizierte (die sogenannte Blue Card, vgl. Ausgabe 4/12) besser angenommen werden als erwartet. In den ersten sechs Monaten nach Einführung wurden nach vorläufigen Zahlen 4.126 Blue Cards in Deutschland erteilt, davon waren ungefähr ein Drittel Neuzuwanderer und der Rest Bewerber, die bereits in Deutschland lebten. Viele von ihnen sind Ärzte oder Ingenieure, insbesondere aus der Informations- und Kommunikationstechnologie. Hauptherkunftsländer sind Indien (983), China (398), Russland (262) und die USA (182).

Reaktionen auf die OECD-Studie

"Wir sind einen weiten Weg in kurzer Zeit gegangen. Vor drei Jahren ging es vorrangig um Abwehr von Zuwanderung, jetzt zeichnet sich ein Gesinnungswandel ab. Wir fragen nicht mehr, woher jemand kommt, wir fragen, was jemand kann“, resümierte Bundesarbeitsministerin von der Leyen bei der Vorstellung der OECD-Studie. Sie wies auf ein Sonderprogramm in Höhe von 140 Mio. Euro zur Förderung der Mobilität von jungen Fachkräften in der EU hin, mit dem vor allem Sprachkurse im Heimatland, Zuschüsse für Reisekosten zu Vorstellungsgesprächen oder Praktika finanziert werden sollen. Die Vorsitzende des Sachverständigenrats für Integration und Migration (SVR) Christine Langenfeld ist jedoch skeptisch, ob ein Imagewandel im Ausland schon wahrgenommen wird: „Deutschland muss sein altes Image des Nicht-Einwanderungslandes loswerden und ein klares Willkommenssignal an hochqualifizierte Zuwanderer senden.“

Weitere Informationen

www.oecd-ilibrary.org/ ... /zuwanderung-auslandischer-arbeitskrafte-deutschland-german-version_9789264191747-de
www.oecd.org/berlin/LETERME%20SPEECH%20DEU_FIN.pdf
www.bundesregierung.de/ ... /2013-02-04-gute-rahmenbedingungen-fuer-zuwanderung.html
statistik.arbeitsagentur.de/ ... /BA-FK-Engpassanalyse-2012-12.pdf

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Autor: Dita Vogel für bpb.de
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