Schüler stellen am 12.06.2013 in der Ernst-Schering-Schule in Berlin Prominenten Fragen bei einer Veranstaltung im Rahmen der Aktion "Gewalt verhindern - Integration fördern".

Interview: "Die Rechte junger Flüchtlinge werden nur unzureichend umgesetzt"


16.9.2013
Interview mit Niels Espenhorst, Sozialwissenschaftler und Mitarbeiter beim Bundesfachverband Unbegleitete Minderjährige Flüchtlinge e.V

MuB: Wie viele UMF leben aktuell in Deutschland?

Niels EspenhorstNiels Espenhorst
Niels Espenhorst: Da außer den Zahlen zu den Inobhutnahmen keine weiteren Daten vorliegen, können wir nur schätzen, dass sich etwa 9.000 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge derzeit in Deutschland aufhalten.

Was sind das für Minderjährige, die unbegleitet nach Deutschland kommen?

Die unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge sind meist männlich, durchschnittlich 16 Jahre alt und in der Regel seit einem Jahr auf der Flucht mit längerem Aufenthalt in der Türkei oder in Griechenland, ohne Papiere und Ansprechpersonen. Die meisten wissen nicht, was in Deutschland auf sie zukommt. Viele haben außerdem schon schlechte Erfahrungen mit Polizei, Grenzschutz oder Behörden gemacht.

Woher kommen die meisten unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge in Deutschland?

Die Mehrzahl der unbegleiteten Minderjährigen kommt derzeit aus Afghanistan, Syrien, Somalia und Irak.

Gibt es Erkenntnisse, wie hoch der Anteil der unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge ist, die einen Aufenthaltstitel bekommen?

Nein, Zahlen dazu sind nicht bekannt. Es gibt nur eine Statistik der Asylerstanträge. Wir wissen aber, dass viele erst nach sehr vielen Jahren einen sicheren Aufenthaltsstatus in Deutschland haben. So dauert es Jahre, bis die Jugendlichen hier wirklich "ankommen".

Welches ist aus Ihrer Sicht der größte Missstand im Umgang mit unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen?

Formal haben junge Flüchtlinge die gleichen Rechte wie einheimische Kinder. Diese werden aber nur unzureichend umgesetzt. Zudem existiert eine erhebliche Bildungsungerechtigkeit, die Flüchtlinge mit voller Kraft trifft. Mehr als ein Hauptschulabschluss ist für sie selten möglich, weil andere Schulen für sie nicht vorgesehen sind oder es z.B. zu wenig Sprachförderung gibt.

Ist Deutschland ein Schwerpunktland, was die Aufnahme dieser jungen Flüchtlinge betrifft?

Griechenland hat offiziell nur wenige Asylanträge von unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen, de facto dürften dort die meisten leben. Neben Frankreich, Großbritannien und Schweden ist Deutschland aber dennoch als Schwerpunktland zu bezeichnen.

Ist die sog. Dublin-II-Regelung, also die Überführung in den EU-Staat der Ersteinreise, für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge ausgesetzt?

Nach dem Urteil des EuGH vom 6. Juni 2013 (Az. C-648/11) gehen wir davon aus, dass Dublin für UMF weitgehend ausgesetzt ist. Das bleibt zu beobachten (vgl. Ausgaben 9/09, 1/09, 5/08).

Was müsste am dringendsten getan werden, um die Situation von unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen in Deutschland zu verbessern?

Überfällig wäre die Erleichterung von Familienzusammenführungen, geschlechts- und kultursensible Formen der Altersfestsetzungen in der Verantwortung der Jugendämter sowie die Sicherstellung von Rechtsbeistand bei Asylverfahren. Das Mittel der Zurückweisung an der Grenze oder am Flughafen sollte beseitigt werden und die bessere Anerkennung kinderspezifischer Fluchtgründe wie Zwangsbeschneidung, Kinderhandel, Prostitution, Kinderarbeit oder die Rekrutierung als Kindersoldaten ist dringend notwendig. Ferner wäre die bessere Integration in unser Bildungssystem wünschenswert, denn bislang bieten fast nur Haupt- und Berufsschulen spezielle Förderung für Flüchtlinge an. So können viele Jugendliche, die das Potenzial für einen besseren Schulabschluss haben, diesen nicht erreichen, weil ihnen die Unterstützung und der Zugang zu den entsprechenden Schulen fehlt.

Was für Reformwünschen haben Sie an die politisch Verantwortlichen in Deutschland und Europa?

Ich würde mir eine Abschaffung der Rückführungen von unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen sowie bessere Angebote zur Aufenthaltssicherung und Integration von der ersten Stunde an wünschen.


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Autor: Thomas Hummitzsch für bpb.de
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