Schüler stellen am 12.06.2013 in der Ernst-Schering-Schule in Berlin Prominenten Fragen bei einer Veranstaltung im Rahmen der Aktion "Gewalt verhindern - Integration fördern".

16.5.2014 | Von:
Rainer Ohliger

Fachkräfteeinwanderung: Ansätze und erste Erfahrungen

Das anhaltende Wirtschaftswachstum und der demografische Wandel rücken die Themen Fachkräftemangel und Fachkräfteanwerbung in den Mittelpunkt der Zuwanderungsdebatten in Deutschland. Eine proaktive Anwerbepolitik wird zunehmend Teil der politischen Gestaltung der deutschen Einwanderungsgesellschaft. Eine Zwischenbilanz der Initiativen zur Fachkräfteanwerbung.

Arbeitsmarktöffnung

In Deutschland erfolgte die Öffnung des Arbeitsmarktes für Migranten in mehreren Schritten. Nach der langen Phase der Gastarbeiteranwerbung von den 1950er Jahren bis 1973 (vgl. Ausgabe 3/10) wurde mit Beginn der 1990er Jahre die temporäre Beschäftigung ostmitteleuropäischer Arbeitnehmer in Mangelberufen durch bilaterale Abkommen geregelt. Seit 2005 ermöglicht das Zuwanderungsgesetz ausländischen Studierenden, die einen Abschluss an einer deutschen Universität erworben haben, den Zugang zum deutschen Arbeitsmarkt (vgl. Ausgabe 5/04). Die EU-Osterweiterungen 2004 und 2007 sowie der Wegfall von Übergangsregelungen 2011 bzw. 2014 führten zur vollen Arbeitnehmerfreizügigkeit innerhalb der EU (vgl. Ausgaben 5/11, 4/11). Im Jahr 2009 verabschiedete die Europäische Kommission ferner eine Richtlinie (2009/50/EG), die den Arbeitsmarktzugang für hochqualifizierte Drittstaatsangehörige eröffnete (vgl. Ausgabe käptn peng l). In Deutschland wurde diese Blue Card im August 2012 in nationales Recht überführt (vgl. Ausgaben 6/13, 4/12, 9/11). Die Anforderungen sind ein Hochschulabschluss oder ein Arbeitsvertrag mit Mindesteinkommen. Das Anerkennungsgesetz vereinfachte im gleichen Jahr die Anerkennung im Ausland erworbener Berufsqualifikationen (vgl. Kurzdossier Nr. 18). Im Jahr darauf wurde für technische und Pflegeberufe die bereits bestehende Positivliste für Mangelberufe durch die Änderung der Beschäftigungsverordnung des Bundes erweitert (vgl. Ausgaben 3/13, 2/13, 1/11). Daneben bestand schon zuvor die Möglichkeit, individuell Fachkräfte über die Zentrale Auslands- und Fachvermittlung (bis 2007 Zentralstelle für Arbeitsvermittlung, ZAV) anzuwerben, sofern keine deutschen oder europäischen Bewerber zur Verfügung standen.

Anwerbeprogramme

Eine aktive Rekrutierungspolitik von nationalstaatlicher Seite setzte verstärkt im Zuge der europäischen Wirtschafts- und Finanzkrise sowie der seit Jahren geführten gesellschaftspolitischen Debatte um den demografischen Wandel ein. Das politische Ziel der Fachkräfteanwerbung und -ausbildung wurde mit den Programmen "MobiPro-EU", "Triple Win" und "Make it in Germany" konkretisiert.

Das vom Bundesarbeitsministerium Ende 2012 initiierte Programm "MobiPro-EU" bezweckt unter anderem mit Ausbildungszuschüssen und Zuschüssen für Reise- und Umzugskosten die Anwerbung junger, Arbeit suchender Menschen aus Südeuropa für Ausbildunsberufe im dualen System Deutschlands. Mit bislang 9.000 Bewerbungen war die Nachfrage deutlich größer als von der Bundesregierung erwartet. In diesem Jahr waren die geplanten Mittel aufgrund der großen Nachfrage schon nach drei Monaten aufgebraucht, so dass das bis 2018 laufende Programm unter viel Kritik zum 1. April aus Kostengründen ausgesetzt wurde.

Im Jahr 2013 wurde "Triple Win", ein Programm zur Rekrutierung von Pflegekräften in Bosnien-Herzegowina, Serbien und auf den Philippinen, als Kooperation der ZAV und der bundeseigenen Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GIZ) etabliert. Der Begriff „Triple Win“ zielt dabei auf einen möglichen dreifachen Vorteil – für die angeworbene Arbeitskraft, das Unternehmen in Deutschland und das Herkunftsland, das arbeitslose Fachkräfte abgibt und mit Rücküberweisungen rechnen kann. Ob das Herkunftsland tatsächlich immer gewinnt, gerade im sensiblen Gesundheits- und Pflegebereich, ist umstritten, da Arbeitskräfte im Gesundheitsbereich in vielen der betroffenen Länder selbst knapp sind. Bislang wurden allerdings nur gut 130 Pflegekräfte vermittelt.

Politisch breiter angelegt ist das im Juni 2012 vom Bundeswirtschaftsministerium (BMWi) zusammen mit dem Bundesarbeitsministerium und der Bundesagentur für Arbeit (BA) aufgelegte Programm "Make it in Germany". Es wurde als Informations- und Koordinationsportal innerhalb der Fachkräfteoffensive der Bundesregierung 2013 konzipiert und richtet sich an ausgebildete Fachkräfte, Studierende und Auszubildende in und außerhalb der EU. Proaktive Rekrutierung wird in Zusammenarbeit mit der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit in den Pilotländern Indien, Indonesien und Vietnam betrieben. Seit Programmbeginn gingen laut BMWi 15.000 Anfragen internationaler Fachkräfte ein. Es sei "bereits zu ersten Vermittlungen in offene Stellen in Engpassberufen gekommen", heißt es. Genaue Zahlen werden bislang nicht an die Öffentlichkeit gegeben. Im Vergleich dazu sind seit Sommer 2012 insgesamt rund 12.000 Personen über die Blue Card nach Deutschland zugewandert, also auf individuellem Weg ohne Förderung durch ein staatliches Programm.

Perspektiven

Neben den nationalen Programmen gibt es mittlerweile eine Vielzahl an dezentralen Initiativen staatlicher (Regionaldirektionen der BA, Landkreise, Städte, Gemeinden) und nicht-staatlicher Akteure (IHKs, Nationales MINT-Forum usw.). Was aber noch aussteht, ist eine stärkere Koordination der einzelnen Maßnahmen und deren Ausweitung sowie ein kohärentes, von der Politik begleitetes Konzept für eine auf Dauer angelegte proaktive Migrationspolitik, wie sie der Sachverständigenrat der deutschen Stiftungen für Integration und Migration oder die Bertelsmann-Stiftung wiederholt forderten (vgl. Ausgaben 5/13, 4/13). Wenn ab 2020 die Generation der Babyboomer in den Ruhestand geht, wird sich das Problem des Fachkräftemangels und der alternden Gesellschaft verschärfen. Ob der Demografiegipfel des Bundes zur Lösung des Problems ein nachhaltiges Konzept liefert, wird sich im Frühjahr 2015 mit Vorlage seiner Ergebnisse zeigen.

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Autor: Rainer Ohliger für bpb.de
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