Schüler stellen am 12.06.2013 in der Ernst-Schering-Schule in Berlin Prominenten Fragen bei einer Veranstaltung im Rahmen der Aktion "Gewalt verhindern - Integration fördern".

11.8.2013 | Von:
Pascal Goeke

Kroatien: Das neue EU-Mitglied und die Migrationsfrage

Seit dem 1. Juli 2013 ist Kroatien Mitglied der Europäischen Union. Wie schon bei den EU-Osterweiterungen in den Jahren 2004 und 2007 machen einige der alten EU-Staaten von ihrem Recht Gebrauch, die Freizügigkeit für kroatische Arbeitskräfte für bis zu 7 Jahre einzuschränken (2+3+2-Modell). Umfangreiche Abwanderungen aus Kroatien wären aber auch bei voller Freizügigkeit nicht zu erwarten.

Wanderungen im 19. und 20. Jahrhundert

Ein- und Auswanderungen sind fester Bestandteil der kroatischen Geschichte. Dominierten vor dem 19. Jahrhundert die Zuwanderungen, so drehten sich die Verhältnisse im 19. und vollends im 20. Jahrhundert um. Wie Südosteuropa insgesamt wurde Kroatien zu einer Region mit einem Auswanderungsüberschuss. Zu Beginn zog es die meisten Auswanderer nach Übersee. Ab den 1920er Jahren wurden Frankreich, Belgien, die Niederlande und später Deutschland zu den wichtigsten Zielländern. Ab Mitte der 1960er Jahre wirkten die Anwerbeabkommen des damaligen Jugoslawiens mit verschiedenen Staaten Nord- und Westeuropas als Motor für weitere Migrationen. Zugleich war die jugoslawische Teilrepublik Kroatien eine wichtige Zielregion für Jugoslawen aus den südlich gelegenen Republiken. Nach geringen Wanderungsbewegungen in den 1980er Jahren wurden Ein- und Auswanderung in den 1990er Jahren vor allem durch die Jugoslawienkriege beeinflusst. So flohen in das 4,4-Millionen-Einwohner-Land in den Jahren 1992-1995 beispielsweise über 400.000 Personen aus Bosnien-Herzegowina, während circa 350.000 Serben das Land in Richtung Serbien verließen.

Migration seit der Jahrtausendwende

Seit der Jahrtausendwende ist die Zuwanderung stetig gesunken, während die Auswanderungszahlen in etwa gleich geblieben sind. Insgesamt ergibt sich für den Zeitraum von 2001-2011 ein positiver Wanderungssaldo von 66.682 Personen. Ein wesentlicher Teil der Ein- und Auswanderungen konzentriert sich auf Wanderungsbewegungen zwischen Kroatien, Bosnien-Herzegowina und Serbien: Von den 12.699 Personen, die Kroatien im Jahr 2011 verließen, zogen 4.029 nach Bosnien-Herzegowina (32 %), 3.301 nach Serbien (26 %) und 2.633 in Länder der EU (21 %). Umgekehrt zogen insgesamt 8.534 Personen nach Kroatien. Davon kamen 3.666 Personen aus Bosnien-Herzegowina (43 %), 690 aus Serbien (8 %) und 1.818 aus der EU (21 %).

EU-Mitgliedschaft

Die EU-Mitgliedschaft ist die logische Folge einer politischen Orientierung Kroatiens Richtung EU, die sich spätestens mit der Unabhängigkeitserklärung im Jahre 1991 manifestiert hat. Damals war die Abspaltung von Jugoslawien auch deshalb eine Option, weil die EU signalisierte, dass Slowenien und Kroatien reif für eine EU-Mitgliedschaft wären, dies aber unmöglich im Verbund mit den anderen jugoslawischen Teilrepubliken geschehen könne. Während der Beitrittsverhandlungen von 2005 bis 2011 hat sich Kroatien der EU bereits stark angenähert. Dazu haben auch die Wanderungsbewegungen zwischen Kroatien und der EU beigetragen, die die sozialen, wirtschaftlichen und politischen Austauschbeziehungen festigten. Bereits vor Verhandlungsbeginn im Jahr 2004 wurde ein Asylrecht erlassen, das die EU-Anforderungen erfüllte (2011 gingen 810 Asylanträge ein). Auch Teile des Staatsbürgerschaftsrechts wurden an EU-Standards angepasst. Die Auswanderungs- und Fluchtbewegungen der Vergangenheit sowie die freizügige Vergabe der kroatischen Staatsbürgerschaft haben dazu geführt, dass mit dem EU-Beitritt Kroatiens rund 500.000 Personen zu Unionsbürgern geworden sind, die nicht auf kroatischem Territorium leben. Dies betrifft vor allem Kroaten in Bosnien-Herzegowina und rund 200.000 aus Kroatien stammende Serben, die ihre kroatische Staatsbürgerschaft auch in Serbien behalten haben.

Übergangsregelungen

Aktuell deutet nichts darauf hin, dass eine völlige Freizügigkeit zu starken und in den Zielländern spürbaren Wanderungen führen würde. Dennoch haben sich viele EU-Staaten dafür entschieden, den Arbeitsmarktzugang für kroatische Staatsangehörige zunächst einzuschränken. Noch liegen die Informationen dazu nicht aus allen EU-Staaten vor, aber die aktuellen Entscheidungen von beispielsweise Belgien, Deutschland, Frankreich und den Niederlanden (jeweils 2 Jahre) oder Österreich und dem Vereinigten Königreich (beide 7 Jahre) machen deutlich, dass Kroatien ein weiteres, aber dann vermutlich letztes Mal warten muss, um ganz in der EU anzukommen.

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Autor: Pascal Goeke für bpb.de
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