Schüler stellen am 12.06.2013 in der Ernst-Schering-Schule in Berlin Prominenten Fragen bei einer Veranstaltung im Rahmen der Aktion "Gewalt verhindern - Integration fördern".

15.11.2013 | Von:
Thomas Hummitzsch

Deutschland: Erste Jahresbilanz nach Einführung des Berufsanerkennungsgesetzes

Ende 2011 ist das Gesetz zur Anerkennung von im Ausland erworbenen Berufsqualifikationen erlassen worden, das insbesondere Zugewanderten den Arbeitsmarktzugang erleichtern sollte. Nun liegen erste Zahlen vor, wonach 2012 knapp 11.000 Anträge gestellt wurden. Damit blieben die Zahlen deutlich hinter den Erwartungen zurück. Die meisten Anerkennungen erhielten im Ausland ausgebildete Ärzte.

In Deutschland leben Schätzungen zufolge knapp 3 Mio. Menschen mit einem im Ausland erworbenen Berufsabschluss. Viele dieser Personen sind Einwanderer und arbeiten aufgrund der fehlenden Anerkennung ihrer Abschlüsse unter ihrem Qualifikationsniveau. Das Ende 2011 verabschiedete Berufsqualifikationsfeststellungsgesetz (BQFG) sollte die Anerkennung ausländischer Abschlüsse erleichtern und standardisieren, um den im Ausland ausgebildeten Arbeitnehmern einen besseren Arbeitsmarktzugang zu gewährleisten und dem Fachkräftemangel in einzelnen Berufsgruppen entgegenzuwirken (vgl. Ausgaben 4/13, 2/13, 9/11).

Das Statistische Bundesamt in Wiesbaden hat am 15. Oktober erstmals Zahlen zu den Anerkennungen ausländischer Berufsqualifikationen veröffentlicht. Demnach gingen 2012 insgesamt 10.989 Anerkennungsanträge gemäß BQFG bei den zuständigen Stellen ein. Mit 5.538 Anträgen bezog sich etwa die Hälfte der Anerkennungsverfahren auf Abschlüsse, die innerhalb der EU erworben wurden. Weitere 3.015 Antragsteller hatten ihre Qualifikationen im übrigen europäischen Ausland erworben. 2.268 Verfahren betrafen Abschlüsse aus dem außereuropäischen Ausland, wovon mehr als die Hälfte auf asiatische Staaten entfielen.

Insgesamt wurden 68 % aller Anträge (7.458) positiv und 5 % (522) negativ beschieden. In 27 % aller Verfahren (3.009) war Ende 2012 noch keine Entscheidung gefallen. Bei 88 % aller positiv beschiedenen Anträge wurde die volle Gleichwertigkeit der im Ausland erworbenen Qualifikation anerkannt. Bei 12 % aller Antragsteller wurde die Auflage eines Anpassungslehrgangs von bis zu drei Jahren oder einer Eignungsprüfung erteilt, um die volle Anerkennung ihrer Qualifikation zu erlangen.

Mit 8.199 eingeleiteten Anerkennungsverfahren wurden die mit Abstand meisten Anträge für medizinische Gesundheitsberufe gestellt. Davon entfielen 70 % (5.697) auf die Anerkennung als Arzt, 18 % (1.482) auf die Qualifikation des Gesundheits- und Krankenpflegers, jeweils 4 % (342) auf eine zahnärztliche Ausbildung sowie den Apothekerberuf (321) und 3 % (243) aller Anträge betrafen die Anerkennung als Physiotherapeut. Von den 7.071 abgeschlossenen Anerkennungsverfahren in dieser Berufsgruppe wurden 97 % aller Anträge (6.837) positiv und 3 % (234) negativ beschieden.

Über einhundert erfolgreiche Anerkennungsverfahren gab es zudem in den Bereichen Mechatronik-, Energie- und Elektroberufe (150), Unternehmensführung und -organisation (135) sowie Maschinen- und Fahrzeugtechnikberufe (123). Die Anerkennungsquoten lagen zwar deutlich unter denen im Bereich der medizinischen Gesundheitsberufe, aber immer noch bei über 60 %.

Die deutliche Mehrzahl der Anträge betraf mit vier Fünfteln die reglementierten Berufe, unter die u. a. zahlreiche medizinische Professionen (Approbation) sowie die Rechtsberufe und das Lehramt (Staatsexamen) fallen. Hier ist die Anerkennung Voraussetzung für die Ausübung des Berufs in Deutschland. Für die Durchführung der Anerkennungsverfahren sind überwiegend die Bundesländer sowie bei den medizinischen Berufen die Ärztekammern zuständig. Da bislang erst sieben Länder eigene Anerkennungsgesetze in Kraft gesetzt haben, sind wichtige reglementierte Berufe wie der Lehrerberuf, der Ingenieurberuf sowie die Sozialberufe von der Statistik nicht erfasst.

Ein Fünftel aller Anträge entfiel auf nicht reglementierte Berufe, bei denen die Qualifikationsanerkennung für die Berufsausübung in Deutschland nicht zwingend notwendig ist. Sie erhöht jedoch die Chancen auf eine Beschäftigung gemäß der Qualifikation. Die Anerkennungsverfahren für die nicht reglementierten Berufe werden von den jeweiligen Fachkammern durchgeführt. Nach Angaben der Anlaufstellen des Netzwerks Integration durch Qualifizierung verhindert die fehlende Umsetzung des BQFG in den Ländern die Anerkennung von Lehrern (17 % aller durchgeführten Beratungen des Netzwerks), Ingenieuren (10 %), Gesundheits- und Krankenpflegern (6 %) sowie staatlich anerkannten Erziehern (5 %).

Die Beauftragte für Migration, Flüchtlinge und Integration, Staatsministerin Maria Böhmer (CDU), sagte, dass sich der Einsatz für die verbesserte Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse gelohnt habe. "Die positive erste Bilanz des Bundesanerkennungsgesetzes sollte für die anderen Länder Ansporn sein, schnellstmöglich eigene Gesetze zu verabschieden", betonte Böhmer. Der stellvertretende bildungspolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion Swen Schulz zeigte sich hingegen ernüchtert angesichts der ersten Jahresbilanz. Mit knapp 11.000 Anträgen sei man weit hinter den Erwartungen zurückgeblieben. Ursache für die fehlende Nachfrage sei der "Dschungel an Regelungen und Zuständigkeiten", erklärte Schulz. Die Vorsitzende des Sachverständigenrats deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR) Christine Langenfeld hatte bereits zum ersten Jahrestag des Gesetzes Ende März erklärt, dass die fünfstelligen Antragszahlen deutlich hinter dem Personenkreis der Antragsberechtigten von etwa 285.000 Personen zurückblieben, und eine politische Offensive gefordert (vgl. Ausgabe 4/13).

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Autor: Thomas Hummitzsch für bpb.de
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