Schüler stellen am 12.06.2013 in der Ernst-Schering-Schule in Berlin Prominenten Fragen bei einer Veranstaltung im Rahmen der Aktion "Gewalt verhindern - Integration fördern".

Deutschland: 1,5 Millionen Menschen weniger als angenommen


17.6.2013
Am 1. Juni wurden die Ergebnisse der Volkszählung vom Mai 2011 veröffentlicht. Demnach leben in Deutschland aktuell 80,2 Millionen Menschen. Das sind 1,5 Millionen weniger als bisher angenommen.

Eine Volkszählung, auch Zensus genannt, dient der statistischen Erfassung der Bevölkerung eines Landes. Volkszählungen sollen nach Empfehlungen der Vereinten Nationen alle zehn Jahre vorgenommen werden. In Deutschland wird die Bevölkerung im Zeitraum zwischen den einzelnen Volkszählungen statistisch in der Bevölkerungsfortschreibung ermittelt, die auf der Erfassung von Geburtenzahlen, Zuzügen, Sterbefällen und Fortzügen beruht. Dabei kann es zu Ungenauigkeiten kommen, weil nicht alle Wanderungen von laufenden Statistiken registriert werden können. So erfahren z. B. die Meldeämter nicht immer, wenn jemand ins Ausland zieht, weil nur erfasst wird, wer sich offiziell abmeldet. Das erklärt auch, warum nach der Volkszählung 2011 die Bevölkerungszahl Deutschlands deutlich nach unten korrigiert werden musste.

Vor allem die Zahl der in Deutschland lebenden Ausländer/-innen wurde vor der umfassenden Bestandsaufnahme durch die Volkszählung zu hoch eingeschätzt. Nach Volkszählungsergebnissen lag die Zahl der ausländischen Staatsangehörigen am Stichtag (9. Mai 2011) bei 6,1 Mio. oder 7,7 % der Bevölkerung und damit um 1,1 Mio. niedriger als bis dahin angenommen. Die korrigierte Einschätzung der Bevölkerungszahl ist politisch und finanziell relevant. Sie hat z. B. Auswirkungen auf den Finanzausgleich und damit die Finanzausstattung von Gemeinden. Auch Wahlkreise werden möglicherweise neu zugeschnitten.

Registergestützter Zensus



Für die Volkszählung 2011 wurden Daten der Meldeämter, der Bundesagentur für Arbeit und der öffentlichen Arbeitgeber zusammengeführt. Außerdem wurden 10 % aller Haushalte direkt befragt, um die Angaben zu korrigieren und um zusätzliche sozialstatistische Daten zu ergänzen. In der Bundesrepublik hatte die letzte Volkszählung vor 2011 im Jahr 1987 stattgefunden, in der ehemaligen DDR 1981.

Bevölkerung mit Migrationshintergrund



Die Volkszählungsergebnisse zum Anteil der Bevölkerung mit Migrationshintergrund decken sich in etwa mit den Angaben des letzten Mikrozensus (vgl. Ausgabe 8/11). Demnach hatten 2011 rund 15 Mio. Menschen oder 18,9 % der Bevölkerung Deutschlands einen Migrationshintergrund. Hohe Anteile von Menschen mit Migrationshintergrund (um 25 %) gibt es in den Stadtstaaten Hamburg, Berlin und Bremen sowie den großen Flächenländern Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen und Hessen. In allen neuen Bundesländern liegt ihr Anteil unter 5 %.

Als Personen mit Migrationshintergrund werden im Zensus alle Ausländer/-innen sowie alle nach 1955 auf das heutige Gebiet der Bundesrepublik Deutschland zugewanderten Deutschen und alle Deutschen mit zumindest einem nach 1955 zugewanderten Elternteil definiert. Ausländer/-innen sind Personen, die nicht die deutsche Staatsangehörigkeit besitzen. Enthalten sind ebenfalls Staatenlose und Personen mit ungeklärter Staatsangehörigkeit.

Bevölkerung Deutschlands nach Migrationshintergrund (in Mio.)Bevölkerung Deutschlands nach Migrationshintergrund (in Mio.) (© Deniz Keskin, www.denizkeskin.nl)
Die Definition des Migrationshintergrundes in der Volkszählung weicht geringfügig von der Definition des Mikrozensus ab. So wurde für den Mikrozensus in Bezug auf die Zuwanderung aus dem Ausland das Stichjahr 1950 gewählt und das Stichjahr 1960 bei der Frage nach dem Geburtsland der Eltern. Die Volkszählung nimmt hier keine Unterscheidung mehr vor, sondern legt einheitlich das Jahr des ersten Anwerbeabkommens mit Italien (1955) als Stichjahr zur Erfassung des Migrationshintergrundes fest. Diese Definitionsänderung hat nach Angaben des Statistischen Bundesamtes aber nur geringfügige Auswirkungen auf die Statistik.

Nach seiner Einführung im Jahr 2005 hat sich das Merkmal "Migrationshintergrund" in Deutschland rasch zur Beschreibung des Einflusses von Migration auf die Bevölkerungs-
zusammensetzung durchgesetzt. In internationalen Statistiken ist es dagegen üblich, die Bevölkerung nach der Staatsangehörigkeit und dem Geburtsland zu unterscheiden. Auch dazu liefert die Volkszählung zuverlässige Daten (siehe Abbildung 1).

Abbildung 2 zeigt die Zusammensetzung der Bevölkerung mit Migrationshintergrund nach Staatsangehörigkeit und Geburtsland. Demnach sind rund 40 % der Bevölkerung mit Migrationshintergrund in Deutschland geboren. Zwei Drittel von ihnen besitzen die deutsche Staatsangehörigkeit. Rund 60 % wurden im Ausland geboren und sind nach Deutschland zugewandert, wovon etwas mehr als die Hälfte deutsche Staatsangehörige sind.
Bevölkerung mit Migrationshintergrund nach Staatsangehörigkeit und Geburtsland (in %)Bevölkerung mit Migrationshintergrund nach Staatsangehörigkeit und Geburtsland (in %) (© Deniz Keskin, www.denizkeskin.nl)
Von den rund 9,1 Mio. zugewanderten Menschen mit Migrationshintergrund kamen rund 3,7 Mio. zwischen 1956 und 1989 nach Deutschland. Die frühen 1990er Jahre waren durch starke Zuwanderung geprägt. Das spiegelt sich auch in den Volkszählungsdaten wider: 3,1 Mio. Zuwanderer kamen in der Dekade der 1990er nach Deutschland. Weitere 2,2 Mio. sind seit der Jahrtausendwende zugewandert.

Soziodemografische Merkmale



Wenn man die unterschiedlichen Subgruppen der Bevölkerung mit Migrationshintergrund betrachtet und sie mit der Bevölkerung ohne Migrationshintergrund vergleicht, zeigt sich, dass sie sich hinsichtlich ihrer soziodemografischen Merkmale von dieser unterscheiden. Die Geschlechterzusammensetzung der Bevölkerung mit und ohne Migrationshintergrund ist allerdings jeweils ungefähr ausgewogen (siehe Abbildung 3). Mit Blick auf die Religionszugehörigkeit zeigten sich nur geringe Unterschiede zwischen Deutschen mit und ohne Migrationshintergrund, die sich beide überwiegend zum Christentum bekennen (70 % zu 63 %). Auch unter den ausländischen Einwohnern Deutschlands war das Christentum mit 43 % die wichtigste Religion, aber auch sonstige Religionen, zu denen z. B. der Islam zählt, sind mit 32 % häufig vertreten.
Soziodemografische Merkmale ausgewählter BevölkerungsgruppenSoziodemografische Merkmale ausgewählter Bevölkerungsgruppen (© Deniz Keskin, www.denizkeskin.nl)

Dagegen bekannten sich nur 1 % der Deutschen ohne und immerhin 16 % der Deutschen mit Migrationshintergrund zu sonstigen Religionen. Jeweils rund 17 % der Befragten mit und ohne Migrationshintergrund machten keine Angaben zu ihrer Religionszugehörigkeit. Die Bevölkerung mit Migrationshintergrund ist im Durchschnitt deutlich jünger als die Bevölkerung ohne Migrationshintergrund. Besonders deutlich wird dies am Anteil der älteren Menschen ab 65 Jahren: In der Bevölkerung ohne Migrationshintergrund liegt er bei 23 %, in der Bevölkerung mit Migrationshintergrund bei nur 9 %.

Die Auswertung weiterer Volkszählungsergebnisse nach Haushalten ist noch nicht abgeschlossen. Die Veröffentlichung ist für Anfang 2014 geplant.

Weitere Informationen


www.destatis.de
https://www.zensus2011.de

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Autor: Dita Vogel für bpb.de
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