Schüler stellen am 12.06.2013 in der Ernst-Schering-Schule in Berlin Prominenten Fragen bei einer Veranstaltung im Rahmen der Aktion "Gewalt verhindern - Integration fördern".

30.4.2013 | Von:
Thomas Hummitzsch

SVR-Jahresgutachten: Deutschland ist ein Magnet für Hochqualifizierte

Immer mehr junge, motivierte und gut ausgebildete Unionsbürger kommen nach Deutschland. Dies geht aus dem aktuellen Jahresgutachten des Sachverständigenrats deutscher Stiftungen für Integration und Migration hervor.

Deutschland profitiert als Einwanderungsland erheblich von der europäischen Binnenmigration. Zu diesem Ergebnis kommt der Sachverständigenrat (SVR) in seinem vierten Jahresbericht (vgl. Ausgaben 5/12, 5/11), der Mitte April vorgestellt wurde. Vor dem Hintergrund der europäischen Finanzkrise untersucht der Bericht die Bedeutung der innereuropäischen Wanderungen für Deutschland. Das Gremium unter dem Vorsitz der Juristin Christine Langenfeld spricht von einer "Freizügigkeitsdividende" für Deutschland. Sie stehe im Gegensatz zur Furcht vor dem "Sozialtourismus" bzw. der "Armutsmigration", von der zuletzt häufig die Rede war (vgl. Ausgaben 3/13, 2/13).

Ergebnisse

Akademikerquote 25- bis 64-jähriger Neuzuwanderer nach Herkunftsgruppe 2010Akademikerquote 25- bis 64-jähriger Neuzuwanderer nach Herkunftsgruppe 2010 (© Deniz Keskin, www.denizkeskin.nl)
Die Europäische Union ist der wichtigste Herkunftsraum von Zuwanderern in Deutschland. Hielt sich 2004 das Verhältnis von zugewanderten Unionsbürgern (301.000) und Drittstaatlern (298.000) in Deutschland noch die Waage, so kamen 2011 bereits drei von fünf Migranten aus einem der EU-Staaten (532.000) und nur zwei von fünf aus Drittstaaten (307.000). Insbesondere die neuen EU-Mitgliedstaaten der Erweiterungsrunden 2004 und 2007 spielen inzwischen eine große Rolle für die Zuwanderung. 2011 kamen 251.000 bzw. rund 30 % aller Einwanderer aus Estland, Lettland, Litauen, Malta, Polen, der Slowakei, Slowenien, Tschechien, Ungarn und Zypern. 150.000 bzw. etwa 18 % stammten aus Bulgarien und Rumänien.

Im Kontext der europäischen Finanzkrise sind seit 2010 aber auch die Zuzüge aus den besonders betroffenen Staaten Griechenland, Irland, Italien, Portugal und Spanien deutlich gestiegen. Der SVR spricht hier von einem "krisenbedingten Wanderungseffekt" (vgl. Ausgaben 3/12, 7/11).

Deutschland profitiert von der steigenden Zuwanderung aus den EU-Staaten, da diese die Effekte des demografischen Wandels in Deutschland abfedere, erklärt der SVR in seinem Gutachten. Während das Durchschnittsalter der deutschen Gesamtbevölkerung 2010 bei etwa 44 Jahren lag, betrug das der zugewanderten Unionsbürger rund 33 Jahre. Der weit überwiegende Teil der Zuwanderer aus den EU Staaten war 2010 im Haupterwerbsalter, also zwischen 25 und 50 Jahre alt.

Eine Auswertung des Mikrozensus zum Qualifikationsniveau der Zuwanderer zeigt, dass sich die Befürchtung, es würden nach der EU-Erweiterung verstärkt niedrig qualifizierte Unionsbürger nach Deutschland kommen, nicht bewahrheitet hat. Unionsbürger arbeiten in Deutschland größtenteils in Positionen mit hohem oder mittlerem Qualifikationsprofil und lassen sich in Deutschland vermehrt als Selbständige nieder. Die Akademikerquote aller Zuwanderergruppen lag 2010 deutlich über der Quote der deutschen Mehrheitsbevölkerung (siehe Grafik). Die Arbeitsmarktbeteiligung von Unionsbürgern in Deutschland (67,9 %) lag 2011 zwar unter der der Deutschen (73,6 %), aber deutlich über der von Drittstaatlern (53,3 %).

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Hochqualifizierte fördern Produktivität

Eine im April veröffentlichte Studie über die Auswirkungen von Migration auf Einkommens und Produktivitätsunterschiede zwischen 1990 und 2000 kommt zu dem Ergebnis, dass die Einwanderung Hochqualifizierter keine negativen Folgen für das Lohnniveau einheimischer Fachkräfte hat. Einfache ökonomische Standardmodelle verleiten zu der Annahme, dass die Einkommen von einheimischen Fachkräften durch die Immigration von Hochqualifizierten sinken könnten. Wissenschaftler der Universitäten Bayreuth und Fribourg (Schweiz) fanden jedoch heraus, dass einwandernde Hochqualifizierte die Produktivität steigern. Dies wirke sich wiederum positiv auf die wirtschaftliche Gesamtentwicklung aus. Auch tendenziell gering qualifizierte Arbeitnehmer profitieren von einer steigenden Zahl hochqualifizierter Arbeitskräfte. Insgesamt zeigt die Untersuchung, dass Länder, die eine große Anziehungskraft auf hochqualifizierte Migranten ausüben, erhebliche wirtschaftliche Vorteile daraus ziehen können, während die Herkunftsländer der Fachkräfte mit den negativen wirtschaftlichen Folgen kämpfen müssen.
www.uni-bayreuth.de
In den letzten Jahren ist auch die Zahl der hochqualifizierten Drittstaatsangehörigen gestiegen, wie eine Studie des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung (BiB) zeigt. Seit 1998 hat sich die Zahl von hochqualifizierten Nicht-EU-Bürgern dank Green-Card-Regelung und anderen migrationspolitischen Initiativen von 1.200 auf 27.800 im Jahr 2011 erhöht. Der Anteil der Hochqualifizierten unter allen Zuwanderern ist im selben Zeitraum von 0,5 % (1998) auf 11 % gestiegen.

SVR-Empfehlungen

Die innereuropäische Wanderung ist ein Erfolgsmodell, erklärt der SVR und fordert einen einheitlichen Rechtsrahmen, um noch bestehende Wanderungsbarrieren abzubauen. Wenn EU-Staaten nationalstaatliche Interessen über die Prinzipien der europäischen Freizügigkeit stellten, agierten sie "kleingeistig". Aufgrund der Bedeutung der europäischen Binnenwanderung im Fachkräftebereich fordert der SVR eine stärkere Einbindung von Universitäten in die Migrationspolitik, denn sie seien "Migrationsmagneten und Integrationsmotoren". Ein weiteres wichtiges Instrument zur Gewinnung von Fachkräften seien transparente Verfahren zur Anerkennung von im Ausland erworbenen Qualifikationen. Das am 1. April 2012 in Kraft getretene Gesetz zur Anerkennung von im Ausland erworbenen Berufsabschlüssen (vgl. "Deutschland: Ein Jahr Anerkennungsgesetz" sowie Ausgaben 8/11, 1/10) bewertet der SVR positiv, sieht aber vor allem im Gesundheitsbereich noch Nachbesserungsbedarf. Wolle man eine "Migrationspolitik aus einem Guss", müsse man außerdem die Zuwanderung von hochqualifizierten Fachkräften aus den EU- und aus Drittstaaten in einem "Nationalen Aktionsplan Migration" konzeptionell zusammenführen.

Migrationsbarometer

Für das SVR-eigene Migrationsbarometer 2013 wurden 2.200 Personen zu ihrer Haltung zu Europa und der Freizügigkeit befragt. Trotz der Finanzkrise herrsche eine "robuste" Identifikation mit der EU. Über die Hälfte der Befragten mit (54,2 %) und ohne Migrationshintergrund (54,7 %) fühlen sich (sehr) stark als Europäer. Die Identifikation mit Europa steigt dabei mit dem Bildungsgrad. Deutschland werde mehrheitlich als Profiteur der europäischen Mobilität angesehen. Die innereuropäische Solidarität sei hoch. Über 70 % der Befragten gestehen zugewanderten Unionsbürgern, die in Deutschland arbeitslos werden, Sozialleistungen zu. Dies gilt auch für Zuwanderer aus der Türkei. Der SVR warnt jedoch davor, diese Solidarität zu überspannen, "um nicht am Ende die Zustimmung zum Europaprojekt insgesamt zu riskieren".

Weitere Informationen

www.svr-migration.de
www.bib-demografie.de

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